Sie sind Quotenhits und Kinokassenschlager, schon seit Jahrzehnten: TV-Serien und Spielfilme mit Internaten als Protagonisten: etwa die spanische Mysteryserie „Las Cumbres“ (2021 bis 2023) oder die witzige „Burg Schreckenstein“ (2016 und 2017, nach der gleichnamigen Buchreihe). Auch Peter Weirs „Dead Poets Society“ (1989) gehört in diese Reihe und vielleicht auch dessen deutsches Gegenstück „Immer Ärger mit den Paukern“ (1970, mit Uschi Glas und Roy Black) sowie natürlich die Harry-Potter-Filme (2001 bis 2011). Die Zugriffszahlen der Streamingdienste beweisen es. Einer der Gründe für den Erfolg: Internate sind eine eigene Welt. Das macht sie nicht nur für Film- und TV-Schaffende, sondern auch für Eltern und ihre mehr oder minder begabten Sprösslinge interessant.

Überraschenderweise ist die Anzahl der Internate im deutschsprachigen Raum nicht ganz klar. Die Seite www.internat-wissen.de spricht von etwa 250 Internaten, die es in Deutschland gibt, mit rund 50.000 Schülerinnen und Schülern. In „Der große Internate-Führer“ für das Schuljahr 2023/2024 (Unterwegs-Verlag, Singen) sind etwas mehr als 300 Häuser nachzählbar aufgeführt. Dort sind neben Instituten in Deutschland, der Schweiz und Österreich auch Einrichtungen in Großbritannien, USA, den Niederlande und Dänemark genannt. Unter anderem das laut Wirtschaftswoche wohl teuerste Internat der Welt“, das Institut auf dem Rosenberg in St. Gallen. Mit Schuljahreskosten von rund 150.000 Franken (zirka 154.000 Euro), wie dessen Leiter Bernhard Gademann dem Magazin im vergangenen Mai in einem sehr interessanten Interview verriet (online nachlesbar).
Dass Internate nur etwas für Multimillionärs-Kids sind, ist jedoch eine Fabel. Die SZ berichtet auf ihrem „Bildungsmarkt“ (www.bildung/sueddeutsche ): „Die monatlichen Kosten liegen zwischen 300 und 3500 Euro.“ Wobei selbst der untere Betrag die meisten Eltern hierzulande vor Probleme stellen dürfte. Allerdings gebe es gerade in Deutschland auch einige Einrichtungen, die Stipendien für bis zu zwanzig Prozent der Plätze anböten, heißt auf der SZ-Bildungsmarktseite weiter. Vielleicht ist auch deshalb die Zahl der Internatsschülerinnen und -schüler in den vergangenen Jahren gestiegen. Eine Vermutung, denn wie gesagt: es gibt keine offiziellen Zahlen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) liefert allerdings eine Datenreihe, die auf ein Wachstum im Internatssegment hindeutet: Die Zahl der privaten allgemeinbildenden Schulen ist demnach im Jahrzehnt von 2002/03 bis 2022/23 von 2522 um 50 Prozent auf 3784 gestiegen. Im gleichen Zeitraum verringerte sich die Zahl der öffentlichen allgemeinbildenden Schulen um 24 Prozent.
Da die große Mehrheit der Internate von nichtstaatlichen Institutionen unterhalten wird, sollten auch sie von diesem Trend profitiert haben. So werden allein rund einhundert Internate in Deutschland von den beiden großen Kirchen betrieben, 35 von der katholischen Kirche, 34 von den evangelischen Kirchen - beziehungsweise von den Kirchen nahestehenden Vereinigungen wie das CJD (Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e. V.), das an acht Standorten in Deutschland vertreten ist, darunter die Christopherusschulen in Berchtesgaden und Rostock mit ihren Sportschwerpunkten.
Die Bundesländer sind ebenfalls wichtige Träger von Internaten. So listet das bayerische Kultusministerium 15 Einrichtungen auf seiner Homepage auf, darunter so berühmte Häuser wie das Max-Reger-Gymnasium Amberg, eine „staatliche Heimschule“ - so die offizielle Bezeichnung - mit ihrer musischen Ausrichtung, wie schon der Namensgeber verrät, ein spätromantischer Komponist. Max Reger (1873-1916) stammt übrigens nicht aus Amberg, sondern aus dem Dorf Brand bei Weiden, er starb in Leipzig. „Sein“ Gymnasium wie Internat bieten unter anderem kostenlosen Instrumental- und Gesangsunterricht an. Weitere staatliche Gymnasien mit Internatszweigen sind das Deggendorfer Comenius-Gymnasium (Schwerpunkte Naturwissenschaften und Sprachen) und das Eichstätter Gabrieli-Gymnasium (musischer und wirtschaftswissenschaftlicher Zweig). Das staatliche Internat in Marktoberdorf verfügt neben dem gymnasialen auch über einen Realschulzweig. Das staatliche Mädchen-Gymnasium Max-Josef-Stift in der Münchner Röntgenstraße trägt seine Ausrichtung schon im Namen: Es nimmt ausschließlich Mädchen auf. Eine weitere Besonderheit: Das Stift fungiert auch als Tagesheim. Die Schwerpunkte liegen auf Sprachen und musischen Fächern. Wie in Amberg wird hier kostenloser Musikunterricht angeboten.
