Kaum eine Bauweise vereint Fortschritt und Verfall auf diese Weise: Der ostdeutsche Plattenbau hat sich vom Vorzeigeprojekt der DDR-Sozialpolitik zum Symbol abgelehnter Wohnformen gewandelt und ist dennoch nicht ganz aus der Welt zu kriegen. Durch seine heutigen Bewohner, die ihm trotz aller Umstände treu geblieben sind, treu bleiben mussten oder seine im besten Fall sanierten Vorzüge neu für sich entdeckt haben.
Diesem Spannungsfeld widmet sich noch bis zum Februar kommenden Jahres eine von Autor Kito Nedo sorgsam und spannend kuratierte Ausstellung im Potsdamer Kunsthaus „Das Minsk“. „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ zeigt 50 Werke unterschiedlichster Künstler, die sich dem Thema allesamt auf ganz eigene Art nähern.

Mit Filmen, Fotos, Gemälden und Installationen seit den 1970er-Jahren, als das Leben im Plattenbau noch beneidenswert schien. Boten die Wohnkomplexe aus vorgefertigten Betonteilen von Badezimmer bis Zentralheizung doch eine Art von Komfort, der im anderen Teil Deutschlands keineswegs selbstverständlich gewesen ist. Genauso wenig, wie eine damals so begehrte Wohnung überhaupt zu bekommen.
Diener der DDR konnten offenbar mitunter schneller einziehen als diejenigen in schierer Warteposition auf eine Zuteilung für die Bautypen „Parallel 2 (P 2)“, „Wohnungsbauserie 70 (WBS 70)“ oder „Wohnhochhaus Großtafelweise (WHHGT)“. Der ostdeutsche Plattenbau als „Ort des Wohnens, Symbol sozialer Utopien und Projektionsfläche gesellschaftlicher Veränderungen ist das Spektrum, das die Schau beschreibt und gleichzeitig untersuchen möchte, wie sich eine Wohnform im individuellen Leben und im gesellschaftlichen Zusammenspiel widerspiegelt.
Auch in der Zeit nach der Wiedervereinigung, in der das gesicherte Leben an diesen Orten von sozialer und bautechnischer Zerrüttung heimgesucht worden ist.
KAI-UWE DIGEL
Erschienen im Tagesspiegel am 11.11.2025