Wer mit dem Zug in den Hauptbahnhof Rotterdam-Centraal einfährt, bekommt das Gefühl, sich schon mitten im Gebäude zu befinden. Die 250 Meter lange Überdachung der Bahnsteige gliedert sich in die anderen Gebäudeteile von Transferhalle und Fußgängerpassage ein. Das 2015 eröffnete Bahnhofsgebäude mit seinem weit auf den Bahnhofsvorplatz auskragenden, spitz zulaufenden Edelstahldach mit Holzvertäfelung auf der Innenseite verleiht eine großstädtische Identität. Es ist zum südlichen modernen Stadtzentrum mit seiner Hochhausarchitektur ausgerichtet und gibt schon einen ersten spannenden Eindruck von Rotterdams modernen und futuristischen Bauten.
Die gewachsenen Stadtquartiere Rotterdams mit ihren traditionellen Kaufmannshäusern wurden im Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen zerstört. Statt auf Wiederaufbau der historischen Bausubstanz setzten die Stadtväter Rotterdams auf einen architektonischen Neuanfang. Nur im Stadtteil Delfsvhaven, wo im 17. Jahrhundert die Pilgerväter ihre Überfahrt nach Nordamerika antraten, blieben die alten Kaufmannshäuser erhalten und bieten heute ein exklusives Wohnviertel. Über die Jahrzehnte wuchs Rotterdam nicht nur zu einer pulsierenden Industriestadt mit dem größten Hafen Europas, sondern setzte auch Ausrufezeichen moderner Architektur. Sie gleicht heute einem Architekturlehrpfad seit den 1950er-Jahren. Mit seinen ikonographischen Gebäuden und seiner Skyline zählt das „Manhattan an der Maas“ zu den innovativsten Städten für futuristische Bauwerke.



Die niederländische Architekturikone Rem Kohlhaas hat sich mit dem „De Rotterdam“ in der Hafenstadt ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Das 2013 fertiggestellte 44 Stockwerke hohe Gebäude ist das größte der Niederlande und gleicht einer vertikalen Stadt. Wie riesige Bauklötze, die etwas verrutscht sind, prägt der Hochhauskomplex zwischen dem KPN Tower und dem Rotterdam Cruise Terminal die Skyline. Benannt ist der Hochhauskomplex nach dem Flaggschiff der Holland-Amerika-Linie, die über Jahrzehnte Auswanderer und Reisende nach New York brachte. Das De Rotterdam liegt direkt am Maas-Ufer und ist durch die 1996 eröffnete Erasmus-Brücke mit dem südlichen Teil der Stadt verbunden. Wegen ihrer Form wird die Brücke liebevoll als „Der Schwan“ bezeichnet. Sie stellt die letzte Nord-Süd-Verbindung vor dem Rotterdamer Hafen und der Nordsee dar und gilt als Wahrzeichen Rotterdams. Konstruiert ist die Brücke mit einer 139 Meter hohen asymmetrischen Bügelkonstruktion aus himmelblauem Stahl, an dem die Stahlseile verankert sind, die die mobilen Kräfte der Stadt symbolisieren sollen.
Die im historischen Stadtkern vom ortsansässigen Architekturbüro MVRDV errichteten Markthallen wirken wie ein glänzender 100 Meter langer und 40 Meter hoher Tunnelbogen und bieten eine Symbiose aus Marktständen, Wohneinheiten und Geschäften. Die Bogenöffnung wurde mittels eines Glasvorhangs geschlossen, dessen Scheiben an einem flexiblen Stahlnetz hängen. Im Deckenbogen befindet sich eines der größten Kunstwerke der Welt: Das „Horn of Plenty“ erstreckt sich über 11.000 Quadratmeter und umfasst in kräftigen Farben Anspielungen auf die malerischen Traditionen holländischer Meister im Goldenen Zeitalter und variierenden Motive von Früchten, Fischen, Blumen, Insekten und Kühen.
Eine der neuesten architektonischen Highlights der Stadt ist das Schaudepot des Museums Boijmans van Beuningen. Mit seinen verspiegelten Glaspaneelen, die den Rotterdamer Museumspark reflektieren, geht das schalenförmige Gebäude mit seiner Umgebung eine Symbiose ein. Direkt nebenan lohnt es sich, einen Klassiker des futuristischen Bauens zu besichtigen: Die zwischen 1978 und 1984 errichteten Kubus-Häuser des niederländischen Architekten Piet Blom stellen sicher geglaubte Perspektiven auf den Kopf. In einem der Kubus-Häuser ist ein Hotel untergebracht. Wer es nicht glaubt, kann sich darin überzeugen, dass die Häuser auch ohne senkrechte Linien eine besondere Wohnqualität bieten. WOLFRAM SEIPP
Erschienen im Tagesspiegel am 07.12.2024