Integration und Ausbildung
In Bayern fungiert der Zweckverband Bayerische Landschulheime mit Sitz in München als Träger von vier Häusern, die sich als Landschulheime bezeichnen (www.bayern-internate.com ). Zwei sind in der Nähe von Würzburg beheimatet, eines liegt am Starnberger See, ein weiteres am Chiemsee. Das Humboldt-Institut e.V. - bekannt als Anbieter von Kursen für Deutsch als Fremdsprache - hat zwar seinen Sitz in Argenbühl, im württembergischen Teil des Westallgäus. Das Humboldt-Internat ist jedoch dem Gymnasium Lindenberg angeschlossen, gehört also zu Bayern. Ein größeres Internat betreibt der Verein im selben Ort, nur 1,5 Kilometer entfernt. Das Humboldt-Internat in Bad Schussenried zählt indes zum Sprengel der baden-württembergischen Kultusministerin.
An den Humboldt-Einrichtungen zeigt sich, dass der Internatsschultyp nicht nur zur Allgemeinbildung geeignet ist, sondern auch für die kulturelle Zusammenführung steht. Oder auch für die Berufsausbildung, wie das das Internat der Berufsfachschule für Kinderpflege in Rottenbuch im Landkreis Weilheim-Schongau zeigt. Die Pflegeakademie Grafenau im Herzen des Bayerischen Walds ist kein eigentliches Internat, bietet aber für eine begrenzte Anzahl Zimmer für Schülerinnen und Schüler.
Tatsächlich verfügt Bayern mit 53 Häusern über die mit Abstand meisten Internate, gefolgt von Baden-Württemberg mit 39 und Nordrhein-Westfalen mit 38 Internaten. Oft sind sie in Kleinstädten oder auf dem Land beheimatet, viele Internate versuchen, mit Natur und Abgeschiedenheit zu punkten. Letzteres überzeugt wohl eher besorgte Eltern als ihren Nachwuchs. Zuweilen sind die Bezeichnungen „Landschulheim“ oder „Landeserziehungsheim“ zu lesen. Ein Terminus, der zu Zeiten der reformpädagogischen Bewegung im 19. Jahrhundert geprägt wurde - einer der Ahnväter und prägenden Figuren war der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Im Laufe der vergangenen zweihundert Jahre bildeten sich zahlreiche und unterschiedliche Richtungen aus. Zu den weiteren wichtigen Internatsvereinigungen zählen „Internate im Verband deutscher Privatschulverbände“ (VDP), ein 122 Jahre alter Zusammenschluss, der sich „weder weltanschaulich noch konfessionell oder parteilich gebunden“ sieht, wie der VDP-Präsident Dr. Klaus Vogt betont. Der VDP hat mehr als fünfzig Mitglieder. Mit den beiden konfessionellen Privatschulverbänden, dem Bund der Freien Waldorfschulen, dem Bundesverband der Freien Alternativschulen und der Internate Vereinigung hat sich der VDP zur Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen zusammengeschlossenen.
Sehr speziell: Sportinternate
Die erwähnte Internate Vereinigung (die-internate-vereinigung.de) koordiniert rund zwanzig Häuser in Deutschland und der Schweiz, darunter so bekannte Einrichtungen wie das Landheim Ammersee, die Schule Birklehof in Hinterzarten oder die Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog mit ihrem legendären „segelnden Klassenzimmer“, bei dem jährlich 44 Schülerinnen und Schüler sieben Monate zwischen der Nordsee und der Karibik unterwegs sind.
Zum Bund der freien Waldorfschulen (waldorfschule.de) gehören auch zwei Internate: die Rudolf-Steiner-Schule Schloss Hamborn in der Nähe des ostwestfälischen Paderborn sowie die Anna Betzner Schule - Förderschule geistige Entwicklung, Neue Haus Sonne in der Saarpfalz, unweit der Grenze zu Lothringen.
