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CENTRE POMPIDOU

GLÄSERNE ROLLTREPPEN UND GÄNGE PRÄGEN MARKANT DIE WESTLICHE AUSSENFASSADE DES CENTRE POMPIDOU. FOTOS: THERESA SEIPP

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CENTRE POMPIDOU

Die PARISER „KUNSTRAFFINERIE“ ist ein selbstbewusster Architektur-Solitär geblieben

Das nach rund sechsjähriger Bauzeit 1977 eröffnete Centre Pompidou scheidet bis heute die Geister. Für die einen ist es ein einzigartiges Vorzeigehaus moderner Kunst, das bewusst auf alles Museale und Palastartige eines Museums verzichtet, für andere gleicht es einer industriellen Raffinerie, die als provokanter Fremdkörper das alte Pariser Viertel Marais verschandelt. Dabei überragt das Haus keine umliegenden Gebäude und ist nicht von Weitem sichtbar. Man entdeckt es beim Schlendern durch das Marais erst zwischen den Altbauten der Rue Rambuteau. 

Das Centre Pompidou ist trotz allen Streits seit seiner Eröffnung über mehr als vier Jahrzehnte ein Publikumsmagnet geblieben. Nicht nur der pausenlose Ausstellungsbetrieb mit allem, was in moderner und zeitgenössischer Kunst Rang und Namen hat, sondern auch die öffentliche Bibliothek mit über 2000 Leseplätzen machen das Pompidou zu einem kulturellen Zentrum. Das Dreigespann der Architekten Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini wollte mit dem Centre Pompidou ein Gebäude schaffen, dessen Bestimmung als Kulturzentrum von außen nicht ersichtlich ist. Das Tragwerk- und die Rohre für Gebäudetechnik und Erschließung wurden außen angeordnet und farblich unterschieden: Belüftungsrohre wurden weiß bemalt, Treppen und Rolltreppen rot, Elektrik gelb, Wasserleitungen grün und die Rohre der Klimaanlage blau. 

Markant ist die röhrenförmige, gläserne Rolltreppe, die diagonal überdie gesamte Westseite der Fassadeverläuft. Die Rohre der Gebäudetechnik prägen die Ostseite. Auf dem ansteigenden Platz wurden überdimensionale Lüftungskanäle angebracht. Durch die Verlagerung von Tragwerk und Gebäudetechnik nach außen bleiben die Nutzflächen im Inneren weitgehend frei von Stützen und sind für verschiedene Anlässe nutzbar. Die Deckenhöhe der Geschosse beträgtimposante sieben Meter. Eigentlich sollten die Decken flexibel verstellbar sein, was jedoch aus Kostengründen abgelehnt wurde. Möglich wurde der Bauplatz mitten im Marais in den 70er-Jahren durch den Wegzug der Großmarkthalle und den Abriss der alten Markthallen „Les Halles“. Namensgeber und Initiator war der französische Staatspräsident Georges Pompidou.

DAS CENTRE POMPIDOU LIEGT ETWAS VERSTECKT MITTEN IM ALTSTADTVIERTEL MARAIS.
DAS CENTRE POMPIDOU LIEGT ETWAS VERSTECKT MITTEN IM ALTSTADTVIERTEL MARAIS.

Mit dem Bau sollte auch die Nationalbibliothek entlastet werden und im Zentrum von Paris eine große Präsenzbibliothek entstehen. Die Entscheidung für den Bau Anfang der 70erJahre fiel in eine Zeit gesellschaftlicher Umwälzung und Protestbewegungen. Zeitgenössische Kunst sollte für alle zugänglich werden und die Hürden kultureller Institutionen sollten auch architektonisch fallen. Die städtebauliche Vision eines Museums blieb jedoch ohne Nachfolger. Spektakuläre Gebäude, die sich selbst als Kunst sehen und inszenieren, wie Frank Gehrys Guggenheim Museum in Bilbao, Zaha Hadids Maxxi in Rom oder auch das wurstförmige Kunsthaus, das Peter Cook und Colin Fournier für Graz entwarfen, setzten architektonische Ausrufezeichen. 

Auch Renzo Piano - der wohl bekannteste der drei Architekten des Centre Pompidou - baute danach spektakuläre Museumsobjekte wie die noble Fondation Beyeler bei Basel oder das schiffsförmige Wissenschaftsmuseum in Amsterdam. Das Konzept des Centre Pompidou blieb ein Unikat. Wer das Pompidou besuchen möchte, sollte sich indes beeilen. Ab Ende 2025 bis 2030 schließt das Gebäude für eine umfassende Modernisierung. Asbest muss entfernt und neue Aufzüge sollen installiert werden. Ursprünglich sollte die Sanierung bereits 2023 beginnen, wurde aber aufgrund der Olympischen Spiele in Parisverschoben. Gegen die lange SchlieBung regt sich der Widerstand vieler Bürger. Paris werde dadurch für lange Zeit eines seiner wichtigsten kulturellen Aushängeschilder beraubt, eine teilweise Öffnung sei dringend nötig, fordern die Initiatoren, darunter zahlreiche bedeutende Intellektuelle und Kulturschaffende Frankreichs.
WOLFRAM SEIPP

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 18.01.2025

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