Das südfranzösische Departement Var erstreckt sich über 60 Kilometer entlang der azurblauen Küste, zwischen Hyères und Fréjus, eine Naturlandschaft mit Kastanien und Korkeichenwäldern. Eine steile Küstenstraße namens Corniche des Maures zieht sich oberhalb der Klippen entlang, verbindet die Orte Le Lavandou mit Bormes-les-Mimosas und überrascht dabei immer wieder mit weiten Ausblicken aufs Mittelmeer. Westlich von Cavalaire-sur-Mer erhebt sich die Pointe du Dattier als Anhöhe über den Wellen, gekrönt von einer weißen freistehenden Villa auf einem 15 Hektar großen Anwesen – das Maison Foncin ist ein ehemaliges Landhaus, das 1894 als Hochzeitsgeschenk des französischen Geografen und Historikers Pierre Foncin an seine Ehefrau erbaut wurde.
Heute ist das Maison Foncin als Museum bekannt. Das „Casteou dou souleou“ – „Schloss der Sonne“ – steht scheinbar inmitten im Nirgendwo, umgeben von wilder Natur. Weil der Bau so hell aus dem Grün der Vegetation heraussticht, dient er Wanderern als Wegweiser, Piloten und Seefahrern als fester Punkt der Orientierung und ist als weithin sichtbares Seezeichen über den Klippen in die Seekarten eingetragen.
Touristen und besonders Architekturfans schätzen die Villa wegen ihrer einzigartigen Lage, der besonderen Historie und der Eleganz des Bauwerks.


Pierre Foncin (1841-1916) stammte aus Limoges, unterrichtete und veröffentlichte Reiseführer und wirkte als Geograf und entscheidend an der Gründung der „Société de géographie commerciale de Bordeaux“ mit, eine Gesellschaft für Handelsgeografie. Mit seiner zweiten Ehefrau Jeanne Marie de Pozzi hatte er die Töchter Myriem (1893-1976) und Mireille (1895-1996). Mireille lebte ab 1974 dauerhaft in dem weißen Haus und weil sie kinderlos geblieben war, vermachte sie 1977 das Anwesen bei Cavalaire dem „Conservatoire du littoral“, dem Küstenschutzverein also, um das ehemalige Familienheim der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Pädagogik und Naturschutz, diese beiden Interessen wollte die Stifterin dem künftigen Zweck widmen.
Zusammen mit der Nationalbibliothek Frankreichs wurde die Domaine de Foncin nach Renovierungs- und Sanierungsarbeiten in ein Naturzentrum umgewandelt, das offen zugänglich ist und eine Ausstellung über Leben und Werk von Pierre Foncin beherbergt. Weil der Küstenschutzverein weitere Flächen hinzukaufte, umfasst das betreffende Gebiet heute 215 Hektar und zählt zu den wenigen vollständig naturgeschützten Küstenabschnitten zwischen Menton und Marseille.



Besichtigungen sind in kleinen Gruppen nach Anmeldung beim Office de Tourisme in Cavalaire möglich, der versteckte Zugang verläuft über einen Fußweg von einem kleinen Parkplatz an der Küstenstraße zum Haus. Schon der Weg erweist sich als Entdeckungstour durch die Pflanzen- und Tierwelt der heimischen Natur. „Früher war alles wild hier, doch 1890 ist die Pflanze Mimosa hier angekommen und hat sich ausgebreitet“, erfährt der geneigte Besucher auf einem Gang durchs Haus mit Ranger und Wanderführer Nicolas. „Tochter Mireille lebte hier, bis sie 101 Jahre alt war und vermachte das Gebäude fünf Monate vor ihrem Tod dem Küstenschutz. Nicolas erzählt von der Zisterne, in der Wasser gesammelt wird und zeigt auf die heimischen Pflanzen, die Mimosa, die mediterrane Macchia, auf Kiefern, Palmen, Mandelbäume und Lavendel.
Im Gegenzug zum Mas, dem typischen provenzalischen Landhaus, steht das Maison Foncinals mehrstöckige Bastide mit dem flach geneigten Walmdach für ein repräsentatives Herrenhaus und Sommerresidenz. Seine strenge Symmetrie zieht sich über mehrere Stockwerke bis hin zum elegant geschwungenen Treppenaufgang an seiner Südseite. Die Fassade ist hellweiß verputzt, innen zeugen hohe Decken und große Fenster vom herrschaftlichen Baustil des Gebäudes.
FRANZISKA HORN
Erschienen im Tagesspiegel am 10.03.2026