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Im Kampf gegen das Vergessen

Foto (generiert mit KI): Adobe Stock

WELT-ALZHEIMERTAG

Im Kampf gegen das Vergessen

Unter Hochdruck arbeitet die Alzheimer-Forschung daran, Früherkennungstests und Therapien zu entwickeln, die greifen, lange bevor sich erste Symptome zeigen

Erst das Gedächtnis verlieren, später dann die komplette Identität: An Alzheimer zu erkranken bedeutet, die letzten Jahre des Lebens im geistigen Dämmerzustand zu verbringen. Tatsächlich ist die Krankheit die mit Abstand häufigste Demenzform: Von den rund 1,8 Millionen Demenzkranken in Deutschland leiden die meisten von ihnen an der Alzheimer-Krankheit. Jeden Tag erkranken hierzulande fast 1000 Personen neu an Alzheimer – und aufgrund der demographischen Entwicklung ist abzusehen, dass die Zahl der Patienten in den nächsten Jahren steigen wird. Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft könnten 2050 sogar bis zu 2,8 Millionen Menschen über 65 Jahre betroffen sein, wenn es bis dahin keinen Durchbruch in Prävention und Therapie gegeben hat.

„Alzheimer-Proteine“

Seit Alois Alzheimer die Erkrankung vor fast 120 Jahren entdeckte, läuft die Forschung auf Hochtouren. Dennoch ist vieles immer noch unklar. Fest steht, dass es sich um eine fortschreitende degenerative Erkrankung des Gehirns handelt, bei der immer mehr Nervenzellen zerstört werden, bis schließlich rund 20 Prozent an Hirnmasse verlorengegangen sind. Zwei Eiweiße scheinen eine Schlüsselrolle zu spielen: beta-Amyloid, kurz Amyloid, und Tau-Proteine. Die meisten Experten gehen inzwischen davon aus, dass der Erkrankungsbeginn von Amyloid eingeleitet wird, das Jahre vor den ersten Symptomen Klumpen um die Gehirnzellen bildet. Dabei setzt es sehr wahrscheinlich eine Kaskade in Gang, die auch das Innere der Nervenzellen erfasst und dort zu chemischen Veränderungen des Tau-Proteins führt, das normalerweise die Transportbahnen in den Nervenzellfortsätzen stabilisiert. Bei der Alzheimer-Krankheit sind die Tau-Proteine jedoch fadenartig zu Fibrillen (neurofibrilläre Tangles) verklumpt. Dadurch kommt der Nährstofftransport zum Erliegen, und die betroffenen Nervenzellen sterben ab. Von den Tau-Ablagerungen sind zuerst die Gehirnregionen betroffen, die für die räumliche Orientierung und das Erinnerungsvermögen zuständig sind; von dort breitet sich das krankhafte Geschehen weiter aus. Mit der Zeit nimmt die Fähigkeit der Gehirnzellen, Ausfälle von geschädigten Zellnachbarn zu kompensieren, immer mehr ab - bis sich der fortschreitende Hirnabbau durch erste auffällige Symptome bemerkbar macht.

Was genau am Anfang der fatalen Proteinveränderungen steht, darüber kann bislang nur spekuliert werden. Vermutlich wirken verschiedene Risikofaktoren zusammen, allen voran das Alter in Kombination mit einem ungesunden Lebensstil und dadurch bedingten Erkrankungen wie Bluthochdruck, Übergewicht und hohe Cholesterinwerte. Außerdem ist bekannt, dass Menschen mit einer bestimmten Genvariante (für Apo-Lipoprotein E 4) mehr als andere gefährdet sind, an Alzheimer zu erkranken; dies gilt in einem noch stärkeren Maße für Personen mit einer direkten Familienvererbung. Demgegenüber scheinen eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, soziale Kontakte und viele geistige Anregungen für das Gehirn das Krankheitsrisiko zu senken. Ebenso haben offenbar die zeitnahe Behandlung einer Sehschwäche beziehungsweise Schwerhörigkeit oder der Schutz vor Kopfverletzungen, etwa mit einem Helm beim Rad- oder Skifahren, vorbeugende Effekte.

