Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts war in Sachen Architektur in Deutschland von einer spannungsreichen Auseinandersetzung zwischen traditionsbewussten und avantgardistischen Strömungen geprägt. Ausgetragen wurde sie auch mittels Gründungen von Vereinigungen, Vereinen, Gesellschaften und Schulen, wobei die Idee der Architektur als Gesamtkunstwerk das gesamte Spektrum der bildenden Kunst und des Designs einbezog. Der erste Zusammenschluss von weittragender Bedeutung war sicher der Deutsche Werkbund, der als wirtschaftskulturelle „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“ 1907 in München gegründet wurde und bis heute existiert.
Die Abwendung vom Historismus zugunsten der Sachlichkeit in der Idee des„Form follows function des „Neuen Bauens“ griff Walter Gropius in Weimar auf, um daraus im Staatlichen Bauhaus, einer Kunstschule, eine avantgardistische Kunstepoche zu formen, die zunehmend die Tätigkeit des Werkbunds beeinflusste und 1927 in der Weißenhof-Siedlung in Stuttgart kulminierte. Die dort präsentierten Ideen vertrat auch die 1926 in Berlin gegründete Vereinigung führender Architekten „Der Ring“. Hervorgegangen ist sie aus dem zwei Jahre zuvor gegründeten „Zehner-Ring“, der jedoch auf Berlin beschränkt blieb und daher wenig bewirken konnte. Im neuen Ring sollte sich mit Anschluss an die Internationale Moderne das Neue Bauen der Weimarer Republik in Deutschland und Österreich gegen die konservativen Kräfte stemmen. Auch die Berliner Künstlervereinigung Novembergruppe wurde eingeladen. „Kein Verein. Kein Vorstand. Logencharakter, mit allen damit gegebenen Verpflichtungen der Mitglieder untereinander und nach außen“, so das Gründungsdokument der konstituierenden Sitzung.



Zu den Mitgliedern des Zehner-Rings Otto Bartning, Peter Behrens, Hugo Häring, Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Poelzig, Walter Schilbach sowie den Brüdern Bruno und Max Taut stießen nun unter anderem große Persönlichkeiten wie Hans Scharoun, Bernhard Pankok, Walter Behrendt und Walter Gropius dazu. Die konservativen Gegner der Moderne schlossen sich schon ein Jahr darauf zur Architektenvereinigung „Der Block“ zusammen, um aus dem Historismus heraus eine Architektur zu entwickeln, mit der einige Mitglieder im Kampfbund für Deutsche Kultur den Weg zur nationalsozialistischen Bauweise bereiteten, während alle avantgardistische Strömungen 1933 der Gleichschaltung zum Opfer fielen.
Die logenartige Form des Zusammenschlusses Der Ring sollte den individuellen Ausprägungen der Arbeit einzelner Mitglieder Rechnung tragen. Deshalb gab es auch keine einheitlichen Richtlinien. Das einzige Projekt, an dem gleich sechs Mitglieder - Bartning, Fred Forbat, Gropius, Häring, Paul Rudolf Henning und Scharoun - wirkten, wurde die Berliner Großsiedlung Siemensstadt (1929-1931), heute Unesco-Welterbe.
Eigentlich befindet sich die zu den Siemenswerken gehörende Siemensstadt im Bezirk Spandau, doch die sogenannte Ringsiedlung erweitert sie nach Charlottenburg-Nord hinein. Die Gesamtleitung beim Bau der Großsiedlung hatte der Stadtbaurat Martin Wagner, das städtebauliche Konzept entwarf Scharoun. Somit oblag die gesamte Realisierung Mitgliedern der Architektengemeinschaft Der Ring. Lediglich der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge war als Werkbund-Vertreter dabei. Typisch für die Zeit ist nach dem Motto Licht, Luft und Sonne die aufgelockerte Verteilung der parallel zueinander angereihten Wohnblöcke, die entsprechend von Freiräumen und Grünstreifen umgeben sind. Auf die Aspekte der Hygiene und des Sozialen wurde besonderer Wert gelegt. Auf einem Wiesenareal von 19,3 Hektar (zusätzlich 46,7 Hektar Pufferzone inklusive Volkspark Jungfernheide) entstanden so 1370 Wohnungen in Größen von 1,5 bis 3,5 Zimmern.
Die drei- bis viergeschossigen Hauszeilen sind von den jeweiligen Architekten individuell gestaltet. Die Räume dazwischen dienen nicht als Privatgärten, sondern sind ein Ort der Begegnung der Gemeinschaft. REINHARD PALMER
Erschienen im Tagesspiegel am 07.12.2024