Aus Studien ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche heute häufiger psychische Probleme haben als vor der Corona-Zeit. Es begann mit der Isolation während der Pandemie. Danach rissen die schlechten Nachrichten nicht ab: Kriege, gefährdeter Wohlstand und die dramatischen Umweltprognosen angesichts der Klimakrise verbreiten auch bei den Jungen eine düstere Schwere. Das Bilder- und Wertechaos in der digitalen Welt trägt genauso dazu bei wie der Erwartungsdruck, den die Bilder von schönen, coolen Influencern und Influencerinnen erzeugen. Zahlen, die diesen Trend belegen, stammen zum Beispiel aus der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg. Sie erfasste zwischen 2020 und 2024 die Auswirkungen der Corona-Pandemie und anderer Faktoren auf das psychische Befinden von Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 22 Jahren. Dabei zeigte sich, dass individuelle Faktoren wie Bildungshintergrund, Funktionalität der Herkunftsfamilie und Medienkonsum eine messbare Rolle für die psychische Resilienz der Studienteilnehmenden spielen.
So überrascht es nicht, dass das Wohl junger Menschen auch bei der bundesweiten Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober im Fokus steht. Das Motto lautet: "Lass Zuversicht wachsen - psychisch stark in die Zukunft". Mit im Boot sind Selbsthilfeverbände, psychosoziale Einrichtungen und Initiativen in 100 Regionen und Städten. Mehr als 900 Veranstaltungen für junge Menschen, ihre Eltern und Betreuungspersonen informieren über niederschwellige Hilfs- und Beratungsangebote sowie Maßnahmen zur Selbstfürsorge. ZDF, 3sat und arte ergänzen mit Spielfilmen, Dokumentationen und Reportagen zum Thema. Ab 9. Oktober ist der Themenschwerpunkt in der ZDF-Mediathek verfügbar.
Belastete Kinder und Jugendliche brauchen Hilfe, die sie ganz klassisch in den Praxen der Therapeuten und Therapeutinnen finden. Das persönliche Gespräch, die Bindung zum Gesprächspartner und die Präsenz eines empathischen Gegenübers sind wichtige Faktoren für den Heilungsprozess. Doch es gibt noch weitere ergänzende Möglichkeiten, Menschen zu stärken, mit anderen zusammenzubringen und über ihre Ressourcen zu informieren. Viele davon sind auch online zu finden.
Hilfe in der ersten Lebenskrise
Die seelische Widerstandskraft in schwierigen Zeiten zu stärken und Jugendlichen damit zu einem besseren Standing zu verhelfen, hält Anna Frey für einen wichtigen Ansatz. Sie gehört zur Steuerungsgruppe des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit und ist Vorsitzende des Vereins jungagiert: "Widerstandskraft im Sinne der Resilienz meint nicht den Gedanken ,nichts kann mir etwas anhaben', sondern das Bewusstsein dafür, in einer Krise nicht allein zu sein. Zu wissen, ich bekomme Hilfe, ich habe Menschen, an die ich mich wenden kann, ich kenne Tools." Zu diesen Tools gehört ihre digitale Selbsthilfekontaktstelle DISEKO, die Menschen bei der Suche nach Selbsthilfegruppen unterstützt: „Wir wirken daran mit, dass gerade junge Menschen in ihrer vielleicht ersten Lebenskrise die Erfahrung machen, dass es Hilfe gibt.“ Der Schritt heraus aus der Isolation, weg von den ewig kreisenden Gedanken und in den Kontakt mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen bringt häufig eine große Erleichterung mit sich.
“Ich bin alles“, so lautet der Name des Infoportals zur Depression und psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen, ein Projekt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU München mit Unterstützung der Beisheim Stiftung. Auf der Seite gibt es jeweils einen Bereich für Jugendliche und Eltern, der zielgruppengerecht wissenschaftlich basierte Informationen rund um das Thema bietet. Das Angebot wendet sich an alle Interessierten und von der Krankheit Betroffenen. Besucher erfahren, wie sie ihre psychische Gesundheit in schwierigen Zeiten erhalten können. Mobbing erkennen und sich entziehen, bei Stress die Notbremse ziehen, positives Denken üben und Medienkonsum kontrollieren sind etwa wichtige Schritte.
