Enorme psychische Belastungssituationen steigern das Risiko, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Denn emotional aufwühlende Ereignisse führen zu einer Alarmreaktion des Körpers: Stresshormone und sympathisches Nervensystem werden aktiviert, was sich negativ auf das Herz-Kreislaufsystem auswirkt. Die Herzleistung steigt an, der Herzmuskel benötigt mehr Sauerstoff, der Herzschlag beschleunigt. Herzmuskel und Gefäße werden stark belastet, denn die Gefäße verengen sich als Reaktion auf die Stresssituation. Der Blutdruck steigt in kritische Höhen. Weiße Blutkörperchen werden aktiviert, und es kommt zu einer vermehrten Verklebung von Blutplättchen. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) schreibt dazu: „All diese Faktoren zusammen und viele andere zelluläre Phänomene erklären gut, warum es bei Stress leichter zu einem Herzinfarkt kommen kann.“ Das betreffe besonders häufig Patienten mit bestehender koronarer Herzkrankheit, „aber es kann auch Menschen betreffen, die keine nennenswerte Erkrankung an den Herzgefäßen haben.“ Eine besondere Ursache für eine herzinfarktähnliche akute Erkrankung ist der DGK zufolge das Broken Heart Syndrom, auch Tako-Tsubo-Syndrom oder Stress-Kardiomyopathie genannt. Bei etwa zwei bis drei Prozent aller Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt wird diese Erkrankung diagnostiziert. Sie ist ebenso lebensbedrohlich wie ein klassischer Herzinfarkt und tritt besonders häufig bei Frauen in der Post-Menopause auf. Als Auslöser finden sich häufig extreme emotionale Belastungen aber auch lebensbedrohende Situationen. Während sich die akute Behandlung stressbedingter Herzinfarkte nicht von der typischer Herzinfarkte unterscheidet, sollten Fachärzte die auslösenden psychosomatischen Faktoren insbesondere bei der Nachsorge der Betroffenen im Fokus haben, damit sie entsprechende Maßnahmen zur Stressreduktion vornehmen können. Welche das sind, hängt von individuellen Bedürfnissen ab. Die einen bauen Stress ab, indem sie sich körperlich betätigen. Diesen Patienten rät die DGK dann zu sportlichen Aktivitäten, während andere Patienten eher Ruhe benötigen. Besonders beliebt sind derzeit Tai Chi, Qi Gong oder achtsamkeitsbasierte Verfahren als Entspannungstechniken.
Stressprävention
Wie sehr psychischer Stress auch das Schlaganfallrisiko erhöhen kann, zeigt eine aktuelle Studie, über die die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) berichtet. In der internationalen, retrospektiven Fallstudie mit 26.812 Personen aus 32 Ländern haben demnach Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der irischen Universität Galway einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem Hirninfarkt, auch ischämischer Schlaganfall genannt, und einem erhöhten Stresslevel nachgewiesen. So haben aus der Gruppe der Schlaganfall-Betroffenen rund 21 Prozent von einem erhöhten Maß an Stress berichtet, während es in der Kontrollgruppe, die sich aus Personen ohne einen Hirninfarkt zusammensetzte, nur 14 Prozent waren. Die irischen Forschenden wiesen nach, dass das Schlaganfallrisiko aufgrund eines beliebigen belastenden Lebensereignisses um 17 Prozent erhöht war, während das Auftreten von zwei oder mehr belastenden Lebensereignissen das Schlaganfallrisiko sogar um bis zu 31 Prozent erhöhen kann. Auslöser waren ganz unterschiedliche belastende Faktoren: erhöhter Stress am Arbeitsplatz und/oder in der Familie oder belastende Lebensereignisse in jüngster Zeit - wie beispielsweise eine Trennung oder Scheidung, größere innerfamiliäre Konflikte oder Krankheiten und Todesfälle innerhalb der Familie oder dem Freundeskreis. Die DSG rät daher dringend zur Stressprävention und fordert dazu auf, bei Schlaganfallsymptomen, wie beispielsweise Sprachstörungen oder Lähmungen, unverzüglich medizinische Hilfe zu suchen, um Langzeitschäden möglichst zu verhindern.
In Deutschland erleiden jährlich etwa 270.000 Menschen einen Hirninfarkt. Risikofaktoren dafür sind beispielsweise Übergewicht, Stoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Rauchen - oder eben Stress. „In der Untersuchung wurden die Risikofaktoren des Herzkreislaufsystems sozusagen ,herausgerechnet' und nur der Zusammenhang zwischen einem Schlaganfall und Stress untersucht“, sagt Professor Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der DSG. „Das Gefühl von Stress entsteht zum Beispiel bei Überforderung oder dem Eindruck von Kontrollverlust am Arbeitsplatz oder im Privatleben“, erklärt Professor Schäbitz weiter.
