In Deutschlands Städten spitzt sich der Wohnungsmangel weiter zu, weil der fehlende Neubau eine Entspannung der Lage nicht zulässt. Im Jahr 2024 wurden bundesweit lediglich rund 216.000 Wohnungen genehmigt. Auch im oberbayerischen Erding, 30 Kilometer von München entfernt, bleibt der Neubau deutlich hinter dem Bedarf zurück. Laut Pestel-Institut benötigt der Landkreis jährlich rund 1060 neue Wohnungen, doch die Fertigstellungen liegen deutlich darunter. Nun setzt die Stadt auf ein innovatives Konzept: Wohnen im Gewerbegebiet.

Im Erdinger Gewerbegebiet Bergham plant der Immobilienentwickler Jürgen Freiwald gemeinsam mit der Architektin und Professorin Ruth Berktold vom Münchner Büro Yes Architecture ein neues Quartier auf 15.000 Quadratmetern.
Etwa 70 Prozent der Flächen sind für 180 Wohnungen vorgesehen, die sich auf mehrere bis zu siebengeschossige Gebäude verteilen. Gewerbe, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten sollen bleiben und sogar ausgebaut werden. Kita, betreutes Wohnen, Ärztehaus und viel Grünfläche ergänzen das Konzept.
Nutzungskonflikten achtsam begegnen
Damit das funktioniert, muss die Stadt den Bebauungsplan ändern, um Nutzungskonflikte zu verhindern, etwa bei Schall- und Wärmeschutz. Dabei spielen sowohl die Bedürfnisse der künftigen Bewohnenden als auch die Interessen der Nachbarschaft und der Gewerbetreibenden eine zentrale Rolle. Moderne Gewerbeformen und technische Lösungen ermöglichen es aber, potenzielle Störungen weiter zu reduzieren. Obendrein bleibt bei der Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnraum wertvolle Bausubstanz erhalten. Gleichermaßen werden Kohlendioxid-Emissionen eingespart.
Der Erdinger Stadtrat hat bereits grünes Licht für den Aufstellungsbeschluss gegeben. Mit diesem Ansatz bietet Erding ein Beispiel für Städte, die neue Wege aus der Wohnungskrise suchen.
KELLY KELCH
Erschienen im Tagesspiegel am 07.10.2025