Hochbunker inmitten von Wohngebieten gleichen hässlichen Monolithen und zeugen von finsteren Zeiten. Ab 1940 ließ Hitler mit einem Sofortprogramm zahlreiche Bunker in Städten errichten, um hinter meterdicken Betonwänden Soldaten und der Zivilbevölkerung Schutz vor Bombenangriffen der Alliierten zu bieten und auf den Dächern Flakgeschütze zur Flugabwehr zu installieren. In München wurden 40 Hochbunker und acht Tiefbunker errichtet. Wer aufmerksam die Stadt erkundet, wird noch zahlreiche Bunkeranlagen etwa bei der Schrannenhalle, beim Anhalter Platz in Milbertshofen, in Sendling oder in Pasing entdecken.

Die Betonburgen in Friedenszeiten abzureißen wäre - trotz Anordnung der Amerikaner, sämtliche Bunker zu sprengen - für die Städte zu teuer geworden. Stattdessen wurden viele Schutzräume unter Denkmalschutz gestellt, durften also nicht umgebaut werden. Bunker wieder bewohnbar zu machen, schien angesichts von zwei Meter dicken Betonwänden und ebenso massiven Geschossdecken ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Lange standen die meisten Hochbunker leer oder wurden nur als Lagerräume genutzt. Der Bunker in der Claude-Lorraine-Straße in München war 2010 der erste Bunker, der für Wohnzwecke nutzbar gemacht wurde. Für ihn galt lediglich ein Bestandsschutz. Er durfte verändert werden, das Aussehen des vorherigen Gebäudes musste aber erkennbar bleiben.
Im gleichen Jahr traute sich auch der Immobilienentwickler Stefan Höglmaier an den Umbau des denkmalgeschützten siebengeschossigen Kolosses in der Ungererstraße, der einst Schutz für 700 Menschen bot. Mit Diamantsägen rückten Arbeiter in monatelanger Arbeit dem Bunker zu Leibe, um Fenster und Türen in die zwei Meter dicken Betonwände zu schneiden. Rund 2000 Tonnen Beton wurden entfernt, die Wände von innen gedämmt, um entstehende Feuchtigkeit in den Räumen zu regulieren, eine Wärmerückgewinnung wurde eingebaut und der Bunker ans Fernwärmenetz angeschlossen. Nach vier Jahren Bauzeit und fünf Millionen Euro Kosten verwandelte sich der Bunker in eine exklusive Wohnadresse. Im Erdgeschoss wurden Ausstellungsräume eingerichtet, auf den sieben Geschossen entstanden vier hochpreisige Lofts. Höglmaier selbst zog in das über einen eigenen Lift zugängliche dreigeschossige riesige Penthouse mit 380 Quadratmetern Wohnfläche. Bei schönem Wetter kann man von den Dachterrassen ungehindert den Blick über München bis zu den Alpen und in alle Himmelsrichtungen schweifen lassen. Höglmaier ließ eine beheizbare Zirbenstube auf die Dachterrasse bauen, in der auch bei widrigem Wetter der Gipfelblick genossen werden kann. Ein maßgeschneiderter Kamin vor einer ausladenden Sofalandschaft, exklusive Einbauten, ein Konzertflügel und eine Badewanne im Vintage-Stil, von der man über München blicken kann, sowie Blattgold für die Toilette lockten Promis und Lifestyle-Magazine.
Doch Wohnen im Bunker geht auch weniger exklusiv. Klaus und Jutta Greinert etwa bewohnen seit über elf Jahren auf dem ehemaligen Wehrmacht-Bunker in Freudenheim bei Mannheim das oberste Geschoss und das auf dem Dach errichtete Penthouse. Der 83-Jährige ist Unternehmer (Röchling Eisenhandel KG Mannheim, bis 2017 Aufsichtsratsvorsitzender von Rheinmetall), ehemaliger Hockey-Nationalspieler und Olympiateilnehmer, seine Frau Jutta war früher auch Hockey-Nationalspielerin. Der Rest des Hochbunkers dient als Garage und Lagerräume. Der Mannheimer Hochbunker wurde von 1940 bis 1942 mit 1,5 Meter dicken Stahlbetonwänden errichtet und bot mit dem dazugehörigen Tiefbunker bis zu 2000 Menschen-im Ernstfall sogar für fast 7000 Personen - Schutz. Der Bunker wurde ebenfalls unter Denkmalschutz gestellt, da ein Abriss der Stadt zu teuer gekommen wäre.


Bis in die 1990er-Jahre wurde er als Lagerraum genutzt. Der Tiefbunker wurde in eine Garage umgebaut und wird weiterhin genutzt. Für einen symbolischen Preis kaufte ein Mannheimer Gastronom den massiven Hochbunker und beauftragte 2005 den Architekten Felix Friedmann, das oberste Geschoss auszubauen und eine Penthouse-Wohnung auf dem Dach zu errichten. Größte Schwierigkeit des Baus war der Durchbruch der fast zwei Meter dicken Stahlbetondecke in das oberste Bunkergeschoss. Klaus und Jutta Greinert erwarben schließlich vor rund zwölf Jahren die besonders eindrucksvolle Penthouse-Wohnung. Bereut haben sie ihren Entschluss bis heute nicht. Hauptvorteil vom Wohnen im Bunker sei neben der spektakulären Aussicht, dass man keine Nachbarn stört und auch selbst ungestört ist.
WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 04.05.2024