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Im Fokus: Kinder und Jugendliche

Immer mehr junge Menschen werden durch die aktuellen Dauerkrisen psychisch krank. Foto: Adobe Stock

TAG DER SEELISCHEN GESUNDHEIT

Im Fokus: Kinder und Jugendliche

Die Corona-Pandemie, Kriege und Krisen haben sich zu ernsten Bedrohungen für die seelische Gesundheit junger Menschen entwickelt

Wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt: „There is no health without mental health – Es gibt keine Gesundheit ohne seelische Gesundheit“ gilt dies in besonderem Maß für Kinder und Jugendliche. Seelische Widerstandskraft und psychische Gesundheit sind schließlich die dringend benötigte Basis für ihre weitere Entwicklung und ihren späteren Lebensweg. Doch die mentale Verfassung des Nachwuchses bereitet zunehmend Sorge. Fühlten sich schon vor der Corona-Pandemie rund 18 Prozent der Kinder und Jugendlichen von psychischen Beschwerden betroffen, so zeigen seither bis zu einem Viertel von ihnen Symptome psychischer Erkrankungen. Prävention und Hilfsangebote sind also notwendiger denn je. 

Kind zu sein oder als Jugendlicher mit den steigenden Anforderungen des Lebens umzugehen, war ohnehin noch nie einfach. Zudem hat die schnelllebige Leistungsgesellschaft mit ihren Begleiterscheinungen in allen Lebensbereichen schon vor der Corona-Pandemie den Druck auf Heranwachsende erhöht. Ihre Anfälligkeit für psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Depressionen, Verhaltensstörungen wie Selbstverletzungen oder Suchterkrankungen kam schon vor dem Ausbruch von Covid-19 nicht von ungefähr. Doch die Pandemie mit ihren das soziale Leben von Kindern und Jugendlichen in besonders gravierendem Ausmaß durcheinander rüttelnden Maßnahmen hat die üblichen Entwicklungsschritte erschwert bis fast unmöglich gemacht. Erst kam die auch für Erwachsene schwer zu meisternde Erfahrung einer pandemischen Bedrohung, dann der Kriegsbeginn in der Ukraine, Elternängste durch Inflation und Energiekrise, dazu das immer deutlicher sicht- und spürbare Dauerrauschen des Klimawandels und nicht zuletzt der Gaza-Krieg: Die Zunahme psychischer Belastungen durch sich aneinanderreihende und addierende Krisen sowie die Unsicherheit des Alltags und der Zukunft beunruhigen und verunsichern Kinder und Jugendliche. Mussten sie aus Kriegsgebieten flüchten, leiden sie zudem oft unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Zu den Auswirkungen der Pandemie auf die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen liegt eine Fülle von Untersuchungen und Studien vor, die sich in Methoden, Schwerpunkten und Ergebnissen unterscheiden. Ihr übereinstimmender Tenor: Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen ist während der Pandemie weiter gestiegen und seither in unterschiedlichen Ausprägungen in den Klassenzimmern präsent. Dies zeigt zum Beispiel die schulbasierte Fragebogenstudie „Präventionsradar“ der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Sie wird seit dem Schuljahr 2016/2017 in der Sekundarstufe I durchgeführt. In ihrer mit dem Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) in 14 Bundesländern durchgeführten Untersuchung hat die DAK im Schuljahr 2023/2024 rund 23.000 Schülerinnen und Schüler befragt und im „Präventionsradar 2024“ die Ergebnisse präsentiert. Sie sind alarmierend: „Die Situation der Schulkinder in Deutschland verschlechtert sich“, so die DAK in einer Pressemitteilung vom 12. August dieses Jahres. „Mehr als die Hälfte berichten von Erschöpfung, fast ein Drittel von erhöhter Einsamkeit. Viele Jungen und Mädchen haben Schlafprobleme, Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen.“ Der Anteil der unter mindestens zwei Beschwerden pro Woche leidenden Kinder sei in den vergangenen sechs Jahren um rund ein Viertel auf 46 Prozent gestiegen. Auch würden drei Viertel der Schulkinder von Krisen ängsten geplagt. Krisenängste und Einsamkeit beträfen besonders Jungen und Mädchen mit sozial schwachem Familienhintergrund, so die DAK weiter. Bei Kindern und Jugendlichen, die häufiger krisenbezogene Ängste erlebten, zeigten sich auch häufiger depressive Symptome. 

Auch die Ende 2022 veröffentlichte fünfte Befragung der Copsy-Studie war zu dem Ergebnis gekommen, dass im damals dritten Jahr der Pandemie zwar nicht mehr primär durch die Pandemie, aber durch nachrückende Krisen insbesondere die psychische Gesundheit von Kindern aus sozial schwächeren Verhältnissen – also solchen mit weniger gebildeten Eltern, in beengten Wohnverhältnissen oder mit Migrationshintergrund – gefährdeter sei als die von Kindern mit unterstützenden Rahmenbedingungen. Die Copsy-Studie (eine Wortbildung aus Corona und Psyche) der Forschungsabteilung Child Public Health am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf geht seit 2020 in jährlich wiederkehrenden Befragungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland den Auswirkungen der Pandemie auf deren psychische Gesundheit nach. Fest steht: Auch hier hat die Pandemie wie ein Brennglas gewirkt und bestehende Probleme noch deutlicher gemacht. Seit rund zwei Jahrzehnten verschlechtere sich die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weltweit, warnte Mitte August im renommierten medizinischen Fachmagazin Lancet eine Kommission internationaler Experten. In einem Brandbrief erklärte sie, dass die Situation der unter anderem auch unter abnehmendem sozialen Zusammenhalt oder zunehmenden politischen Polarisierungen leidenden Kinder und Jugendlichen nicht nur für diese selbst, sondern für die ganze Gesellschaft gefährlich sei. Denn deren Fortentwicklung sei auf die heute Heranwachsenden angewiesen. Ihre psychische Gesundheit durch bessere und zielgruppengerechtere Vorbeugung und Behandlung angemessen zu gewährleisten, sei dringend vonnöten, so die Kommission. Auf ihre Ergebnisse und die des DAK-Präventionsradars 2024 geht die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) in einer Pressemitteilung vom 22. August 2024 ein. Die Kammer fordert darin, „verstärkt Maßnahmen zur Prävention und zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen zu ergreifen.“ 

2023 hat das Bundesgesundheitsministerium das Modellprojekt „Mental Health Coaches“ an bundesweit mehr als 100 Schulen gestartet. Unter dem Motto „Sagen was ist – tun was hilft“ arbeiten seit einem Jahr Fachkräfte aus den Bereichen Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Psychologie an Schulen ab der Sekundarstufe I. Sie vermitteln, wie junge Menschen bei psychischen und sozialen Problemen vertiefende Hilfs- und Beratungsangebote annehmen und erste Kontakte herstellen können. Manches ist also auf einem guten Weg, doch sehr viel mehr muss noch getan werden. Wie beispielsweise sehr viel mehr Therapieplätze zu schaffen, denn eine Therapie in jungen Jahren kann das Risiko für eine psychische Erkrankung im Erwachsenenalter senken. Ina Berwanger

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 10.10.2024

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