Wie erkenne ich eine Depression? Was will sie mir sagen? Welche Behandlungsoptionen gibt es (mit Kontaktadressen) und wie kann ich Betroffene unterstützen? Vermittelt wird dies bunt und abwechslungsreich mit Erklärvideos mit jungen Moderatoren, Interviews, untermalt von Musik. Dazu gibt es eine Mediathek mit noch mehr Filmen und Podcasts sowie einen Downloadbereich.
Für Menschen aller Altersgruppen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, wurde die App "MindDoc“ von Experten aus dem Bereich der Psychotherapie der Schön Klinik Gruppe entwickelt. Sie unterstützt als Selbsthilfe-Tool, dient aber auch zur Vorbereitung auf eine Psychotherapie oder wenn eine Wartezeit überbrückt werden muss. Die App funktioniert in vier Stufen: Jeden Tag beantworten die Nutzer Fragen zu ihrem seelischen Befinden und entwickeln so ein Gespür für ihre Bedürfnisse.
Die Daten werden in übersichtlichen Grafiken aufbereitet, die Regelmäßigkeiten und Muster erkennen lassen, auf die die Nutzer aktiv mit heilsamen Maßnahmen reagieren können. Regelmäßiges Feedback zum Befinden hilft zu erkennen, was gut läuft und wo Belastungen. auftreten. Zudem gibt es Kurse und Übungen die Wege aufzeigen, um die eigenen Ziele zu verfolgen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, Stress abzubauen oder sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Daneben bietet “MindDoc“ auch Psychotherapie per Videocall an, deren Kosten von einigen gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.
"Klarheit bringt Heilung“, wird der große Pionier der Psychoanalyse Sigmund Freud zitiert. In seiner Tradition beschäftigen sich Cécile Loetz und Jakob Müller in ihrem spannenden Podcast „Rätsel des Unbewussten“ mit Erkenntnissen und Strömungen der Tiefenpsychologie. Der "Podcast zur Psychoanalyse und Psychotherapie" für Wissbegierige hat über 300.000 Abonnenten und ist in der Top Ten der Wissenschaftspodcasts bei Spotify. Wie erklärt sich sein Erfolg? Beim tiefenpsychologischen Ansatz geht es wesentlich darum, Leidende von ihren quälenden Beschwerden zu befreien. Der Podcast geht weiter, er forscht nach den Ursachen für die Symptome, die häufig tief liegen, einerseits weit zurück in der Vergangenheit, andererseits verborgen im Unbewussten und dem Alltagsdenken kaum zugänglich.
Zügige Hilfe
Therapien nach diesem Verständnis dauern lange und können anstrengend sein, dafür können sie zu nachhaltigen Reifungsschritten der Persönlichkeit verhelfen. Wie Menschen tief im Innern ticken, darum geht es in über 90 Folgen des Podcasts, die alle zwei Wochen erscheinen - zuletzt über Panikstörungen, Phobien, abwesende Väter, Schuldgefühle oder Krankheitsangst. Mehrteilige Fallgeschichten berichten über Behandlungen von Menschen mit Borderline-Syndrom oder Depression. Ein Podcast, der die Dimension dessen, was den Menschen tief im Innern ausmacht, aufscheinen lässt.
Zügige Hilfe bei seelischen Problemen verspricht ein Anruf der Nummer 116117 oder die Seite www.116117.de , ein allgemeiner Patientenservice, der auch psychotherapeutische Hilfe vermittelt. Längstens eine Woche Wartezeit auf einen Termin hat man; das erste Gespräch ist spätestens nach vier Wochen. In akuten Fällen warten Leidende zwei Wochen. Wenn in dieser Zeit kein Termin in einer Praxis vermittelt werden kann, muss die Servicestelle einen Klinikplatz organisieren.
Sona Hähnel
Erschienen im Tagesspiegel am 10.10.2025