Es ist unüberhörbar: In den alten Bäumen des Friedhofs zwitschert und tiriliert es gerade unüberhörbar: „Es wird Frühling“. Das lindert auch die Trauer, die das Gemüt von Hinterbliebenen oft wie eine dicke Eisschicht umschließt. Das Leben kehrt zurück - und das soll auch am Grab des Verstorbenen sichtbar werden. Schließlich bieten die Friedhofsgärtnereien von Tag zu Tag mehr Frühjahrsblüher an. Bellis, Krokusse, Narzissen, Hornveilchen, Primeln, Ranunkeln, Stiefmütterchen, vielleicht schon erste Tulpen und selbstredend Vergissmeinnicht machen jeden Spätwintertag ein wenig heller.
Schon das Zusammenstellen der Bepflanzung kann fast therapeutische Wirkung entfalten. Soll es eine Sinfonie fein abgestimmter Farbtöne in lichtem Blau, zartem Rosa und fröhlich-hellem Gelb sein? Oder darf es Ton in Ton in einer Farbe sein? Vielleicht auch nur eine Pflanzenart? Ein Narzissen-Meer in allen möglichen Gelb-Schattierungen wirkt auch in einer Schale als Gemütsaufheller. Wer es gerne ein wenig vieldeutig mag, wählt Pflanzen mit Symbolkraft aus. Denn schon Johann Wolfgang von Goethe wusste: „Das Äußere einer Pflanze ist nur die eine Hälfte der Wirklichkeit.“

Der Krokus steht für göttliche Weisheit, für Licht und leidenschaftliche Liebe. Stiefmütterchen sagen durch die Blume“: Hier ruht ein bescheidener Mensch. Zugleich symbolisieren sie aufgrund ihrer Blütenform - die Dreifaltigkeit. Vergissmeinnicht stehen für einen Abschied in Liebe und für zärtliche Erinnerungen.
Narzissen schließlich sind nach christlicher Tradition unübersehbare Zeichen für den erwachenden Frühling und die wiederkehrenden Kräfte der Natur. Damit weisen sie auf die Auferstehung Christi, auf den Sieg über den Tod, das ewige Leben - und ganz allgemein auf Licht und Lebenskraft hin.
Wer nun loslaufen und alle möglichen Frühlingsblüher erwerben will, sollte zunächst einmal die Grabstelle in Augenschein nehmen. Denn die Lage des Grabs und die Höhe der Pflanzen sind entscheidend für die Auswahl der Bepflanzung. Bekommt das Grab viel Sonne oder ist es Regen und Sturm ausgesetzt? Nicht unwichtig angesichts des Klimawandels: Brauchen die Pflanzen viel Wasser, sollte man auch berücksichtigen, wie weit der Weg zum nächsten Wasserhahn ist.
Auch sollte man darauf achten, ob die Frühjahrsblüher pflegeleicht oder -aufwändig sind. Und nicht zuletzt gilt es zu schauen, wie empfindlich oder robust die Pflanzen sind, damit es keine unliebsamen Überraschungen, sondern Frühlingsfreude beim Friedhofsbesuch gibt.
Erschienen im Tagesspiegel am 19.03.2025