Wer weiß noch, wo er am 19. Juni 1999 war? Zugegebenermaßen ist es kein welterschütterndes Datum, aber ein wichtiges für alle Studierenden. Denn die Ereignisse dieses Sommertages haben die akademische Welt in Deutschland und Europa in der Folge entscheidend geprägt. Bis heute. An jenem Tag unterzeichneten die Bildungsministerinnen und Bildungsminister von 29 europäischen Staaten die „Bologna-Erklärung“ in der Großem Aula der dortigen Universität, die älteste Europas, die vor rund 900 Jahren gegründet worden ist. Das Ziel der Vereinbarung war, die akademische Ausbildung in Europa durch ein Punktesystem - das „European Credit Transfer and Accumulation System“ (ECTS) mit seinen sogenannten Credits - samt den gestuften Abschlüssen Bachelor, Master und Promotion zu harmonisieren. Sowie mit der erklärten Absicht, eine Berufsorientierung in den Vordergrund zu stellen.
Trotz der langen Übergangszeiten war die Umstellung für viele Beteiligte schmerzhaft. Die Gründe hierfür wären einen eigenen Beitrag wert. Nur ein Beispiel: In Mecklenburg-Vorpommern kehrte man 2010 sogar zum Diplomingenieur-Abschluss zurück. Doch inzwischen sind die neuen Abschlüsse und Titel Alltag, wenn auch mit signifikanten Unterschieden:
An den Universitäten entscheiden sich laut dem aktuellen Bildungsbericht 79 Prozent der Studierenden, nach dem Bachelorabschluss in das Master-Studium einzusteigen, an Hochschulen liegt der Master-Anteil nur bei 43 Prozent. Die weiteren 57 Prozent suchen (und finden in der Regel) eine Arbeitsstelle. An privaten Hochschulen wechseln sogar noch mehr erfolgreiche Bachelor-Absolvierende in die Arbeitswelt.
Wer als Bachelor im öffentlichen Dienst nach einer Angestelltenstelle sucht, wird in der Regel in die Entgeltgruppen E9 oder E10 eingestuft (E9b: Einstiegsgehalt 3566 Euro, E10 Einstiegsgehalt 3855 Euro (Anmerkung: alle Zahlen vor Steuer- und sonstigen Abzügen). Ein Master startet das Berufsleben zumeist in der Entgeltgruppen E13 (Einstiegsgehalt 4628 Euro). Ortszulagen nicht eingerechnet, ebenso wenig die Jahressonderzahlung, das sogenannte 13. Monatsgehalt, das im vergangenen Jahr bei 60 bis 80 Prozent des durchschnittlich gezahlten Entgelts lag. Die öffentlichen Arbeitgeber - ob auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene - haben in den vergangenen Jahren zudem einige Möglichkeiten erhalten, um besonders qualifizierten Neulingen zusätzliche finanzielle oder geldwerte Anreize anbieten zu können.
In der freien Wirtschaft hängt das Gehalt wie im öffentlichen Dienst vom Standort ab, aber auch von der Betriebsgröße, wie etwa das Portal www.berufsstart.de betont. Zum Beispiel liegt für Berufsneulinge mit Bachelor-Abschluss im Maschinenbau die Spannbreite zwischen durchschnittlich 35.000 Euro bis zu 41.000 Euro Jahresgehalt. Frisch gebackene Master-Absolventinnen und -Absolventen können hingegen mit einem Jahresgehalt zwischen 47.000 Euro und 51.000 Euro rechnen. Einige Stellenportale weisen allerdings die Unterschiede zwischen den Abschlüssen als geringer aus. Über die meisten Zahlen dürfte wohl das Bundesamt für Statistik (Destatis) verfügen. Besonders interessant ist daher der Gehaltsrechner, den die Statistik-Profis online gestellt haben (www.service.destatis.de/DE/gehaltsvergleich ). Der Gehaltsrechner basiert derzeit auf den Daten einer Verdiensterhebung vom April 2023, die von den statistischen Ämtern der Länder und des Bundes mit rund 58.000 zufällig ausgewählten Betrieben durchgeführt wurde. Alle Daten sind anonym, auch die Eingaben, die Stellen interessierte in das Online-Tool tippen.
„Die Gehälter von Männern und Frauen unterscheiden sich zum Teil deutlich“, betont das Destatis-Team. Dieser statistisch ermittelte „Gender Pay Gap“ kann erheblich sein und mehrere hundert Euro im Monat betragen. Der Destatis-Gehaltsrechner hat ihn bei jeder Berechnung sozusagen „eingepreist“. Dadurch hätten Frauen die Möglichkeit, sich an den Gehältern der Männer zu orientieren, heißt es auf der Einleitungsseite des Tools. Was nicht unbedingt in der Statistik auftaucht: Die Begeisterung für ein bestimmtes wissenschaftliches Fach und sei es als „Orchideenfach“ verschrien, ist vielen Studierenden immer noch wichtiger als Gehaltserwartungen.
kram
Erschienen im Tagesspiegel am 19.07.2024