Wurde jedoch erst einmal die Diagnose „Alzheimer“ gestellt, lässt sich ein Fortschreiten der Erkrankung allenfalls etwas verlangsamen. Denn bislang ist es nicht gelungen, wirksame Arzneistoffe zu entwickeln, die die schädlichen Proteinablagerungen im Gehirn entweder gar nicht erst entstehen lassen oder abbauen, bevor sie sich zu Plaques verklumpen. Erst im Juli hat die EU-Arzneimittelbehörde EMA die Empfehlung eines in den USA bereits seit Mitte 2023 zugelassenen - Antikörpers namens Lecanemab unter anderem mit Hinweis auf mögliche schwere Nebenwirkungen (vorerst) abgelehnt. Dieser Antikörper richtet sich gegen die Amyloid-Ablagerungen, kann aber nur in einem frühen Krankheitsstadium eingesetzt werden, wenn die geistige Leistungsfähigkeit noch kaum beeinträchtigt ist. Andere Wirkstoffe befinden sich am Anfang der klinischen Prüfung, etwa ein experimentelles Medikament (Antisense-Oligonucleotid), das darauf abzielt, die Produktion von Tau-Proteinen zu drosseln. So bleibt die medikamentöse Alzheimer-Therapie bislang vor allem darauf beschränkt, Symptome wie Gedächtnisstörungen, Einbußen der Alltagsfertigkeiten oder Verhaltensstörungen zu mildern, etwa mit Acetylcholinesterase-Hemmern. Auch Maßnahmen wie Gedächtnistraining, Ergotherapie, Musik- oder Kunsttherapie sollen dazu beitragen, die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen möglichst lange zu erhalten.

Früherkennung

Dass die Wirkung der Alzheimer-Therapie bislang begrenzt ist, hängt vor allem mit dem Zeitpunkt der Diagnose zusammen, die meist erfolgt, wenn das Gehirn schon stark geschädigt ist. Es wäre also viel gewonnen, wenn die Behandlung lange vor Beginn der ersten Symptome einsetzen würde. Dies setzt jedoch eine exakte Frühdiagnose voraus - ein weiteres Brennpunktthema der Alzheimer-Forschung. Im Fokus steht die Entwicklung von verlässlichen Biomarkern, die im Blut nachgewiesen werden und mit denen nicht nur Alzheimer diagnostiziert, sondern auch das Krankheitsstadium ermittelt werden kann - und dies am besten, noch bevor es zu einem größeren Zelltod im Gehirn gekommen ist. Immerhin ist die Bestimmung von Tau-Proteinen und beta-Amyloiden im Nervenwasser (Liquor) bereits möglich; sie wird neuerdings auch von der S3-Leitlinie „Demenz“ zur Diagnostik empfohlen. Deutlich aufwändiger und kostenintensiver ist der Einsatz von bildgebenden Verfahren wie die Positronenemissionstomographie (PET), mit der jedoch zuverlässig alzheimertypische Befallsmuster in bestimmten Gehirnarealen aufgedeckt werden können. 

Wertvolle diagnostische Hinweise liefern auch standardisierte Demenztests (psychometrische Tests). Diese sind schon allein deshalb unerlässlich, um andere mögliche – und oftmals gut zu behandelnde – Ursachen wie Stoffwechselstörungen oder einen Vitamin-B12-Mangel für auffällige Gedächtnis- und Orientierungsschwierigkeiten sicher ausschließen zu können. Wichtige Anlaufstellen sind Gedächtnisambulanzen oder Gedächtnissprechstunden. Eine Übersicht über alle Gedächtnissprechstunden bietet die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP): dggpp.de/gedaechtnissprechstunde/. Nicole Schaenzler

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 21.09.2024

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