Technische Vielfalt und brillante Farbigkeit - so lautet das Motto, unter welchem die Neue Sammlung im Kunstareal München derzeit ein „Best of“ der archivierten Glaskunstwerke zeigt. Darunter: freie künstlerische Objekte, architekturbezogene Entwürfe und seriell hergestelltes Hohlglas für den Alltagsgebrauch. All diese Modelle stehen für jene Faszination, die farbloses oder farbiges Glas ausstrahlt. Ebenso stehen sie für hohe technische Kunstfertigkeit, für eine vielseitige Formensprache und für ganz unterschiedliche Funktionsanforderungen.
Man muss wissen: Das Archiv der Neuen Sammlung umfasst rund 120.000 Modelle, eine Anzahl, die sie zur größten und nebenbei auch zur ältesten Designsammlung der Welt macht. Die wertvollen Stücke werden in fünf Depots rund um die Metropole München gelagert. Fünftausend davon sind dem Material Glas zuzurechnen, ob Gebrauchsgut oder Verpackungsglas, ob serielle Fertigung oder künstlerisches Unikat. Rund 250 Exponate wiederum haben die Kuratoren nun für diese Schau ausgesucht, die seit Anfang Juli in eigens dafür umgebauten Räumen zu sehen ist.


Das Ausstellungsdesign stammt vom Münchner Büro Oha, was für Office Heinzelmann und Ayadi steht. Unter der Devise „Enlightenment“ entwarfen Jan Heinzelmann und Sami Ayadi einen subtil ausgeleuchteten musealen Rundgang und verwendeten für ihre Display-Architektur beispielsweise industrielle Profilbausteine der Glasfabrik Lamberts in Wunsiedel.
Die Ausstellung bildet einen Zeitraum von zirka 1900 bis heute ab. Zu den Highlights zählt beispielsweise ein Exponat des US-amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright: Das von ihm gestaltete Fenster gehörte einst zum Coonley House in Illinois und ist ein Stück, auf das man hier besonders stolz ist, auch weil es ein Original ist, keine Replik. Nur ein paar Meter weiter überrascht eine dreiteilige monumentale Gussglasplastik des tschechischen Künstlerduos Lybenski Brychtova namens Space I bis III, die mit geometrischen Perspektiven spielt. Das Ehepaar zählt zu den Wegbereitern der Studioglas-Bewegung, ebenso wie Erwin Eisch, das Enfant terrible aus dem Bayerischen Wald, der hier mit seiner„Busenvase“ vertreten ist. Auch die deutschschwedische Künstlerin Ann Wolff, die zum Beispiel für Kosta Boda arbeitete, gibt sich mit Objekt Domus I ein Stelldichein, ebenso wie die Japanerin Mitsue Rishima mit den drei Modellen Tregole, Luminance und Ice Finger. Eine ganze eigene Abteilung verweist auf die Spielarten von Gebrauchsglas und bietet einen Streifzug durch mehrere Epochen und Länder:



Neben Entwürfen von Adolf Loos oder Koloman Moser aus Österreich fallen Modelle von Achille Castiglioni oder Wilhelm Wagenfeld ins Auge, allesamt Ikonen der Designwelt. Dazu gesellen sich Werkstücke von bestens etablierten Labels wie Lalique, littala oder Poschinger. Und neben Labor- und Apothekerglas von erstaunlicher Präzision glänzen perfekte Gebilde von finnischen Altmeistern wie Wirkkala oder Sarpaneva. Auch allseits bekannte Elemente der deutschen Alltagskultur finden sich hier ein: Flaschen von Coca-Cola, Fanta oder Libella, von Odol oder Maggi, dazu ein Develey-Senfglas oder die genoppte Mineralwasserflasche von Günter Kupetz, bis hin zur von Schott Zwiesel entwickelten Glaskollektion für den Münchner Barmann Charles Schumann.
Ob sachlich oder poetisch, profan oder sakral: Glas hat unzählige Facetten und Eigenschaften, das beweist zum Beispiel das von Gerhard Richter entworfene Musterfeld für ein Chorfenster der Abtei von Tholey. Auch im privaten Ambiente bilden Glas-Objekte einen Eyecatcher, wie ein Beistelltisch von Sebastian Herkner, ein modulares Regal von Karim Rashid oder die Stehleuchte Noctambule von Konstantin Grcic für Flos belegen. So bietet die Ausstellung zahlreiche Inspirationen, einen historischen Rückblick - und eine neue Perspektive auf ein Material, das über alle Epochen hinweg zu faszinieren vermag. FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 07.09.2024