Spektakuläre, moderne Architektur im alten Rom? Manch einer wird erstaunt sein, in der Ewigen Stadt eines der weltweit führenden Museen für zeitgenössische Kunst und Architektur anzutreffen. Die geschwungene, futuristische Betonkonstruktion im Norden Roms wurde von der vor einigen Jahren verstorbenen britisch-iranischen Architekturikone Zaha Hadid erbaut. Sie setzte sich in einem 1998 ausgeschriebenen Wettbewerb von Italiens Ministerium für kulturelles Erbe mit ihrem Entwurf unter 278 Einreichungen aus aller Welt durch. Bis zur Fertigstellung dauerte es jedoch 12 Jahre. 2010 konnte die spektakuläre „Architekturskulptur“ endlich eröffnet werden.


Das dreigeschossige Gebäude überragt nicht die umliegenden Wohnhäuser des Quartiers. Ein großer Platz um das Gebäude schafft Abstand und Freiraum für Begegnungen und Events. Teile einer vor Ort befindlichen ehemaligen Kaserne wurden in das Gebäude integriert. Von außen wirken die geschwungenen und auskragenden Sichtbetonwände des Gebäudes wuchtig. Von innen wirkt das Gebäude dagegen dank großer Glasflächen und eines ausgeklügelten Lichtkonzepts luftig und spielerisch.
Durchblicke und Einschnitte werfen Schattenmuster und Linien auf die grau Farbigen Wände und großzügigen Plätze. Eine breitstreuende Lichtdecke, die durch Leuchtstofflampen bei Bedarf verstärkt werden kann, wurde für eine atelierähnliche, homogene Grundbeleuchtung entwickelt, die möglichst natürlichen Lichtbedingungen entsprechen soll. Die meisten Kunstwerke seien unter Tageslichtbedingungen entstanden, erklärt der Projektarchitekt Gianluca Racana, Farben und Oberflächen sollten daher möglichst naturgetreu wahrgenommen werden. Lamellenblenden aus Aluminium regulieren je nach Sonnenstand das einströmende natürliche Licht und sind mit einem intelligenten Beleuchtungssystem gekoppelt. Alle Leuchten seien in die architektonischen Elemente integriert, um lineare Strukturen und die Dynamik der Wegeführung zu betonen, erläutert Gianluca Racana das Lichtkonzept. Treppen und Stege folgen der Lichtführung und schmiegen sich an Wände oder spannen sich luftig durch den Raum. In die Handläufe integrierte Lichtbänder sorgen für eine indirekte Beleuchtung der Wege. Im Außenbereich setzt sich die ausgeklügelte Lichtgestaltung fort. Das Gebäude wird atmosphärisch in Szene gesetzt, ohne die bestehende Umgebungsbebauung zu dominieren.
Grundidee für den Bau war der Fluss des Wassers. Die gebogenen Wände der Galerien sollen große Ströme und Flüsse assoziieren. Kleinere Verbindungen und Brücken sollen an Bachläufe erinnern. Besucher sollen sich durch das Museum treiben lassen und stets Neues und Überraschendes entdecken. Manche Ausstellungsbereiche wirken in sich geschlossen. Andere öffnen sich mit großen Glasflächen nach außen. Die Galerien verlaufen verschlungen auf verschiedenen Ebenen, kreuzen sich und folgen den unterschiedlichen Formen des Gebäudes. Technische Einrichtungen des Gebäudes wurden in die Stahlfachwerkträger integriert, damit sich Besucher ganz auf die Wirkung von Kunst und Räumen konzentrieren können.
Das MAXXI gliedert sich in zwei Bereiche. die ständigen Ausstellungen beherbergen: Ein Teil widmet sich der zeitgenössischen Kunst mit großformatigen Installationen, Kunstwerken und Fotografien ab den 60er-Jahren bis heute; der andere Teil zeigt Entwicklungen der modernen Architektur. Ein umfassendes Programm an Wechselausstellungen setzt neue Schwerpunkte und ergänzt das bestehende Kunstangebot. Das MAXXI dient auch als Kulturraum für Konferenzen, Sommercamps oder Yoga im Freien. Die Römer haben das MAXXI längst für sich entdeckt. Das Café des Museums ist ein beliebter Treffpunkt. Das MAXXI war seinerzeit das erste italienische Museum, das sich nur zeitgenössischer Kunst widmete. Mittlerweile zählt es für Architekturliebhaber fast zu einem „Klassiker“ eines Rom-Besuches.
WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 08.02.2025