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Brutalismus - Architektur

GROSSFORMATIGE BILDER WIE BEI DER DIES JÄHRIGEN AUSSTELLUNG VON JORGE GALINDO BEKOMMEN DANK DER BRUTALISMUS-ARCHITEKTUR DER ST. AGNESKIRCHE EINEN IDEALEN RAUM. FOTO: ROMAN MÄRZ-COURTESY JORGE GALIANDO, KÖNIG GALERIE

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Brutalismus - Architektur

Die ehemalige Berliner St.-Agnes-Kirche dient heute als beeindruckende Galerie für zeitgenössische Kunst

Sichtbeton in grober Ausarbeitung, einfache geometrische Form und Gliederung der Gebäude sind Kennzeichen des Brutalismus-Baustils. Was heute im Deutschen negativ besetzt klingt, war ursprünglich ein zwischen den 1950erund 70er-Jahren verbreiteter moderner Baustil, der die Rohheit des Sichtbetons - „béton brut“ - betonte und oft für Orte des Gemeinwohls wie Schulen, Museen, Krankenhäuser oder Kirchen verwendet wurde. Der riesige Gebäudekomplex des zwischen 1967 und 1976 errichteten Royal National Theatre in London, das 1958 eingeweihte UNESCO Hauptquartier in Paris oder die Anfang der Siebziger Jahre errichtete Wotrubakirche in Wien sind international herausragende Bauwerke im Brutalismus-Baustil. Werner Düttmann gilt als bedeutendster Architekt der Berliner Nachkriegsmoderne. Er hat in seiner Heimatstadt 70 Gebäude realisiert, darunter die Akademie der Künste, das Brücke Museum in Dahlem und die Bibliothek im Hansaviertel. In seiner Zeit als Berliner Bausenatsdirektor entstanden rund 20.000 Wohnungen. Sein Ziel war eine schnörkellose Architektur, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. 1964 übernahm Düttmann die Planung für die St.-Agnes-Kirche in Berlin-Kreuzberg, die heute als herausragendes Beispiel für Brutalismus-Architektur hierzulande gilt.

DER TURMAUFBAU MACHTE DAS BRUTALISMUS BAUWERK VON WERNER DÜTTMANN ALS KIRCHE ERKENNBAR. FOTO: ROMAN MÄRZ-COURTESY KÖNIG GALERIE
DER TURMAUFBAU MACHTE DAS BRUTALISMUS BAUWERK VON WERNER DÜTTMANN ALS KIRCHE ERKENNBAR. FOTO: ROMAN MÄRZ-COURTESY KÖNIG GALERIE

Der Entwurf ist das Gegenteil einer barocken Kirche: keine Fresken, keine Ornamente, kein Gold, kein Marmor, sondern überall der gleiche grobe Zementputzwurf außen wie innen. Die rechtwinkligen Fassaden werden nicht durch Fenster unterbrochen. Parallel verlaufende Belichtungsbänder entlang der Dachkonstruktion lassen Tageslicht in die immense Halle mit 16 Metern Deckenhöhe strömen. Vom Boden bis zur Decke hinter dem Altar verlaufen zwei Fensterschneisen. Der in einer Wohnsiedlung aus den 50er-Jahren aufragende monolithische Bau mit seinem 20 Meter hohen Turm wurde von den meisten Gemeindemitgliedern und den Kreuzberger Bürgern positiv angenommen. Die Kirchgänger hätten etwas gefunden, was sie in der modernen Architektur sonst vermissten, schreibt Architekturkritiker Niklas Maak, nämlich, das Raumgefühl und die mystische Atmosphäre alter, romanischer Kirchen. Neben der Kirche wurde auch das Gemeindezentrum auf dem Gelände geplant. Es gruppiert sich um einen rechteckigen, bepflanzten Innenhof der von der Alexandrinenstraße aus durch einen überdachten Zugang erschlossen wird. Um den Hof herum wurden mehrere Gebäudekuben unterschiedlicher Höhe und Größe gruppiert, die neben den Kirchengebäuden auch das zweistöckige Gemeindehaus, das Pfarrhaus sowie einen Kindergarten beherbergten.

Mit der stark abnehmenden Zahl der Gemeindemitglieder sah man sich in Berlin um die Jahrtausendwende gezwungen, Kirchen zu schließen. St. Agnes wurde 2005 vollständig aufgegeben und die Gemeindeaktivitäten nach St. Bonifatius verlegt. 2012 erwarben die Galeristen Johann und Lena König die sanierungsbedürftige, ehemalige Kirche auf der Suche nach spektakulären Ausstellungenräumen für zeitgenössische Kunst. „Ich hatte den Eindruck, dass Düttmann die Kirche fast wie einen Ausstellungsraum entworfen hatte, so ideal war sie, um Kunst zu zeigen“, schreibt Johann König in seiner Biographie „Blinder Galerist“ (Ullstein Verlag, 2019) begeistert über seine erste Begehung der Kirche. Mit dem Architekten Arno Brandlhuber entwickelten sie ein Nutzungskonzept, das mit möglichst wenigen Eingriffen auskommen und die architekturhistorische Bedeutung erhalten sollte. Um das Kirchenschiff für Ausstellungen besser nutzen zu können, wurde es horizontal mit einem riesigen „Tisch“ geteilt. Im Obergeschoss blieb ein Ausstellungsbereich mit 15 Metern Deckenhöhe. Architekten und Bauherren wurden für die fertiggestellte Transformation des Kirchenbaus in eine Galerie 2016 mit dem Berliner Architekturpreis und 2018 mit dem Berliner Preis des Bundes Deutscher Architekten ausgezeichnet. Im Frühjahr 2015 wurde die „König-Galerie“ mit der Brutalismus-Ausstellung „Public Works-Architecture by Civil Servants“ des niederländischen Star-Architekten Rem Kohlhaas eröffnet.

WOLFRAM SEIPP

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 06.04.2024

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