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Boomende Privatschulen
Boomende Privatschulen

Privatschulen und Internate können nicht nur mit geringer Klassengröße, individueller Förderung, Zusatzangeboten und häufig auch besonderen pädagogischen Konzepte punkten. Ihre Ausstattung ist zudem durchweg besser als die vieler in die Jahre gekommener öffentlichen Schulen. Das reicht vom IT-Equipment, über die Vielfalt musischer Angebote bis zu modernen Sporthallen - und teilweise sogar Schwimmbädern. Foto: Adobe Stock, Kl-generiert

BILDUNG AKTUELL

Boomende Privatschulen

Ihre Zahl steigt ständig und ist abhängig vom Bundesland - für Lehrkräfte gibt es keine einheitliche Gehaltsregelung

Im Sommer veröffentlichte das Statistische Bundesamt (Destatis) erneut seine Bildungsindikatoren“, ein umfassendes Zahlenwerk zu Bildungsstand und Bildungsbeteiligung sowie zur Situation der Schulen und Hochschulen und in der Berufsausbildung. Ein öffentlich wenig diskutiertes Kapitel analysiert die Situation an privaten Schulen, zu denen auch die Mehrzahl der Internate zählt. Das Ergebnis: Die Zahl der Privatschulen nimmt stetig zu. Binnen 20 Jahren stieg sie von 2522 (Schuljahr 2002/03) auf 3784 (2022/23); ein Zuwachs von rund 50 Prozent - bei einem Bevölkerungswachstum von nur 2,5 Prozent. Dass die Zahl der öffentlichen allgemeinbildenden Schulen gleichzeitig sank, ist daher nicht überraschend: Von 38.022 im Schuljahr 2002/03 auf 28.882 im Schuljahr 2022/23, ein Minus von 24 Prozent. In diesem Zeitraum wurden fast 2100 öffentliche Grundschulen geschlossen oder zusammengelegt.

Derzeit besuchen rund eine Million Kinder und Jugendliche eine Privatschule, von einer Gesamtzahl von 10,8 Millionen Kindern und Jugendlichen (Schuljahr 2022/23), also etwa neun Prozent. Laut Destatis liegt der Anteil der Privatschülerinnen und -schüler in den ostdeutschen und süddeutschen Bundesländern besonders hoch. „Aus unterschiedlichen Gründen“, wie Pia Brugger vom Statistischen Bundesamt erklärt. Im Süden, weil dort Privatschulen eine lange Tradition haben - unter anderem wegen der vielen kirchlichen Einrichtungen, gerade von Internaten. Im Osten, weil dort nach der Wende viele Menschen abwanderten, weniger Kinder geboren wurden und in der Folge Schulen schließen mussten. Privatschulen übernahmen zum Teil deren Aufgaben. Das gilt auch für Internate, die alle nach der Wende gegründet wurden.

Der aktuelle Internate-Führer 2024/2025 listet 46 Internate in den ostdeutschen Bundesländern auf, einschließlich Berlin, darunter einige staatliche Häuser. Mecklenburg-Vorpommern führt das Ranking der Länder nach prozentualem Anteil von Privatschülerinnen und Privatschülern an, mit einem Anteil von 12,3 Prozent, gefolgt von Sachsen mit 11,5 Prozent und Bayern mit 11,2 Prozent. Am niedrigsten ist der Anteil an Privatschülerinnen in Schleswig-Holstein mit nur 5,6 Prozent.

Auch eine Frage der Kosten

Internate und Privatschulen werden seit vielen Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert, soziale Ungleichheit zu fördern. Nicht zuletzt, weil sich die oft, aber längst nicht immer fälligen Schulgebühren nur besserverdienende Eltern leisten könnten - ein Teil dieses Schulgelds ist übrigens steuerlich absetzbar, und es gibt seitens der Schulträger oft Unterstützung. Laut Destatis liegt der Betrag für eine Privatschule bei durchschnittlich 2000 Euro im Jahr (für das Jahr 2020, bei erheblichen regionalen Unterschieden: Im Landkreis Unterallgäu haben die Statistiker eine Schule entdeckt, die nur 417 Euro im Jahr verlangt. Während ein Haus in Düsseldorf 6625 Euro im Jahr abrechnet. Wohlgemerkt, die Bundesstatistiker beziehen sich ausschließlich auf private allgemeinbildende Schulen. Der Internate-Führer listet für Bayern monatliche Internatskosten in einer Bandbreite von 395 Euro bis 4213 Euro auf. Einige Einrichtungen vergeben Stipendien, zum Beispiel das Landheim Schondorf am Ammersee. Stipendien scheinen indes noch längst nicht die Regel bei deutschen Privatschulen und Internaten zu sein.

