Digitalisierung ist in aller Munde. Beim Zahnarzt und bei der Zahnärztin sogar wortwörtlich, sofern diese über die nötige Qualifikation und das entsprechende Equipment zur digitalen Zahnmedizin verfügen. Zur Implementierung der Technologie werden Fortbildungen und Zertifizierungen aufgelegt, so in Bayern mit dem „Curriculum digitale Zahnmedizin“, das nicht weniger als die Inhalte einer technischen Revolution im zahnärztlichen Behandlungszimmer und Dentallabor auf dem Programm stehen hat. Dabei „lernen die Teilnehmenden alles Wesentliche: von digitalen Abformungen, 3D-Bildgebung und CAD/ CAM über Sofortversorgung, Aligner und Implantatplanung bis hin zu komplexen Workflows in der Prothetik“, heißt es in der Presseinformation. Entwickelt wurde das Curriculum vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte e.V. (FVDZ) und dem Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Zahnheilkunde in Bayern e.V. (VFWZ).
In der digitalisierten Zahnarztpraxis begleiten diverse Software und technische Ausstattung die Behandlung der Patientinnen und Patienten von der Terminorganisation und Verwaltung über Diagnostik, Prävention und Behandlungsplanung bis hin zur Behandlung selbst, inklusive der dazu erforderlichen Zahntechnik, weitgehend unter Einsatz von digital gesteuerten Präzisionsrobotern. „Die Behandlung wird definitiv nicht günstiger, aber für den Patienten wesentlich angenehmer werden. Das fängt beim Abdruck an. Und wenn Sie ein Implantat brauchen, dann ist es in der Regel noch so, dass Sie zunächst mit einer provisorischen Krone nach Hause gehen. Bei uns wird im Vorfeld alles angefertigt, und in dem Moment, wo sie die Praxis verlassen, sieht keiner mehr, dass Sie beim Zahnarzt waren“, sagt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Professor Karl Andreas Schlegel; er arbeitet an der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, ist praktizierender Zahnmediziner in München und Vorsitzender des VFWZ.
Sofern es die Indikation und die Diagnose des Zahnarztes sinnvoll beziehungsweise notwendig machen, beginnt der digitale Zahnarztbesuch mit umfangreicher Datenerfassung, die auch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) ermöglicht. Die dreidimensionale Erfassung und Abbildung der Zähne, des Kiefernknochens und der Weichgewebestrukturen (Nervenbahnen, Wurzelkanäle etc.) steht am Anfang des Workflows. Die DVT-Röntgentechnik (Digitale Volumentomografie) gibt auch Aufschluss über die Knochenvolumina. Zur Abformung für die Zahntechnik kommen zudem digitale Intraoralscanner zum Einsatz. „Wenn Sie schon mal einen analogen Abdruck hatten und jetzt einen digitalen genießen, dann wissen Sie es sehr zu schätzen“, berichtet Professor Schlegel von der positiven Reaktion der Patienten. In wenigen Minuten entsteht auf Grundlage der Daten ein hochpräzises 3D-Modell, das mit CAD/CAM-Verfahren (Computer Aided Design beziehungsweise Manufacturing) zum weiteren Einsatz in der Zahntechnik zur Verfügung steht.„Ich schicke die Datensätze ins Labor, welches, nachdem die Mitarbeiter schon beide Datensätze und vielleicht einen Gesichtsscan virtuell übereinandergelegt haben, dann mit mir eine Planung am Computer macht“, erläutert Professor Schlegel das weitere Vorgehen.
