Ein Korpus aus vier Brettern, eine Rückwand und ein paar Einlegeböden. Mehr ist es nicht, was es für eines der erfolgreichsten Möbelstücke aller Zeiten braucht: Das Billy-Regal von Ikea dürfte bald an die 150 Millionen Mal verkauft worden sein. Der schwedische Designer Gillis Lundgren hatte es 1978 mit einer konkreten Vorstellung entwickelt: „Wir wollten ein Bücherregal herstellen, das diskret in seiner Form, aber auch attraktiv und zeitlos ist“, hat er einmal erzählt.
Alle Teile bestehen aus Spanplatten mit Furnier und die Böden werden von Metallträgern gehalten. Das ermöglicht eine kostengünstige Produktion und einen moderaten Verkaufspreis. An der Konstruktion wurde daher in all den Jahrzehnten auch nicht allzu viel verändert, nur nuancierte Anpassungen hat es immer mal gegeben, zuletzt zum Beispiel mit einer Papierfolie, die anstatt des Furniers aufgetragen wird. Wegen seiner großen Variabilität passt Billy überall: Im Kinderzimmer, um all die Spielsachen wegzustapeln, im Esszimmer, um das gute Geschirr schön zu präsentieren, oder selbstverständlich in seiner Königsdisziplin als schlichtes Bücherregal, dem beispielsweise auch der legendäre Altkanzler und Lesefreund Helmut Schmidt all seine literarischen Schätze anvertraut hat.


Ob Kanzler oder Kind, ob Normalo oder Promis: Billy ist für alle da. Wohl das Geheimnis seines Erfolges. Darum fragt man sich noch heute, wie der schwedische Möbelgigant zu Beginn der 1990er Jahre überhaupt nur daran denken konnte, die Serie aus dem Programm zu nehmen. Man hat es getan – und damit einen der größten Shitstorms der Firmengeschichte erlebt. Schnell war das Regal aller Regale also wieder im Regal zurück. Inzwischen übrigens mit Schnappern statt Nägeln in der Rückwand, damit es auch den nächsten Umzug besser überlebt.
KAI-UWE DIGEL
Erschienen im Tagesspiegel am 06.07.2024