Viele Länder behandeln Bildungsgerechtigkeit völlig anders. Der neue OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2024“ (www.oecd.org/de) listet zahlreiche, sehr unterschiedliche Beispiele auf. Etwa das schulische Musterland Finnland, wo die Bildung vom Primarbereich bis zur Hochschule allgemein kostenlos ist. Dort gibt es auch private Bildungseinrichtungen, die aufgrund staatlicher Finanzierung keine oder zumindest niedrige Schulgebühren verlangen. Manche Länder erweitern die Schulauswahl über finanzielle Zuwendungen oder Gutscheine an die Familien benachteiligter Schülerinnen und Schüler, um ihnen den Besuch einer Privatschule zu ermöglichen. Deutschland liegt mit einer Privatschülerquote von neun Prozent im europäischen Mittelfeld, wie die Vergleichsstatistik von Eurostat, ein EU-Institut, zeigt. In Belgien besuchen demnach rund 57 Prozent der Schülerinnen und Schüler Privatschulen, im Vereinigten Königreich 54 Prozent und in Spanien 31 Prozent. Das sind weitaus mehr als hierzulande. In den osteuropäischen Staaten mit Ausnahme Ungarns (21 Prozent) war der Anteil hingegen meist deutlich geringer als in Deutschland.

Die hiesigen Privatschulen und Internate zeichnen sich durch eine bessere Ausstattung im IT-Bereich und in den naturwissenschaftlichen Fächern aus als ihre staatlichen Gegenüber. Gleiches gilt für musische oder Sportschulen und Internate mit ihren besonderen Ausstattungsanforderungen. Ein weiterer Vorteil der Privatschulen: Ihre Klassen sind in der Regel kleiner; die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die eine Lehrkraft unterrichtet, ist geringer als an einer staatlichen Schule, egal, ob in den Primar- oder Sekundarstufen. Zudem sind die Verwaltungen meist besser besetzt - eine wichtige Hilfe und Erleichterung für die Pädagoginnen und Pädagogen im schulischen Alltag.

Doch ausgerechnet bei den monatlichen Gehältern für die Lehrkräfte scheinen die privaten Träger zu sparen. Das hat zumindest das private Portal academics.de kürzlich publiziert, mit Verweis auf die Seite www.gehaltsvergleich.com. Academics.de zitiert ein monatliches Durchschnittsgehalt von 2929 Euro brutto, innerhalb einer weiten Spanne, die von 2350 Euro bis 3677 Euro brutto reicht. Das sind auf den ersten Blick magere Beträge, wenn man sie mit dem Einstiegsgehalt einer verbeamteten Lehrkraft der Gehaltsgruppe A13 in Bayern vergleicht: Mit monatlichen 4474 Euro sind die bayerischen Lehrkräfte die bestbezahlten in ganz Deutschland. Hinzu kommen die Beihilfe zur privaten Krankenversicherung, vermögenswirksame Leistungen und gegebenenfalls eine Familienzulage.

Warum sollten Lehrerinnen und Lehrer also private Anstellungen einer Karriere im Staatsdienst vorziehen? Ein Portal wie lohnstatik.de gibt die mögliche Antwort: Es gibt das Durchschnittsgehalt einer Privatschul-Lehrkraft mit 5880 Euro an. Der Grund: Wer auf gehaltsvergleich.com die Angebote für Lehrerinnen und Lehrer durchforstet, findet dort auch offene Stellen für Vertriebstrainer, Ergotherapeuten oder auch Minijobber, die den Gehaltsschnitt deutlich senken.
kram

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 27.09.2024

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