Ein sehr spezieller Zweig von Internaten sind die mittlerweile 44 „Eliteschulen des Sports“, die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) unterstützt werden. Davon sind laut DOSB 23 in den westdeutschen Bundesländern situiert, 18 in ostdeutschen und drei in Berlin. Auf Sommersportarten fokussieren 29 Eliteschulen, auf Wintersportarten sieben, weitere acht setzen übergreifende Schwerpunkte. Der DOSB ist nicht der Träger der Einrichtungen - in der Regel sind das die Bundesländer oder auch das oben erwähnte CJD. Im vergangenen Sommer wurde übrigens das Gertrud-von-le-Fort-Gymnasium in Oberstdorf mit seinem Skiinternat als „Eliteschule des Jahres 2022“ ausgezeichnet. Eine reine Fiktion war übrigens das oberbayerische Sportinternat Schloss Bergbrunn. Es lebte nur zwei kurze Sommer lang, 2019 und 2020, in der ZDF-Serie „Gipfelstürmer - Das Berginternat“. Schade eigentlich, die Mountainbike-Szenen hatten es in sich. Horst Kramer
Es trifft vor allem Lehrerinnen
Ministerpräsident Söder will die Teilzeitarbeit beim Lehrpersonal einschränken - dafür gibt es Kritik vom BLLV
Auch im neuen Jahr steht der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern ganz oben auf der politischen Agenda. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat schon in den vergangenen beiden Jahren eine einfache Lösungsstrategie propagiert; Mitte Januar beim Treffen der CSU-Landtagsfraktion im fränkischen Kloster Banz hat er sie wiederholt. Die bayerischen Lehrerinnen und Lehrer sollen demnach mehr Vollzeit arbeiten, um den Lehrermangel zu beheben. Der Zugang zur Teilzeitarbeit solle sogar erschwert werden. Der Ministerpräsident will die Teilzeitwünsche etwa mit dem Alter der Kinder verknüpfen, ferner plant er eine Höchstdauer von Teilzeitjahren. Eine weitere Söder-Idee zielt darauf ab, jungen Beamtinnen erst nach einer gewissen Beschäftigungsdauer in Vollzeit die Möglichkeit auf Teilzeit zu geben.
Ob Lehramtsstudierende mit solchen Aussagen motiviert werden, eine Stelle in Bayern anzutreten, bleibt abzuwarten. Tatsächlich nimmt der Trend zur Teilzeitarbeit unter Lehrkräften sogar zu, wie das Statistische Bundesamt schon am 11. Januar 2024 in einer Pressemitteilung schrieb. Die Teilzeitquote bei Lehrkräften sei auf dem höchsten Stand der vergangenen zehn Jahre, teilen die Berliner Statistiker mit. Im Schuljahr 2022/2023 waren rund 724.800 Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen in Deutschland tätig - davon 42,3 Prozent in Teilzeit. Damit lag die Teilzeitquote höher als im vorherigen Schuljahr (40,6 Prozent). Sie hat damit den höchsten Stand der vergangenen zehn Jahre erreicht. „Besonders Frauen reduzieren häufig ihre Arbeitszeit: Im Schuljahr 2022/2023 war die Teilzeitquote bei Lehrerinnen (49,9 Prozent) mehr als doppelt so hoch wie bei Lehrern (21,8 Prozent), heißt es in der Meldung weiter.
„Das Versprechen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“
Interessant ist der Vergleich zu anderen Branchen. Laut dem Statistischem Bundesamt arbeiteten im Jahr 2022 über alle Wirtschaftsbereiche hinweg 30,2 Prozent der abhängig Beschäftigten in Teilzeit. Die 42,3 Prozent unter den Lehrkräften liegen am vergleichsweise hohen Frauenanteil in der Lehrerschaft: Während Frauen im Schuljahr 2022/2023 fast drei Viertel (73,1 Prozent) des Lehrpersonals an allgemeinbildenden Schulen ausmachten, lag der Frauenanteil bei den abhängig Beschäftigten aller Wirtschaftsbereiche im Jahr 2022 bei 48,0 Prozent. Mehr als ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer ist 50 Jahre und älter - viele von ihnen werden im laufenden Jahrzehnt in den Ruhestand gehen. Zudem war die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in Lehramtsstudiengängen im Jahr 2022 erneut rückläufig.
Über Söders Pläne schüttelt die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nur den Kopf. Sie sieht hinter der Idee der Teilzeitreduzierung veraltete Vorstellungen: „Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei, das kann ich nicht mehr hören. Teilzeit ist für viele Lehrerinnen das Versprechen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, stellt Fleischmann klar. „Wenn jetzt eine Frau hört, die selber drei Kinder hat und den Opa pflegt, dass sie längerfristig nicht mit zwölf Stunden arbeiten kann, sondern Vollzeit arbeiten muss, dann wird es einige Frauen geben - und solche Familien haben wir hier in Bayern - die sagen: Dann komme ich gar nicht.“ Dabei hatte die CSU-FW-Koalition in ihren Koalitionsvertrag eigentlich eine positive Botschaft für Lehrerschaft gepackt: Bis 2028 sollten im Schulbereich 9000 neue Stellen geschaffen werden, darunter 6000 neue Lehrerstellen und 3000 neue Stellen für Verwaltungsangestellte, Sozialpädagogen oder auch Schulpsychologen. kram
Erschienen im Tagesspiegel am 29.01.2024