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BILDUNG AKTUELL
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Zugewanderte Lehrkräfte scheitern immer noch an hohen Hürden: So werden beispielsweise die im Heimatland erlangten Qualifikationen häufig nicht anerkannt. Einige Bundesländer verlangen den Nachweis von Kompetenzen in zwei Unterrichtsfächern; in anderen gilt hingegen die sogenannte Ein-Fach-Regel. Um den akuten Lehrermangel zu beheben, will die Kultusministerkonferenz unter anderem ein duales Lehramtsstudium und ein Quereinsteiger-Masterstudium voranbringen. Foto: Adobe Stock

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Lehrkräftemangel und soziale Ungerechtigkeit

Der neue Bildungsbericht zeigt: Alte Probleme der allgemeinbildenden Schulen warten immer noch auf eine Lösung

Die Botschaften sind nicht neu, die im zehnten Bildungsbericht des Bundesministeriums für Forschung und Bildung (BMBF) und der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) zur Situation der allgemeinbildenden Schulen stehen. Und sie sind gar nicht gut. Zwei lauten: Es gibt zu wenige Lehrkräfte - und diese sind überlastet. Wenig überraschend ist auch der weitere Befund des vielköpfigen Autorinnen- und Autorenteams, das den Bericht unter Federführung des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (früher: Deutsches Institut für Internationale pädagogische Forschung, kurz: DIPF) erstellt hat: Gegen den Lehrkräftemangel wird zu wenig getan. Im akademisch-diplomatischen Deutsch der Forschenden klingt das so: „Trotz anhaltenden Bedarfs (gibt es) in einigen Ländern ungenutzte Potenziale bei der Gewinnung qualifizierter Lehrkräfte“. Als Beispiel nennt der Bericht die Situation zugewanderter Lehrerinnen und Lehrer. „In nur 14 Prozent der 2022 abgeschlossenen Antragsverfahren wurden Qualifikationen als voll gleichwertig anerkannt“, stellen die Autorinnen und Autoren fest. Einer der Gründe: Die hohen Anforderungen an Deutschkenntnisse. Ein anderer: Die im Ausland ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer müssen einen Nachweis über ihre Kompetenz in zwei Fächern erbringen, die in vielen Bundesländern obligatorisch ist. In manchen Ländern scheinen indes „Ein-Fach-Lehrkräfte“ die Regel.

Reformen in Sicht?

Immerhin: Hier tut sich etwas. Schon im März hatte sich die KMK auf einen gemeinsamen Rahmen für die Ausbildung von Ein-Fach-Lehrkräften geeinigt, ebenso auf ein duales Lehramtsstudium sowie ein Quereinstiegs-Masterstudium. Das Autorenteam des Bildungsberichts kommentiert diese Entwicklung mit einer gewissen Skepsis: „Abzuwarten bleibt, inwieweit (dieses) Reformpaket zugewanderten Lehrkräften den Zugang zum Schuldienst erleichtern wird.“ Beim Juni-Treffen der Kultusministerinnen und -minister im saarländischen Völklingen legte das Gremium offenbar nach. Allerdings ausschließlich für Quereinsteigende und Ein-Fach-Lehrkräfte. Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse war dort laut der einschlägigen Pressemeldung wohl kein Thema.

Die Not an qualifizierten Lehrkräften ist groß: So groß, dass im vergangenen Jahr immerhin zwölf Prozent der Neueinstellungen keine klassische Lehramtsausbildung hatten, über alle Bundesländer- und Fachgrenzen hinweg. Derweil steigt laut KMK die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den allgemeinbildenden Schulen: von etwa 8,6 Millionen im Jahr 2022 auf gut 9,6 Millionen im Jahr 2035. Der Bildungsbericht liefert andere Zahlen und geht von derzeit 7,6 Millionen Schülerinnen und Schülern sowie 8,3 Millionen im Jahr 2032 aus. Die Diskrepanz der Zahlen hat mit dem Kreis der schulischen Einrichtungen zu tun, die jeweils berücksichtigt wurden. So wurden etwa im Bildungsbericht weder die Schülerinnen und Schüler von schulartunabhängigen Orientierungsstufen, Abendschulen und Kollegs sowie der freien Waldorfschulen mitgezählt.

