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DIE METAMORPHOSEN VON MATERA

IN DEN STEIN ÜBER DER GRAVINA-SCHLUCHT GEHAUEN: DIE CHARISMATISCHE HÖHLENSTADT MATERA MIT„JAMES BOND“-DREHORT VOR DER ALTEN BAROCKKIRCHE SANTI PIETRO E PAOLO IM VIERTEL CAVEOSO. FOTOS: FRANZISKA HORN

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DIE METAMORPHOSEN VON MATERA

Höhlenhotels bieten AUSSERGEWÖHNLICHE REFUGIEN im Tuffstein

Schon mal in einem Höhlenhotel genächtigt? Die wohl schönsten gibt es in Matera in Süditalien, einst Armenhaus des Landes. Fazit: grottengut!

Noch um 1950 galt die Höhlenstadt Matera in der Basilikata als Schandfleck Italiens. Die lange Geschichte der Transformationen beginnt so: Schon seit der Jungsteinzeit besiedelt, lebten hier Mitte des 20. Jahrhunderts rund 15.000 Menschen in 3000 Höhlen, die in den karstigen Tuff- und Sandstein der Gravina-Schlucht gehauen wurden. Dort hausten die Bewohner abgeschnitten von der Außenwelt, unter schlechten hygienischen Zuständen, ganze Familien pro Höhle zusammen mit dem Vieh, mit Hühnern, Schweinen, Mulis. Krankheiten brachen aus, die Kindersterblichkeit lag bei rund 50 Prozent, die höchste Rate Italiens.

Bis Schriftsteller Carlo Levi hierher verbannt wurde und dem Ort in seinem 1945 erschienen autobiografischen Roman „Christus kam nur bis Eboli“ ein Denkmal setzte. Darin verglich er Matera mit Dantes Inferno. „Schandfleck Italiens“, so bezeichneten heimische Politiker den Ort und siedelten die Bewohner ab 1952 zwangsweise in neue Modellwohnungen um. Die Höhlen wurden zur Sperrzone erklärt und verfielen, doch eine örtliche Bewegung erkannte den historischen Wert. Also blieben die Höhlen bestehen als Mahnmal der Geschichte. Aber noch vor den Hoteliers kamen die Filmemacher aus Hollywood, denn die engen, verschachtelten Gassen boten ein einzigartes Ambiente, ein Gewirr aus Treppen, Mauern und Winkeln, das an die berühmten Grafiken von M. C. Escher erinnert. „I Sassi, also „Steine“, so heißt das alte Zentrum mit den beiden Vierteln Sasso Barisano und Sasso Caveoso oberhalb der tiefen Schlucht. Der biblisch wirkende Ort avancierte zur Filmstadt.

Im Jahr 1993 erhielt das mythische Matera mit seinen heute 60.000 Einwohnern das Prädikat als Unesco-Welterbe, 2019 feierte man sich als Kulturhauptstadt Europas. Damit stieg auch von Jahr zu Jahr die Zahl staunender Touristen, die über felsige Terrassen und Vorsprünge flanieren, Höhlenkirchen und Restaurants in Grotten besuchen und in den ultrachic hergerichteten Luxushotels nächtigen - Räume, in denen es kaum eine gerade Linie gibt, dafür aber die uriggemütliche Aura eines unterirdischen Baus. Als eines der ersten Luxus-Hotels eröffnete das Fünf-Sterne-Haus „Sextantio Le Grotte della Civita™ seine Pforten zu original belassenen, 2500 Jahre alten Höhlen mit rußgeschwärzten Decken und unebenen Böden. Entwickelt hat das Projekt der schwedisch-italienische Unternehmer Daniele Kihlgren zusammen mit der Architektin Laura Einaudi. Die rustikalen Steinböden und Wände aus honigfarbenem Kalktuffstein stehen hier im reizvollen Kontrast zu modernen, minimalistischen Designer-Möbeln.

Dem Interior-Konzept aus Alt und Neu folgten längst weitere Luxus-Herbergen von Matera, manche überraschen mit unterirdischen Spas in ehemaligen Zisternen wie zum Beispiel im Hotel „Palazzo Gattini“ am höchsten Punkt der Altstadt. Andere überraschen mit monumentalen Essräumen samt langen Frühstückstischen aus Holz wie im „Il Palazzotto“ im Viertel Barisano. Durch den hellen Ton des Gesteins wirken die hohen Räumlichkeiten und Gänge durchwegs freundlich und alles andere als finster.

Wer es etwas kleinräumiger mag, sollte im „Bed and Breakfast La Dolce Vita von Vincenzo Altieri in Nähe der Höhlenkirche Chiesa Rupestra di Santa Maria di Idris absteigen. Vom Inhaber kann der Gast dann Geschichten und Anekdoten über die Dreharbeiten großer Hollywood-Produktionen hören, zuletzt machte James Bond alias Daniel Craig im Jahr 2021 die schmalen Altstadtgassen in „Keine Zeit zu Sterben“ zum Action-Parcours. Eine original eingerichtete Höhlenwohnung gibt es übrigens im Museum „Storica Casa Grotto di Vico Solitario“ zu sehen, im benachbarten Keller wurde einst Schnee eingelagert. Unteridisch essen (und gleichzeitig überirdisch gut!) kann man in Restaurants wie „La Lopa“ mit eigenem Kino oder im „La Grotta del Gusto“ mit bestechend bodenständiger Küche.                                  FRANZISKA HORN

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 09.06.2024

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