Der Hauptbahnhof einer Metropole galt Ende des 19. Jahrhunderts als ihr Entrée und Aushängeschild. In Antwerpen markiert das prunkvolle Bahnhofsgebäude den Machtanspruch der damaligen belgischen Weltmacht mit seinen Kolonien in Afrika. Schon von Weitem ist die markante 75 Meter hohe Kuppel des Empfangsgebäudes sichtbar. Für den seit 1899 geplanten und 1905 von König Leopold II. eingeweihten Prunkbau im eklektizistischen Stil ließ sich der belgische Architekt Louis de la Censerie von dem Pantheon in Rom inspirieren. Römische Ästhetik und belgischer Jugendstil prägen auch das majestätische Innere. Mehr als zwanzig Marmorarten wurden im pompösen Empfangsgebäude verbaut. Glas und Gold funkeln an Wappen und Marmorsäulen. Antwerpens „Eisenbahnkathedrale“, wie der Bau schon bald nach der Eröffnung von den Einwohnern der Stadt getauft wurde, ist mehrfach von internationalen Magazinen und Zeitungen wie Newsweek oder The Telegraph als einer der schönsten Bahnhöfe der Welt bezeichnet worden. In die Seitentrakte der Empfangshalle zogen neben Läden für bahnhofsüblichen Bedarf auch noble Juweliergeschäfte. Schließlich ist Antwerpen für sein Diamantenviertel berühmt.
Eine breite Marmortreppe mit verzierter Brüstung führt hinauf zu den Bahnsteigen. Eine kuppelüberspannende Glasrosette im Jugendstil markiert den Übergang. Die stählerne Bahnsteigüberdachung wurde zwischen 1895 und 1899 von Clement van Bogaert entworfen. Sie misst beeindruckende 186 Meter in der Länge, ist 66 Meter breit und 43 Meter hoch. Durch die große Höhe konnten Dampflokomotiven ohne größere Beeinträchtigung der Atemluft einfahren. Die großen Spannweiten der Stahlträger galten damals als bautechnische Meisterleistung. Die Kuppel des Empfangsgebäudes wurde aus kalkhaltigem Vinalmontstein errichtet. In den 1950er-Jahren begann sich der Stein allerdings zu zersetzen und herabfallende Steine gefährdeten Fahrgäste. Es gab Überlegungen für einen Abriss. In den 70er-Jahren rettete der Denkmalschutz das Gebäude vor entsprechenden Plänen. Eine grundlegende Renovierung des Gebäudes begann jedoch erst ab 1986.
Das gestiegene Verkehrsaufkommen zur Jahrtausendwende machte einen Umbau des Kopfbahnhofes mit seinen zehn Gleisen notwendig. Zwei neue Untergeschosse mit jeweils vier Gleisanlagen wurden eingezogen. Auch eine Nord-Süd-Durchquerung für internationale Verbindungen mit Hochgeschwindigkeitszügen wie TGV, Eurostar oder ICE wurde unter Bahnhof und Antwerpener Innenstadt gebaut und 2007 eröffnet. Dadurch ist Antwerpen kein reiner Kopfbahnhof mehr und Reisezeiten konnten erheblich verkürzt werden. Das prunkvolle Empfangsgebäude blieb auch nach dem Einbau von 40 Aufzügen und 48 Rolltreppen unverändert.



Um ihr Bahnhofjuwel bei Dunkelheit optimal in Szene zu setzen und seine historische Bedeutung zu betonen, wurde von der Stadtverwaltung 2012 ein aufwändiges Beleuchtungskonzept beschlossen. Eine sichere und einladende Atmosphäre in der Stadt sollte durch die Beleuchtung geschaffen werden. Mit einer akzentuierten Beleuchtung von 360 energieeffizienten, kleinen und unauffälligen LED-Flutern wurden architektonische Details hervorgehoben, Türme und Kuppeln betont sowie ein warmer Gesamteindruck auf der Fassade erzeugt. Mit einem programmierbaren Steuerungssystem können verschiedene Lichtszenarien erzeugt und die Beleuchtungsstärke im Verlauf der Nacht angepasst werden. Dadurch wird, neben der Umrüstung auf LED-Lampen, weitere Energie eingespart. Mit seinem prachtvoll illuminierten Eingangstor schickt Antwerpen heute (anders als bei der Eröffnung, als Belgiens Macht demonstriert werden sollte) einen herzlichen Willkommensgruß an alle Gäste.
WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 10.03.2026