Hoffnung auf das Startchancen -
Programm von Bund und Ländern

Ein weiteres Thema, das der Bildungsbericht in seiner Analyse zur Lage allgemeinbildender Schulen in den Mittelpunkt rückt, ist die soziale Situation der Schülerinnen und Schüler. Die Bildungsbeteiligung und der Bildungserfolg im Schulalter sei beständig von sozialen Ungleichheiten geprägt, halten die Autorinnen fest. Mit anderen Worten: Bildung ist in Deutschland weiterhin erblich“. So ist der Anteil von Grundschulkindern, die aus sozioökonomisch benachteiligten Familien stammen und eine Übertrittempfehlung erhalten, mit 32 Prozent signifikant geringer als die ihrer Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, die aus sogenannten privilegierten Elternhäusern stammen und die zu 78 Prozent eine Empfehlung erhalten. Eine Diskrepanz, die auch durch gleiche oder bessere Noten sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler nicht ausgeglichen wird.

Bei Kindern von Eltern mit einem mittleren sozioökonomischen Status tariert sich die Übertrittempfehlung bei 54 Prozent aus. Auch das ist nicht neu: Seit 2012 treten jedes Jahr runde 45 Prozent der Grundschulkinder auf das Gymnasium über. So wie schon in den zehn Jahren zuvor. Übrigens ist diese Übertrittempfehlung außer in Bayern nur noch in Thüringen und Brandenburg verbindlich - in allen anderen Bundesländern liegt die Entscheidung in den Händen der Familien. Bundesweit trat im Jahr 2022 mit 45 Prozent knapp die Hälfte der Grundschulkinder auf ein Gymnasium über. Die aktuelle KMK-Präsidentin Christine Streichert-Clivot, Ministerin für Bildung und Kultur des Saarlandes (SPD), meint daher: „Wir müssen noch ehrgeiziger sein, um das Versprechen des sozialen Aufstiegs für Jugendliche zu erneuern. Immer noch hängen die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen stark vom sozialen Hintergrund ab. Die kommende Generation erwartet berechtigterweise, dass wir diese Ungerechtigkeit angehen.“ Das Startchancen-Programm des Bundes und der Länder sei dafür ein Beispiel, so Streichert-Clivot. Wer den Bildungsbericht nach einem Ranking der Bundesländer in Sachen Bildungsgerechtigkeit durchsucht, wird nicht fündig. Die im Mai veröffentlichte ifo-Studie: „Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer“ gibt Auskunft: Bayern trägt in dieser Tabelle die rote Laterne.
Horst Kramer


Bildungsbericht-Infos

Der Bildungsbericht des Bundesministeriums für Forschung und Bildung (BMBF) sowie der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) erscheint seit 2008 regelmäßig alle zwei Jahre. Dabei wird das gesamte Bildungsspektrum beleuchtet: von der Situation in den Kindertagesstätten über die allgemeinbildenden Schulen bis zu den Hochschulen. Die Lage in der beruflichen Aus- und Fortbildung wird ebenso analysiert wie die der Weiterbildungsangebote und das Lernen im Erwachsenenalter. Das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation stellt den Bericht zusammen, zahlreiche weitere Institute sind beteiligt, etwa das Deutsches Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Der Bericht umfasst in diesem Jahr rund 400 Seiten und kann als PDF von der Seite www.bildungsbericht.de heruntergeladen werden. Viele weitere Tabellen, auf die sich der Text bezieht, stehen separat im XLS-Format zur Verfügung. Eine Kurzversion („Bildungsbericht kompakt“) fasst die wichtigsten Ergebnisse und Zahlen auf 32 Seiten zusammen. Der aktuelle sowie alle früheren Bildungsberichte finden sich auf der Seite des KMK auf www.kmk.org unter Themen/Bildungsberichterstattung.
kram


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kram

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 19.07.2024

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