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Letzte Bastion des Historismus

DAS GASTHAUS ISARTHOR ERHIELT EINE BAROCKE FASSADE EINES STADTPALAIS. FOTO: WIKIMEDIA / RICARALOVESMONUMENTS

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Letzte Bastion des Historismus

Der Architekt Max Ostenrieder (1870-1917) prägte das Gesicht Münchens mit

Die Phasen des Übergangs zwischen zwei stilistisch prägenden Epochen waren für die gerade tätigen Künster immer undankbar. Bemühten sie sich um die Weiterentwicklung des Vorherrschenden, galten sie als rückständig. Brachen sie fortschrittlich aus der Tradition aus, beschimpfte man sie als Stümper. Entwicklungen, die andernorts schon anerkannt neue Wege aufzeigten, ließen sich nicht immer übertragen. Bisweilen etablierten sie sich erst in lokalen Varianten, wie etwa der Jugendstil in München, der inmitten des schwerfällig-prunkvollen Historismus wieder Glanz und Eleganz in die Stadt brachte. Um 1900 herum und noch eine Weile danach zeigt die Architektur in München deshalb auch kein einheitliches Gesicht. Mehrere stilistische Ausprägungen waren daher das Umfeld, in dem der Architekt Max Ostenrieder (1870-1917) sein allzu früh vom Schlaganfall beendetes Schaffen entwickelte.

Als Sohn eines Metzgermeisters in München geboren, wuchs er nicht gerade in einem intellektuellen Umfeld auf. Nachdem die Vorfahren um 1800 aus Murnau nach München gezogen waren, entstammten die Traditionen der Familie einem ländlichen Umfeld. Der Werdegang des Architekten war also keinesfalls vorgezeichnet, wohl eher als Berufung zu werten. Nach dem Besuch der Industrieschule, einer aus heutiger Sicht fragwürdigen Erziehungsanstalt, die Kinder aus den unteren sozialen Schichten mit züchtigenden Methoden zu aufrechten Handwerkern formen sollte, durfte Ostenrieder an der Technischen Hochschule (seit 1970 Technische Universität) München Architektur studieren. 

Erst kurz davor war der Fakultätsleiter Gottfried Ritter von Neureuther erkrankt, was zur Berufung von Friedrich Thiersch (1852-1921, seit 1897 Ritter von Thiersch), der an der angesehenen Stuttgarter Technischen Hochschule studiert hatte, an seine Stelle führte. Die Epoche der italienischen Renaissance Neureuthers wurde also von einem inhaltlich offeneren Historismus abgelöst, der allmählich auch die Moderne adaptierte. Die Münchner Fakultät entwickelte sich damit zur führenden im Deutschen Reich.

Um die Studienzeit Ostenrieders herum trugen Werke Thierschs ein neobarockes Gesicht, so etwa das Bernheimer-Palais (1887-1889) oder später das Neue Justizgebäude (1902-1905). Das ist insofern erwähnenswert, da es im Vergleich zeigt, dass Ostenrieder seinen Lehrer nicht kopierte und von Anfang an eigene Lösungen suchte. Auch die München mitprägenden Architekten Theodor Fischer (1862-1938) und German Bestelmeyer (1874-1942), die aus derselben Architektenschmiede hervorgegangen waren, hatten offenbar keinen Einfluss auf Max Ostenrieder, zumal sich dessen architektonische Aufgaben in einem etwas kleineren Rahmen abspielten. 

Seine Schwerpunkte lagen auf den städtischen Wohn- und Geschäftshäusern sowie Landvillen. Erst in jüngster Zeit erklärte das Bayerische Denkmalamt Ostenrieders Werke für schützenswert. Für viele zu spät, da nicht mehr im Originalzustand. 

Nach dem Studium arbeitete Ostenrieder als Bauzeichner und Architekt beim Bauamt der Stadt München. Eine solide Stellung, die aber gewiss mit viel Verwaltung verbunden war. Jedenfalls einträglich genug, dass sich Ostenrieder 1890 ein Bauernhaus am Weßlinger See (Uferweg 2) kaufen und es zum Sommerhaus umgestalten und erweitern konnte. So kam es, dass er einige Bauten im Fünfseenland in Auftrag bekam, alleine in Weßling insgesamt 14. Sein erstes Domizil errichtete er 1900 in München am Marienplatz 18. Das pracht- und schmuckvolle neogotische Gebäude wurde im Krieg zerstört. Es war wohl das erste Bauwerk seines überaus erfolgreichen Architekturbüros. 

Zu Beginn seiner Bautätigkeit konzentrierte sich Max Ostenrieder auf München und erschuf einige Wohn- und Geschäftshäuser in zentraler Lage. Seine Stilsicherheit in der örtlichen Baugeschichte und sein Gespür für den jeweiligen Kontext im Bauensemble zeichnen seine Werke aus. Man könnte sie auf den ersten Blick für originalhistorische Bausubstanz halten. Seine Vorbilder entnahmer vom Mittelalter bis zum Barock, meist arbeitete er aber mit der gotischen Formensprache, so etwa in den Wohn- und Geschäftshäusern am Platzl la von 1896/97, am Altheimer Eck 5 (J. Baun) von 1899 oder in der Sendlinger Straße 51 (J. Kraft) von 1896-99. Das Gasthaus Isarthor im Tal von 1895/96 ist indes im Neobarock erbaut, einem Mehrfamilienhaus in der Lindwurmstraße 15 von 1901 gab er eine Neorenaissance-Fassade.

Auffallend ist, dass die Bauwerke von Max Ostenrieder stets überaus ausgewogene Proportionen aufweisen. Die Vermutung liegt daher nahe, dass der historistische Baumeister jeweils den Stil wählte, dessen Proportionen sich in der jeweiligen Baulücke am besten realisieren ließen. Das gilt auch für die Landvillen, die sich freistehend zwar in kein Ensemble, doch in die Landschaft fügen mussten. Die Wirkung seiner sehr kraftvoll und kompakt geformten Villen kann daher durchaus als malerisch bezeichnet werden. Ostenrieder dachte aber auch praktisch, gestaltete daher die Dachgeschosse so hoch, dass sie als Wohnfläche nutzbar sind, erst recht, wenn sie ein Walmdach oder komplexere Dachformen tragen. 

In den Stadthäusern gestaltete Ostenrieder gerne mit Erkern, in den Villen bisweilen mit Türmen, deren Bau er offenbar besonders gut beherrschte. Nachdem er 1904 für das Schloss Kospoda (Saale-Orla Kreis, Thüringen) einen imposanten, mittelalterlichen Belvederturm errichtet hatte, beauftragte ihn neben dem Luxemburger Architekten Pierre Dunck-Eydt der Großherzog Wilhelm IV. von Luxemburg 1906 mit der Neuerrichtung des abgerissenen Schlosses Berg in Colmar-Berg, der Hauptresidenz des Regenten. Vor allem mit dem Bau des Turmes nach dem Vorbild von Kospoda, der mächtig übers Schloss hinaufragt und seine Erscheinung prägt. Das monumentale Bauwerk war 1911 vollendet. 

Als Max Ostenrieder mit nur 47 Jahren in Moosburg starb, war seine Bauweise bereits Geschichte und die Moderne längst im Vormarsch. Ob er sich mit den neuen Bauprinzipien angefreundet hätte, bleibt spekulativ.



REINHARD PALMER

Er­schie­nen im Ta­ges­spie­gel am 11.04.2026

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