Die Bezeichnung Fußgängerzone ist nicht ehrlich, denn sie suggeriert, der Verkehr sei dort zum Wohle der Fußgänger verbannt worden. Das ist aber nur Mittel zum Zweck, der da heißt: Verkaufsförderung. Kunden sollen sich durch die Geschäfte ungehindert und ungestört bewegen können.

Wer sich wohlfühlt, bleibt länger und lässt mehr Geld liegen. Als erste in Deutschland war es die von Warenhäusern und Einzelhandelsgeschäften gesäumte Limbecker Straße in Essen, die 1927 in eine „fahrverkehrsfreie Einkaufsstraße“ verwandelt wurde. In den 1950er-Jahren griffen die Idee vor allem die im Zweiten Weltkrieg von Bombenabwürfen schwer geschädigten Städte wie Kassel, Kiel und Stuttgart beim Wiederaufbau auf, kontinuierlich gefolgt von weiteren. Doch es regte sich auch Widerstand.
Je mehr Bürger ein Auto ihr Eigen nannten, umso geringer die Freude darüber, nicht mehr direkt vors Geschäft fahren zu können. Durch die Stadtzentren führten zudem Hauptverkehrsadern, die teils durch Wohngebiete umgeleitet werden mussten. Parkhäuser an den Zugängen zur Fußgängerzone sowie Untergrundbahnen mussten erst gebaut werden, um der potenziellen Kundschaft die Anfahrt zu erleichtern.
In der Autostadt München war die Sommerolympiade 1972 Grund und Möglichkeit, beim Umbau der Altstadt und auch dank des S-Bahn-Baus, die Kaufingerstraße in eine Fußgängerzone zu verwandeln. Die Neuhauser Straße wurde später angeschlossen, dann die Theatiner- und Sendlingerstraße.
Lange waren Fußgängerzonen als Konsumorte Ausdruck von Wohlstand und prosperierender Wirtschaft. Der Umstieg auf Onlinehandel verwandelt sie aber sukzessive in Einöden. Die Einkaufszonen werden nun tatsächlich zu Fußgängerzonen, die sich mit etwas Willen und Kreativität durchaus in attraktive Flaniermeilen verwandeln könnten.
REINHARD PALMER
Erschienen im Tagesspiegel am 06.09.2025