Holz ist der Stoff, aus dem im Bregenzerwald die meisten Werk(t)räume sind, neben weiteren Naturmaterialien: Nirgendwo in Europa gibt es eine vergleichbare Dichte an Handwerksbetrieben wie im Bregenzerwald, heißt es. Genau diese Stärke im Handwerk zählt als Alleinstellungsmerkmal der Region im österreichischen Vorarlberg. Dahinter steht eine gezielte Kampagne, um dem jahrhundertealten Wissen um Traditionen und Fertigungstechniken den gebührenden Boden zu bereiten: Seit 1991 verschafft der alle drei Jahre stattfindende Gestaltungswettbewerb Handwerk + Form ausgezeichneten Entwürfen eine adäquate Bühne und fördert zudem die Zusammenarbeit von heimischen Handwerkern mit Gestaltern aus dem In- und Ausland.
Weil diese Entwürfe eine Heimat und eine Bühne benötigten, erhielt der Schweizer Star-Architekt Peter Zumthor 2008 den Planungsauftrag für den Werkraum Andelsbuch. Eröffnet wurde der 700 Quadratmeter umfassende Versammlungsort im Jahr 2013: Ein virtuos bespieltes Schaufenster heimischen Könnens rund um Holz und andere regionale Materialien. Schon 1999 war der Werkraum Handwerk + Form als Verein zur Förderung von Handwerk und Baukultur gegründet worden. Das ursprüngliche Ziel der Initiative: Das einst verstaubte Image der Zünfte attraktiv und damit zukunftsfähig zu machen. Eine Strategie, die von großem Erfolg gekrönt war, denn gerade für sein versiertes und zugleich weltoffenes Können und Handwerk ist der Bregenzerwald heute international berühmt.
Die prämierten Exponate des aktuellen Wettbewerbs findet der Besucher in der luftigen Werkraum-Halle mit ihrer Glasfassade und dem weit ausladenden Dach, die direkt an der Durchfahrtsstraße der Ortschaft liegt. Zumthors zurückhaltend gestaltete, sechs Meter hohe Halle lenkt den Blick auf die Besonderheiten und Finessen der Objekte, regelmäßige Führungen erschließen den Hintergrund der einzelnen Modelle, allesamt innovative, nachhaltige Entwürfe, häufig multifunktionell, versehen mit dem schriftlichen Hinweis „Please touch!“, der zum Anfassen und Erspüren einlädt.
Da finden sich zum Beispiel so unterschiedliche Produktideen wie die geschindelte Fensterfront „Krützstock“, ein dreiflügeliges Massivholzfenster als Neuinterpretation eines historischen Vorbilds, oder das minimalistische Alu-Sitzsofa von Mohr Polster mit seinem dottergelbem Polsterbezug, Hängeleuchte „Candid“ mit einem Schirm aus Weißtanne oder hochwertige Poufs aus Leder und Textil - sie alle stammen aus dem letzten Wettbewerb von 2023 und sind sämtlich über die jeweiligen Hersteller zu beziehen. Teilgenommen hatten über 35 heimische Hanwerksbetriebe, die mit Gestaltern von nah und fern um die 80 Objekte entwickelten - meisterliche, hochkonzentrierte Kreativität auf engem Raum also.




Ebenfalls eine Art Gesamtschau heimischen Könnens ist das während der Pandemie entstandene „Erlebnis Baumhaus“ der Familie Baldauf in Sulzberg. Auf einer Anhöhe mit weitem Blick auf Wiesen und Wälder steht der von Architekt Georg Bechter entworfene Wohnwürfel auf seinen Stahlstelzen, die unsichtbarden Zu- und Abfluss des Wassers regeln. Drumherum wachsen Fichten, Buchen, Erlen und Birken, die DNA des Bregenzerwalds also, eine Materie, mit der sich Tischler und Schreinermeister Baldauf bestens auskennt. Innen bestimmt Rüster, ein heimischer Begriff für Ulme, das Interieur und auch das Mobiliar ist aus demselben Holz geschnitzt und mit handwerklichen Details versehen. Dafür hat die Familie Baldauf im Verlauf eines gesamten Jahres Holz gesammelt. Vater Bernhard Baldauf ist spezialisiert auf Massivholzmöbel, auch die beiden Söhne halfen mit und die Mutter verwaltet das mietbare Wohndomizil als Mini-Hotel. So erweist sich der mit gebeizten Schindeln verkleidete Kubus als Querschnitt örtlicher Handwerkstraditionen.
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 18.01.2025