Erfolgreicher Einsatz von Kl
Die bildgebenden Verfahren sind vor allem eine zuverlässige Basis für Diagnostik, die insbesondere bei schwer zu identifizierenden Mustern durch die KI-Algorithmen unterstützt werden kann. Laufende Studien untersuchen den Einsatz von Kl zur Früherkennung von oralen Krebserkrankungen und entwickeln Kl-gestützte Roboter für zahnärztliche Eingriffe, berichtet das Deutsche Zahnärztliche Rechenzentrum (DZR). Fehlende Standards bei Datenaustauschformaten, -strukturen und Kommunikationsprotokollen der zahnmedizinischen Anwendungen stehen allerdings einem umfangreicheren Einsatz der Kl noch im Weg, heißt es vom Einstein Center Digital Future (ECDF) der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Anders als in der Humanmedizin - etwa bei der CT-Auswertung bei Mamma-Diagnostik - sei in der Zahnmedizin vieles noch Handwerk, so Professor Schlegel. „100 Prozent verlassen würde ich mich heute noch nicht auf die KI.“ Bei der Behandlung werde die Kl indes schon erfolgreich eingesetzt: „Am leichtesten kann man es sich bei den Aligner-Techniken vorstellen. Eine amerikanische Firma hat ungefähr 20 Millionen Datensätze von Patienten auf ihren Servern hinterlegt, damit kann man relativ gute Prognosen stellen. Der Zahnarzt macht einen Scan, dann generiert die Kl für jede Woche eine Schiene. Und diese Schienen können die Zähne so bewegen, wie man es aus dem Datenpool errechnet hat.“
Den größten Vorteil bieten die digitalen Verfahren in der zahnärztlichen Implantologie und Prothetik. Die präzise Abbildung des Kiefers ermöglicht den Implantologen eine genaue Planung (Backward-Planning) etwa des Ti Mesh zur Knochenregeneration (Guided Bone Regeneration, GBR) sowie der Bohrungen. Beim weiteren Vorgehen sorgen Bohrschablonen als Hilfsmittel beim chirurgischen Einsetzen des Zahnimplantats für höchste Präzision und Sicherheit bei der Positionierung. Bohrhülsen in der Schablone bestimmen die Position, die Bohrrichtung sowie die Bohrtiefe.
Der digitale Einsatz im Dentallabor ist breitgefächert. Mit der CAD/CAM-Frästechnik sowie im 3D-Druck kann im Grunde alles digitalgesteuert von Robotern hergestellt werden, was zur Zahn- und Kieferbehandlung sowie in der Implantologie und Prothetik benötigt wird. Also nicht nur Implantate, sondern auch weiterer festsitzender Zahnersatz wie Inlays, Onlays, Zahnbrücken, Kronen, auch Langzeitprovisorien, Veneers oder sogenannte Mock-ups, ferner herausnehmbarer und kombiniert festsitzender-herausnehmbarer Zahnersatz wie zum Beispiel Teleskopprothesen. Zur Herstellung steht in der Zahntechnik eine große Anzahl an langlebigen und hoch biokompatiblen Werkstoffen zur Verfügung. Angefangen von keramischen Materialien wie etwa den Zirkonoxiden, beispielsweise fürs Cerec-Verfahren (Ceramic Reconstruction), über diverse Polymere für 3D-Druck und Fräse bis hin zu metallischen Werkstoffen wie Titan oder CoCr-Legierungen. Letztere können nicht nur gefräst, sondern im Laserschmelzverfahren für den 3D-Druck verflüssigt werden. Da die Oberflächen die natürliche Zahnfarbe wie auch Zahnstrukturen exakt nachzuahmen vermögen, ist das Ergebnis von der vorhandenen Zahnsubstanz des jeweiligen Patienten nicht zu unterscheiden.
Für Modellgussgerüste, Stege und Innenteleskope stehen ebenfalls automatisierte Herstellungsverfahren zur Verfügung, etwa mit dem Primeprint 3D-Drucker, der mit Harzen als Werkstoff arbeitet. Zu dessen Hauptanwendungsgebieten gehören auch Dentalmodelle, Provisorien, Bohrschablonen, diverse Schienen (Splints, Aligner) sowie Befestigungen (Brackets) für Zahnspangen, die selbst allerdings weiterhin in Handarbeit hergestellt werden müssen.
Man muss mit ungefähr einer halben Million rechnen, wahrscheinlich noch etwas mehr, um die Praxis voll digital zu machen“, gibt Professor Schlegel zu bedenken. Der digitale Workflow spare daher keine Kosten. Und Zeit? „Da bin ich mir nicht sicher. [...] Das macht aber viele Sachen deutlich einfacher“ - und angenehmer für die Patienten.
Reinhard Palmer
Erschienen im Tagesspiegel am 25.04.2026