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Dr. Michaela Moosburner: Long Covid - Unklarer Auslöser, viele Symptome
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Dr. Michaela Moosburner: Long Covid - Unklarer Auslöser, viele Symptome

Interview: Long Covid bringt Betroffene an ihre Grenzen - und ist immer noch schwer zu behandeln, wie Dr. Michaela Moosburner weiß

Ausgeprägte Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Kurzatmigkeit: Auch nach einer vermeintlich überstandenen Covid-Erkrankung können Beschwerden bleiben oder neu auftreten. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, doch schwere Krankheitsbilder werden am besten in einer spezialisierten Klinik behandelt. Dr. Michaela Moosburner vom Münchner Krankenhaus für Naturheilweisen (KfN) erklärt, welche Symptome besonders häufig auftreten - und wie eine naturheilkundliche Komplexbehandlung den Betroffenen helfen kann.

Frau Dr. Moosburner, was versteht man unter Long Covid?

Dr. Michaela Moosburner ist Fachärztin für Innere Medizin, Gastroenterologie, Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin und Homöopathie. Die Stellvertretende Ärztliche Direktorin und Chefärztin des Krankenhauses für Naturheilweisen (KfN) zählt zu den Spezialistinnen für die Long-Covid-Therapie. Foto links: Adobe Stock/Ki-generiert
Dr. Michaela Moosburner ist Fachärztin für Innere Medizin, Gastroenterologie, Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin und Homöopathie. Die Stellvertretende Ärztliche Direktorin und Chefärztin des Krankenhauses für Naturheilweisen (KfN) zählt zu den Spezialistinnen für die Long-Covid-Therapie. Foto links: Adobe Stock/Ki-generiert

Dr. Moosburner: Unter dem Begriff, Long Covid' werden alle Symptome zusammengefasst, die auch mehr als vier Wochen nach einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus nicht verschwunden oder neu aufgetreten sind, ohne dass es eine andere Erklärung für die Beschwerden gibt. Außerdem wird zu Long Covid das Post-Covid-Syndrom gezählt. Hierbei handelt es sich laut WHO um Beschwerden, die noch drei Monate nach einer Ansteckung bestehen und mindestens zwei Monate lang anhalten oder wiederkehren. Abzugrenzen ist das Krankheitsbild vom schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung und dadurch bedingten dauerhaften Organschäden, etwa eine Lungenschädigung mit beeinträchtigter Lungenfunktion oder eine chronische Herzschwäche.

Welche Long-Covid-Symptome kommen besonders oft vor?

Tatsächlich wird unter Long Covid eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Beschwerden zusammengefasst, inzwischen sind mehr als 200 mögliche Symptome bekannt: von hartnäckig verstopften Neben- oder Stirnhöhlen, Husten und Atemnot über Herz-Kreislauf-Beschwerden bis hin zu neurologischen und kognitiven Symptomen und hier vor allem Brain Fog, Denk- und Konzentrationsstörungen. Aber auch Schlafstörungen, Depressionen oder Angststörungen sind häufige Begleiterscheinungen. Mindestens die Hälfte der Betroffenen leidet unter einer ausgeprägten Erschöpfung und Schwäche.

Dann liegt eine Fatigue vor, richtig?

Genau. Diese Fatigue geht oft mit einer stark eingeschränkten Belastbarkeit einher: Viele Long-Covid-Betroffene berichten von einer abrupten Verschlimmerung der Fatigue-Symptomatik nach einer körperlichen oder geistigen Anstrengung, die mehrere Tage anhalten kann. Wir sprechen dann von einer Post-Exertional Malaise, kurz PEM. Diese Belastungsintoleranz ist neben der Fatigue das wichtigste Merkmal des Chronischen Fatigue-Syndroms, das auch ME/CFS abgekürzt wird und bei dem schon geringe Aktivitäten wie Zähneputzen, Duschen oder einige Schritte Gehen zur Tortur werden können. Von ME/CFS sind auch einige Long-Covid-Erkrankte betroffen. Die Schnittmenge der beiden Krankheitsbilder ist zwar groß, dennoch würde ich sagen, dass die Prognose für Long Covid insgesamt besser ist als die für ME/CFS.

Was könnten die Ursachen sein?

Zu diesem Thema wird weltweit intensiv geforscht, aber noch gibt es keine finalen Erkenntnisse. Viele Erklärungsansätze gehen aber von einer Über- oder Fehlreaktion des Immunsystems aus. Bei einem Teil der Betroffenen lassen sich neben bestimmten Immunzellen auch vermehrt Immunbotenstoffe wie Zytokine im Blut nachweisen, die an Entzündungsreaktionen im Körper beteiligt sind ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem weiterhin hochaktiv ist, obwohl die eigentliche Infektion längst vorbei ist. Aber es könnten auch durch Coronaviren und -partikel getriggerte Autoimmunprozesse eine Rolle spielen, bei denen sich das Immunsystem gezielt gegen körpereigene Strukturen wendet. Diskutiert werden außerdem Fehlregulationen im Bereich des autonomen Nervensystems und des zellulären Energiestoffwechsels. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Weiß man schon, weshalb mehr Frauen als Männer von Long Covid betroffen sind?

Dass Frauen viel häufiger Long-Covid-Symptome entwickeln als Männer, könnte damit zusammenhängen, dass Frauen auch deutlich häufiger von einer Autoimmunerkrankung betroffen sind. Neueren Erkenntnissen zufolge kommt hierbei wahrscheinlich nicht nur dem Östrogen, sondern auch dem X-Chromosom eine entscheidende Bedeutung zu. Viele Gene, die für die Regulation des Immunsystems wichtig sind, liegen nämlich auf dem X-Chromosom. Im Gegensatz zu Männern haben Frauen bekanntermaßen zwei X-Chromosomen.

