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Rosemarie Ahnert: "Chronische Schmerzen können die Entwicklung gefährden"

Bis die Ursachen von chronischen Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert und entsprechend behandelt werden können, haben diese oft wahre Arzt-Odysseen hinter sich.   Foto: Adobe Stock

Forum Spitzenmedizin

Rosemarie Ahnert: "Chronische Schmerzen können die Entwicklung gefährden"

Das Kinderschmerzzentrum der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Augsburg kümmert sich intensiv um seine jungen Patienten - oftmals ist die Ursachenforschung eine komplexe und langwierige Aufgabe

Chronische Schmerzen: Da denkt man eher an Erwachsene mit Rücken- oder Kopfschmerzproblemen. Doch: "In Deutschland leiden 20 bis 30 Prozent der Kinder zwischen elf und 17 Jahren mindestens einmal wöchentlich unter Schmerzen, fünf bis sieben Prozent sind von chronischen Schmerzen so schwer beeinträchtigt, dass sie ihren Alltag nicht mehr leben können", sagt Rosemarie Ahnert. Die Oberärztin im Bayerischen Kinderschmerzzentrum an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Augsburg und ihr Team sind seit 2015 für betroffene Kinder und Jugendliche einfühlsame Ansprechpartner rund um das sehr individuelle Thema Schmerzen. "Diese können die Entwicklung der Kinder gefährden“, so die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin sowie Spezielle Schmerztherapeutin. "Ohne Behandlung werden diese Jugendlichen als Erwachsene nicht arbeiten können.“ Ihnen mehr Sichtbarkeit und ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen, liegt der 48-Jährigen sehr am Herzen. 

Frau Ahnert, wann spricht man von chronischen Schmerzen, und in welcher Form treten sie bei Kindern und Jugendlichen am häufigsten auf?
Rosemarie Ahnert:
Wenn die Schmerzen mindestens drei Monate anhalten oder wiederkehrend sind, sprechen wir von chronischen Schmerzen. Ihre Formen sind etwas altersabhängig. Bei den Jüngeren unter zehn Jahren dominieren die Bauchschmerzen, Jugendliche leiden eher unter Kopfschmerzen.

Nach Ihrer Beobachtung steigt die Zahl der Betroffenen, haben Sie dafür eine Erklärung?
Neben mangelnder Bewegung aufgrund der Unsicherheit im Umgang mit den Schmerzen beobachten wir immer wieder, dass Stress eine große Rolle spielt. Er entsteht durch zu hohe Ansprüche an sich selbst oder durch andere. In den sozialen Medien sind Jugendliche ja dem permanenten Vergleichen ausgesetzt. Auch Mobbing, Krankheiten in der Familie oder andere Sorgen belasten Kinder und Jugendliche. Manche sind mit ihren Schmerzen auch auf sich allein gestellt. Viele sind sehr unsicher im sozialen Umgang mit anderen Menschen, auch unsicher mit sich selbst. Hinzu kommt die Schnelllebigkeit unserer Zeit, die für vieles keinen Raum mehr lässt. Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen sind nicht sichtbar, sie haben keine Lobby.

Leiden Kinder anders unter Schmerzen als Erwachsene?
Ich glaube, sie leiden anders darunter, weil sie oft keine körperliche Erklärung für ihre anhaltenden Schmerzen haben und auch, weil die ganze Familie unter dieser Situation leidet. Sie kommen mit ganz vielen Fragezeichen. Weil sie nicht zur Belastung werden wollen, ziehen sie sich teilweise zurück. Es geht ja auch um lebensentscheidende Fragen, etwa: Schaffe ich den Schulabschluss? Demensprechend gestresst sind auch die Eltern, wenn die Kinder nicht in der Lage sind, zur Schule zu gehen.

Was bedeuten chronische Schmerzen für den Alltag der Kinder und Jugendlichen?
Chronische Schmerzen können die Entwicklung der Kinder gefährden, Jugendliche oft gar nicht selbstständig werden. Oft ist ihre Beziehung zu den Eltern dadurch gestört und ihre komplette Zukunft, auch was eine spätere Berufstätigkeit betrifft, ungewiss. Ihren Eltern drohen Probleme mit den Arbeitgebern und finanzielle Zusatzbelastungen. Chronische Schmerzen beziehen das gesamte Familiensystem mit ein. Noch härter trifft dies Alleinerziehende. 

