Müde, antriebslos, melancholisch oder einfach chronisch schlecht gelaunt: Wenn die Tage kürzer werden und das Wetter trüb ist, fühlen sich hierzulande fast ein Viertel der Männer und mehr als ein Drittel der Frauen deutlich unwohler als in den hellen, warmen Frühlings- und Sommermonaten. Inzwischen weiß man, dass sich dahinter auch eine ernsthafte Erkrankung verbergen kann: eine saisonal-affektive Störung, die „SAD“ (Seasonal Affective Disorder, saisonal-abhängige Depression) oder „Winterdepression“ genannt wird. Es ist nicht immer leicht zu erkennen, ob die Beschwerden noch als jahreszeitlich bedingte Stimmungsschwankungen ohne Krankheitswert oder schon als Symptome einer manifesten saisonal-abhängigen Depression verstanden werden müssen. Die Ärzte sprechen von einer Winterdepression, wenn die Beschwerden in zwei aufeinander folgenden Jahren in den Herbst- und Wintermonaten auftreten und im Frühling spontan wieder verschwinden. Ein weiteres Kriterium ist, dass es zwischenzeitlich zu keinen weiteren depressiven Episoden gekommen ist.
SAD hat ein hohes Risiko, erneut aufzutreten: Etwa zwei Drittel der Personen, bei denen eine saisonale Depression diagnostiziert wird, leiden im darauffolgenden Winter wieder unter den Symptomen. Ohne Behandlung besteht eine Winterdepression in den dunkleren Jahreszeiten praktisch durchgehend. Dabei stehen neben einer depressiven Stimmungslage vor allem ständige Müdigkeit, Energielosigkeit und oft auch ein gesteigerter Appetit im Vordergrund: Die Betroffenen schlafen und essen mehr – vor allem Süßes – und nehmen dadurch an Gewicht zu. Darin unterscheidet sich die Winterdepression von anderen Formen der Depression, für die in der Regel Schlafstörungen, Appetitmangel und Gewichtsverlust charakteristisch sind. Dass der Organismus durch den Rückgang der Sonnenstunden in den Herbst- und Wintermonaten so stark aus dem Gleichgewicht geraten kann, dass sich eine Form der Depression entwickelt, wurde von der Wissenschaft lange skeptisch gesehen. Erst 1984 wurde das Phänomen „Winterdepression“ von US-Wissenschaftlern beschrieben, seit Ende der Achtzigerjahre wird SAD als eigenständige Depressionsform geführt (mit ICD-Code). Dabei ist die Erkrankung gar nicht so selten: Allein in Europa dürfte die Zahl der Betroffenen bei etwa drei Prozent liegen. Aber es gibt deutliche regionale Unterschiede: Während eine Winterdepression in den südlichen Ländern kaum vorkommt, tritt sie in nördlichen Regionen bis zu fünfmal häufiger auf.
Auslöser Lichtmangel
Die meisten Menschen entwickeln die Winterdepression, wenn Ende Oktober die Uhren auf Winterzeit zurückgestellt werden. Noch sind die Entstehungsmechanismen nicht vollständig geklärt. Viele Experten gehen jedoch davon aus, dass der Abnahme des Tageslichts in der Spätherbst- und Winterzeit eine Schlüsselrolle zukommt. Denn das über die Augen aufgenommene Licht fungiert als Taktgeber für viele Prozesse, die im Körper als Zyklen ablaufen (zirkadiane Rhythmen). Im Fokus der Forschung steht vor allem das Zusammenspiel von Licht und der körpereigenen Melatonin- und Serotoninproduktion, das bei SAD offenbar zu Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus führt. Licht hat nämlich einen direkten Einfluss auf die Herstellung der beiden Hormone: Bei Dunkelheit wird viel Melatonin, aber kaum Serotonin gebildet, bei Helligkeit verhält es sich genau umgekehrt. Dies ist schon allein deshalb von Bedeutung, weil Melatonin unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert und schlaffördernd wirkt. Serotonin wird dagegen auch „Gute-Laune-Hormon“ oder „Glückshormon“ genannt, weil es unter anderem den Antrieb fördert, das Wohlbefinden steigert und stimmungsaufhellend wirkt. Wenn also weniger Tageslicht auf die Netzhaut fällt, sodass es zu einem Überschuss an Melatonin, aber zu einem Mangel an Serotonin kommt, entsteht eine Konstellation, die – so die Meinung vieler Forschender – zum Auslöser für die Entstehung einer saisonal-abhängigen Depression werden kann.
Nun ist es längst nicht so, dass wir im Winter alle eine saisonal-abhängige Depression entwickeln. Aber es gibt einige Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, allen voran eine genetische Veranlagung. Dagegen scheint eine SAD nicht von einem – hierzulande ebenfalls wintertypischen – Vitamin-D-Mangel ausgelöst zu werden, wie lange gemutmaßt wurde; dies legt zumindest eine aktuelle Studie von englischen Forschenden nahe.
Lichttherapie
So wie ein Mangel an Helligkeit eine Winterdepression hervorrufen kann, so hilfreich kann es sein, dem Organismus zur Bekämpfung der Erkrankung gezielt Licht zuzuführen. Auch wenn der genaue Wirkmechanismus noch unklar ist: Zahlreiche Studien bescheinigen der Lichttherapie bei SAD eine hohe Erfolgsquote. In der Mehrzahl der Fälle tritt bereits nach wenigen Tagen eine deutliche Besserung ein, meist verschwinden die Symptome nach zwei bis vier Wochen vollständig. Das Standardprotokoll sieht eine tägliche Nutzung von weißem Licht mit einer hohen Intensität von etwa 10.000 Lux für jeweils 30 Minuten am frühen Morgen nach dem Aufstehen vor. Aber auch eine Lichtintensität von 2500 Lux kann schon hilfreich sein. Zum Vergleich: Gewöhnlich bietet die Innenbeleuchtung lediglich etwa 300 bis 800 Lux. Wichtig ist, dass ein Abstand von 60 bis 80 Zentimetern zur Lichtquelle eingehalten wird und die Augen nicht geschlossen werden. Deshalb darf das Lichtspektrum auch keine augenschädigenden Ultraviolettstrahlen oder Infrarotlicht enthalten.
Es kann sein, dass das Lichtbad über die gesamte Risikozeit durchgeführt werden muss. Da die Lichttherapie jedoch einfach zu handhaben ist, sich problemlos zu Hause durchführen lässt und in der Regel gut verträglich ist, gehört sie zu den Verfahren, die ideal zur Selbsthilfe geeignet und deshalb auch nicht verschreibungspflichtig sind. Gelegentliche Beschwerden wie Augenreizungen, Kopfschmerzen und Hautrötungen klingen meist wenige Stunden nach der Bestrahlung wieder ab. Wer zum ersten Mal eine Lichttherapie durchführt, sollte sich vor Beginn allerdings vorsichtshalber von einem Augenarzt bestätigen lassen, dass keine Augenerkrankung vorliegt, die sich durch das Verfahren verschlimmern könnte. Zusätzlich sollte man sich viel im Freien aufhalten, am besten täglich für mindestens 30 Minuten. Denn selbst bei bewölktem Himmel bremst das natürliche Licht die körpereigene Melatoninproduktion. Außerdem steigt durch regelmäßige Bewegung der Serotoninspiegel – und die Stimmung hellt sich auf. Bleibt die erhoffte Stimmungserholung trotz dieser Maßnahmen aus, kann der Arzt zusätzlich Antidepressiva verordnen und/oder eine Psychotherapie empfehlen. Nicole Schaenzler
Erschienen im Tagesspiegel am 10.10.2024