Wie wird Long Covid diagnostiziert?

Da es bislang keine spezifischen Laborwerte oder andere spezielle Untersuchungen gibt, ist Long Covid eine Ausschlussdiagnose, die erst dann feststeht, wenn alle anderen Ursachen für die Beschwerden sicher ausgeschlossen wurden. Hierfür sehen die Leitlinien eine Reihe verschiedener Diagnoseschritte vor - je nachdem, welche Symptome im Vordergrund stehen. Ergänzend wird häufig mithilfe von Fragebögen ermittelt, welche Art von Beschwerden in welcher Intensität der oder dem Betroffenen besonders zu schaffen machen.

Long Covid, gilt als eine Erkrankung, die nur schwer zu behandeln ist. Was ist der Grund?

Die moderate Ganzkörperhyperthermie erfolgt in einer Art Kabine durch Bestrahlung mit wassergefiltertem Infrarot-A-Licht. Alternativ können Behandlungen mit Überwärmungsbädern nach Schlenz durchgeführt werden. Fotos: Krankenhaus für Naturheilweisen München
Die moderate Ganzkörperhyperthermie erfolgt in einer Art Kabine durch Bestrahlung mit wassergefiltertem Infrarot-A-Licht. Alternativ können Behandlungen mit Überwärmungsbädern nach Schlenz durchgeführt werden. Fotos: Krankenhaus für Naturheilweisen München

Es hat sich gezeigt, dass viele Long-Covid-induzierten Symptome nicht oder nicht ausreichend auf die klassischen Behandlungsmethoden ansprechen. Dazu gehören zum Beispiel die verschiedenen Schmerzzustände wie Kopfschmerzen oder Muskelschmerzen, aber auch besonders schwere Krankheitserscheinungen wie die Post-Exertional Malaise. Hier kann die Komplementärmedizin mit ihrem multimodalen Ansatz einen wichtigen Beitrag leisten. Eine erst kürzlich abgeschlossene Studie am KfN mit dreihundert Long-Covid-Patienten konnte eine nachhaltige Verbesserung vieler Symptome und eine bessere Lebensqualität belegen.

Wie sieht eine solche Therapie aus?

Unsere bisherigen Erfahrungen haben uns gezeigt, dass es möglich ist, Long-Covid-Symptome mithilfe einer naturheilkundlichen Komplexbehandlung deutlich zu lindern. Dabei kombinieren wir verschiedene bewährte Verfahren aus der Naturheilkunde, die dann in hoher Therapiedichte angewendet werden. Durch diese Kombinationstherapie entstehen Synergieeffekte, die durch Einzelmaßnahmen so nicht zu erzielen sind. Hierfür stellen wir für jeden Patienten ein individuelles Behandlungskonzept zusammen, je nachdem, welche Symptome im Vordergrund stehen und in welcher Verfassung der Erkrankte ist. Beispielsweise müssen wir bei Patienten mit einer PEM besonders behutsam vorgehen: Diese Menschen sind oft so erschöpft, dass man zunächst nur in sehr kleinen therapeutischen Schritten vorgehen kann. Andere profitieren wiederum schon von Beginn ihres Aufenthalts von aktivierenden Verfahren, etwa von Atemübungen oder einer individuell an die Belastungsgrenze angepassten Bewegungstherapie.

Welche Maßnahmen umfasst die naturheilkundliche Komplexbehandlung im Einzelnen?

Das Spektrum ist breit gefächert und richtet sich nach den führenden Symptomen. Es reicht von der Kneippschen Hydro-/Thermotherapie bis hin zu komplementärmedizinischen Verfahren wie Neuraltherapie, Ernährungstherapie, Phytotherapie oder Entspannungsverfahren, um nur einige zu nennen. Eine wichtige Rolle bei Long Covid spielen reflektorisch wirksame Behandlungen wie die Fußreflexzonentherapie oder die Bindegewebsmassage. Die reflektorische Atemtherapie kann vor allem Patienten mit Störungen der Atemfunktion helfen. Bei Long-Covid-Patienten findet sich nicht selten ein gestörter Atemfluss, der eine Belastungsintoleranz noch verstärken kann. Bei Muskel- und Gelenkschmerzen kommen hingegen häufig manuelle Techniken oder der dynamische Wirbelsäulenbasisausgleich zum Einsatz. Osteopathische Behandlungen sind ein weiterer Pfeiler der Therapie, gerade auch bei vorliegender Fatigue. Außerdem führen wir in unserer Klinik die moderate Ganzkörperhyperthermie durch, bei der die Körperkerntemperatur für etwa 150 Minuten in einen fieberähnlichen Bereich angehoben wird. Dabei werden zahlreiche Regulationsprozesse in Gang gesetzt, die vor allem das autonome Nervensystem und das Immunsystem betreffen. Es kommt außerdem zu einer ausgeprägten Stoffwechselsteigerung und zu einer tiefgreifenden Entspannung der gesamten Muskulatur. Viele Long-Covid-Patienten berichten von einer deutlichen Verbesserung ihrer Beschwerden.

Wie ist die Prognose bei Long Covid?

Bislang gibt es keine verlässlichen Daten zur Prognose von Long Covid. Aber es gibt Hinweise darauf, dass sich die Beschwerden bei vielen Betroffenen nach einigen Monaten wieder zurückbilden. Manchmal halten die Symptome auch länger als zwölf Monate an, wobei vor allem Beschwerden wie chronische Müdigkeit beziehungsweise Fatigue, aber auch Muskel- und Gelenkschmerzen besonders hartnäckig zu sein scheinen.

Interview: Nicole Schaenzler

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 17.05.2024

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