Stressauslöser Überforderung
Bei einem Schlaganfall wird durch einen Riss oder eine Blockade eines Blutgefäßes im Gehirn die Blutversorgung eines Gehirnareals unterbrochen. Je nachdem, welches Gebiet des Gehirns betroffen ist, werden dadurch unterschiedliche körperliche Funktionen gestört. Die Folgen sind gravierend - dazu gehören beispielsweise Lähmungserscheinungen, Sprachverlust und Sehstörungen. Im schlimmsten Fall stirbt der Betroffene. Eine korrekte, rasche Diagnose kann also lebensrettend sein. So können auch Laien klassische Schlaganfallsymptome mit dem FAST-Test erkennen. FAST steht für Gesicht (face), Arme (arms), Sprache (speech), Zeit (time). Hängt beim Lächeln ein Mundwinkel oder kann ein Arm nicht richtig angehoben werden? Dann könnte eine schlaganfallbedingte Lähmung vorliegen. Der Betroffene könnte auch Sprachstörungen haben und nicht fähig sein, einen einfachen Satz nachzusprechen. Dazu kommt der Faktor Zeit ins Spiel, denn „Time is brain“. „Bei einem Schlaganfall kann ein schnelles medizinisches Eingreifen lebensrettend sein“, sagt Professor Darius Nabavi, zweiter Vorsitzender der DSG.
Wie sich das individuelle Schlaganfallrisiko senken lässt, „haben wir auch selbst in der Hand. Mit gesunder Ernährung, wenig Alkohol und ausreichend Bewegung kann jeder entscheidend auf sein Gewicht, seinen Blutdruck und insgesamt auf seine Gesundheit einwirken“, so der Experte. Zudem sei es wichtig, nicht zu rauchen. Zur Stressreduktion haben sich unter anderem Entspannungstechniken wie Achtsamkeitsmeditation, autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson und ähnliche Techniken bewährt.
Auch eine Verhaltenstherapie kann im Einzelfall unterstützend wirken, um persönliche Stressfaktoren zu erkennen und zu eliminieren. Das alles kann das Gefühl von Selbstwirksamkeit verstärken, zu erhöhter Resilienz führen und somit Stress - und damit auch potenziellen Schlaganfällen - vorbeugen. Einen weiteren wichtigen Aspekt sieht Professor Schäbitz im beruflichen Bereich: „Im Zuge der gesundheitsbezogenen Vorsorgemaßnahmen sind auch Arbeitgeber gefragt: Sie sollten ihre Mitarbeiter nicht überfordern. Wenn diese auch am Arbeitsplatz die Möglichkeit haben, eigenverantwortlich zu arbeiten und sich proaktiv einzubringen, kann einem zu hohen Stresslevel beispielsweise rechtzeitig vorgebeugt werden“, ist seine Erfahrung.
Dorothea Friedrich
Krank im Darm durch Stress
Dauerstress zieht auch den Darm in Mitleidenschaft. Insbesondere bei chronischentzündlichen Darmerkrankungen (CED) ist bekannt, dass psychische Belastungen zu akuten Krankheitsschüben führen können. Die molekularen Mechanismen dahinter sind bisher jedoch unzureichend erforscht. Ein Team um den Gastroenterologen Professor Kai Markus Schneider konnte nun wichtige Erkenntnisse gewinnen, welche zellulären und biochemischen Vorgänge der Verbindung zwischen Psyche und Darm zugrunde liegen. Das schreibt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM). Unter Stress produziert der Körper verschiedene Hormone, die ihm helfen sollen, mit einer akuten Belastungssituation fertig zu werden. Kurzfristig steigert dieser Hormonschub tatsächlich die Leistungsfähigkeit, zündet Energiereserven und regt den Kreislauf an. Langfristig jedoch kann er zum Gesundheitsproblem werden. Unter Dauerstress lassen speziell die in der Nebennierenrinde produzierten Glucocorticoide die Entzündungsreaktionen im Darm eskalieren. Das zeigten Schneider und sein Team in Versuchen an Mäusen.
Dabei wirken die Glucocorticoide offenbar nicht direkt auf die Entzündungszellen des Darms. Als erste Anlaufstelle und wichtigste Vermittlungsinstanz konnten die Forschenden vielmehr das so genannte Enterische Nervensystem (ENS) identifizieren. Das ENS bildet ein dichtes Geflecht, das die Darmwand durchzieht und wegen seiner komplexen Organisation auch als „Bauchhirn“ bezeichnet wird. Unter Glucocorticold-Einfluss, so zeigte die Untersuchung, kam es zu deutlichen Veränderungen dieses komplexen Gefüges.
Davon waren die Stütz- und Hilfszellen (Gliazellen) des ENS betroffen sowie die enterischen Nervenzellen selbst. Wie Schneider zeigen konnte, bildete sich unter Dauerstress eine Subgruppe von Gliazellen heraus, die den Immunbotenstoff CSF1 produzierte und so zu einer Aktivierung von Entzündungszellen beitrug. CSF1 aktiviert außerdem Monozyten, also Blutzellen des Immunsystems, was die Entzündungsreaktion noch verstärkt - dieser Prozess fehlgeleiteter Entzündungen ist bereits als Ursache vieler anderer Erkrankungen verifiziert. Die enterischen Nervenzellen gerieten dagegen durch die Glucocorticoide in einen Zustand der Unreife, der mit einem Mangel des Botenstoffes Acetylcholin und einer Störung der Darmmotilität, also der Bewegungsfähigkeit des Darms, einherging. Durch diese beiden Vorgänge lassen sich Entzündungsschübe und Darmbeschwerden bei einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung erklären. dfr
Erschienen im Tagesspiegel am 17.05.2024