
Am Palmsonntag, also eine Woche vor Ostern, beginnt für Christen die wichtigste Woche im Kirchenjahr: die Karwoche. Die letzte Woche der Fastenzeit wird vielerorts auch „Heilige Woche“ (Semana Santa) genannt. In dieser Zeit gedenken Christen weltweit des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu Christi. Dabei hat jeder Tag seine eigene Bedeutung und ist mit besonderen liturgischen Bräuchen verbunden.
Palmsonntag erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem. Im Neuen Testament steht, dass Jesus dabei auf einem Esel ritt und ihn das begeisterte Volk mit Palmzweigen begrüßte. Daher werden vielerorts auch heute noch Palmzweige oder Palmbuschen genannte Weidenkätzchensträuße im Gottesdienst gesegnet. Die Buschen werden daheim auf Felder oder in Gartenerde gesteckt, um nach altem Volksglauben eine reiche Ernte zu sichern. Und sie sollen Haus und Hof das Jahr über vor Schaden schützen. Aus dem Mittelalter überliefert sind auch Palmprozessionen, bei denen eine prächtige Figurengruppe, der sogenannte Palmesel durchs Dorf gezogen wurde. Sie symbolisierte Jesus auf einem Esel reitend.
Montag, Dienstag und Mittwoch der Karwoche sind der Besinnung und der Vorbereitung auf das Gedenken an Leiden und Sterben Christi gewidmet. In einer über Jahrhunderte bewährten Dramaturgie erzählen die liturgischen Texte von den wachsenden Problemen der religiösen Führer ihrer Zeit mit dem angeblichen Konkurrenten Jesus. Der Gründonnerstag läutet die Höhepunkte der Karwoche ein und erinnert zugleich an das letzte Pessachfest, das Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung mit den zwölf Aposteln feierte; mit dem Pessachfest gedenken Juden bis heute der Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Gefangenschaft und ihres Durchzugs durch das Rote Meer. Bei diesem rituellen Mahl teilte Jesus das Brot, das er als seinen Leib bezeichnete. Zudem gab er seinen Jüngern einen Kelch mit Wein, den er sein Blut nannte. Sein Auftrag war: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“
In vielen Kirchen verstummen an diesem Tag die Glocken nach dem Gloria bis zur Osternacht. Weshalb die jungen Leute in dieser Zeit mit Ratschen durchs Dorf ziehen, um den Glockenklang zu ersetzen. Ein weiterer Brauch ist die Fußwaschung, die an Jesus erinnert, wie er demütig seinen Jüngern die Füße wusch.
Karfreitag ist der Tag der Kreuzigung Jesu. Er ist der strengste Fasten- und Trauertag im Kirchenjahr. In vielen Ländern ist er ein gesetzlicher Feiertag. Die Liturgie an diesem Tag ist schlicht, kein Gloria, kein Halleluja. Die Gläubigen denken an das Leiden Christi. Oft werden die 14 Stationen des Kreuzwegs gebetet, der den schmerzvollen Weg Jesu auf der Via Dolorosa in Jerusalem nacherzählt. Um 15 Uhr, zur Sterbestunde Jesu, gibt es besondere Andachten oder heutzutage immer öfter die berühmten Passionen Johann Sebastian Bachs oder anderer Komponisten. In vielen Gemeinden ist zudem ein reich geschmücktes Heiliges Grab aufgebaut. Der Brauch war lange Zeit fast in Vergessenheit geraten, doch wird er zunehmend wiederbelebt.
Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe, ein Tag der Stille und des Wartens auf die Auferstehung, das mit Osterfeuer, Osterkerzen und der Erneuerung des Taufversprechens beginnt. Mit der Verkündigung von Christi Auferstehung wird der festlichste Tag des Kirchenjahres eingeleitet. Für Gläubige ist die Karwoche eine Zeit des Innehaltens, der Spiritualität. Sie verbindet Trauer und Hoffnung, kumuliert geradezu in der unfassbaren Freude der Auferstehung an Ostern.
Erschienen im Tagesspiegel am 18.03.2026