Nehmen Eltern, Lehrkräfte, Ärzte die Schmerzen ausreichend ernst?
Eben nicht. Das Bewusstsein dafür, dass Kinder und Jugendliche unter chronischen Schmerzen leiden können und welche Konsequenzen das hat, wenn sie nicht gut behandelt werden, 
fehlt. Den Betroffenen wird vorgeworfen, dass sie simulieren oder gesagt, sie sollten sich zusammenreißen. Die Bereitschaft, Lösungen zu generieren, zu fragen, was ihnen helfen könnte, welche Rahmenbedingungen sie etwa bei Schulprüfungen bräuchten, gibt es selten. Oft haben diese Kinder und Jugendlichen wahre Arzt-Odysseen hinter sich. Ihre Eltern meinen meist, es müsse eine körperliche Ursache für die unerklärlichen Schmerzen geben. Schmerzen sind aber immer individuell und subjektiv, sie haben nicht immer eine körperliche Ursache. Es braucht neben einem Bewusstsein für die Wechselwirkungen physischer, psychischer und sozialer Faktoren auch Verständnis und Zeit. Daher ist es so wichtig für diese Kinder, dass sie und ihre Eltern wissen, dass es in Deutschland vier Kinderschmerzzentren und andere Kinderschmerzambulanzen gibt. Ich rate, die behandelnden Kinderärzte danach zu fragen oder die Zentren im Internet zu suchen. 

Welchen Mehrwert haben die Webseiten der Kinderschmerzzentren?
Hier finden Kinder, Jugendliche und Eltern - zielgruppengerecht aufbereitet - fundierte Information zum Thema chronische Schmerzen und auch Fallbeispiele junger Menschen aus deren Sicht. Es geht ja darum zu verstehen. Eltern setzen in ihrer Verzweiflung manchmal auf unglaubliche Hilfsangebote. Wenn sie und ihre Kinder sich über chronische Schmerzen und den Umgang damit informieren können, gibt ihnen das mehr Sicherheit. Wir bekommen auch positive Resonanz auf unsere Homepage, so hat ein Jugendlicher gesagt, er habe sich dort wie abgeholt gefühlt.

Rosemarie Ahnert ist Oberärztin im Bayerischen Kinderschmerzzentrum an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Augsburg. Sie weiß, dass Kinder anders leiden als Erwachsene.   Foto: Universitätsklinikum Augsburg
Rosemarie Ahnert ist Oberärztin im Bayerischen Kinderschmerzzentrum an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Augsburg. Sie weiß, dass Kinder anders leiden als Erwachsene.   Foto: Universitätsklinikum Augsburg

Wem steht Ihre Kinderschmerzambulanz offen, und für wen eignet sich eine stationäre Behandlung?
An unsere allgemeine Schmerzambulanz darf sich jeder mit akuten oder chronischen Schmerzen wenden. Außerdem haben wir eine Ambulanz für Kopfschmerzen und machen ein ausführliches Assessment für die gezielte Vorbereitung einer stationären Behandlung. Hier wollen wir uns vor allem ein Bild von der Stärke der Schmerzen und der Einschränkung der Lebensqualität im Alltag machen. Dies ist auch die Voraussetzung für einen gelingenden stationären Aufenthalt im Rahmen unserer multimodalen Schmerztherapie.

Was lernen die Kinder auf der Station Gipfelstürmer über den Umgang mit dem Berg Schmerz?
Unser Ziel ist, dass sich unsere Patientinnen und Patienten nach dem mehrwöchigen Aufenthalt durch individuelle Strategien selbst helfen können, wieder Selbstwirksamkeit und mehr Lebensqualität erfahren. Dafür bietet ihnen unser interdisziplinäres Team ein alltagsähnliches Umfeld, dessen Wochenplan auch Schulunterricht umfasst. Nach dem stationären Aufenthalt sind wir im Rahmen der Nachbetreuung weiterhin Ansprechpartner für die Betroffenen und deren Eltern.


Das Interview führte Ina Berwanger

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 25.04.2026

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