Bahnhöfe hierzulande sind meist funktional konzipiert und dienen weder zum prunkvollen Repräsentieren als Eingangstor einer Stadt noch laden sie zum Verweilen ein. In Läden wird noch hastig Proviant oder Lesestoff für die Fahrt gekauft oder bei einem Kaffee und einem Imbiss die Wartezeit bis zurAbfahrt des Zuges überbrückt. Enge, Hektik und Stress herrschen oft auf dem Weg zu den Gleisen.
Madrids im Zentrum gelegenen Hauptbahnhof Puerta de Atocha sucht man hingegen auch gerne auf, wenn man gar nicht einen Zug erreichen möchte. Unter dem Glasdach der alten Bahnhofshalle wuchert schon seit 1992 ein botanischer Garten mit rund 70 großen Palmen, Farnen, Bananenstauden und einem Schildkrötenteich. Mehr als 7000 Pflanzen und rund 400 verschiedene Arten gedeihen hier auf einer Fläche von rund 4000 Quadratmetern. Die Halle gleicht einem tropischen Paradies, das zur Entspannung und zum Träumen einlädt. Gerne lässt man sich hier zum Essen oder auf einen Kaffee mit einer Crema Catalana in einem Oasen-Klima nieder, während draußen im Sommer die Hitze brütet oder im Winter kalter Nieselregen das Leben trist und anstrengend macht.
Doch Madrids Hauptbahnhof hat auch andere Zeiten erlebt: Zahlreiche Umbauten, einen Brand und 2004 den schrecklichen islamistischen Terroranschlag, bei dem in vier vollbesetzten Pendlerzügen zehn Sprengsätze detonierten. Zwei der vier Züge standen zu dem Zeitpunkt im Bahnhof Atocha. 193 Menschen starben bei dem Anschlag, über 2000 wurden zum Teil schwer verletzt. Drei weitere Bomben explodierten nicht und konnten später entschärft werden. Nach Ansicht von Experten hätten sie die immense Kraft gehabt, den Bahnhof Puerta de Atocha völlig zu zerstören.
Atocha wurde 1851 als Kopfbahnhof angelegt. Der erste Bahnhofsbau, die „Estación de Mediodía“, fiel einem Brand zum Opfer. An gleicher Stelle wurde zwischen 1888 und 1892 der heutige Bau mit seiner Dachkonstruktion aus Gusseisen und Glas von dem aus dem Baskenland stammenden Architekten Alberto de Palacio y Elissague erbaut. Gustave Eiffel, der Erbauer des Pariser Eiffelturms, stand ihm bei der Planung der 157 Meter langen und 27 Meter hohen Halle beratend zur Seite. Die Konstruktion wirkt wie ein Glaspalast und gilt als ein Meisterwerk des Jugendstils.
Zur Abfertigung der Hochgeschwindigkeitszüge wurde vom spanischen Architekten Rafael Moneo eine neue, größere, zeitgemäße Bahnsteighalle gebaut. Die transparente Architektur mit großzügigen Übergängen, hellen Oberflächen und Lichtachsen gibt der Halle ein übersichtliches, einladendes Ambiente. Lichtbänder im von eleganten schlanken Rund-
Nach Norden schließen an den Bahnhof Atocha drei zweigleisige Tunnel an, die quer unter der Stadt hindurch bis zum Bahnhof Chamartín führen. Die Arbeiten für den ersten Tunnel begannen bereits 1933, konnten aber erst 1967 abgeschlossen werden. Der Spanische Bürgerkrieg und Wirtschaftskrisen verzögerten immer wieder den Bau. Die zweite Röhre wurde 2008 dem Verkehr übergeben. Der Bau des dritten Tunnels begann 2010. Für 2012 war die Eröffnung vorgesehen. Doch Finanzkrise und Corona-Pandemie führten abermals zu erheblichen Verzögerungen. Am 1. Juli 2022 konnte schließlich der Betrieb aufgenommen werden. Seitdem sind Hochgeschwindigkeitsverbindungen vom Norden Spaniens nach Sevilla, Valencia und zwischen den Bahnhöfen Puerta de Arocha und Chamartín auf der sogenannten Regelspur möglich. Wolfram Seipp
Einladendes Ambiente
In den 1980er-Jahren wurde der zweite Madrider Fern-Bahnhof Chamartín ausgebaut. Puerta de Atocha verlor dadurch vorübergehend seine Funktion als wichtigster Bahnhof der Metropole. Durch die 1992 eröffnete Schnellverbindung von Madrid Atocha nach Sevilla erlangte er wieder seine Bedeutung als Hauptknotenpunkt Madrids zurück.
Erschienen im Tagesspiegel am 04.07.2026