Wer beim Begriff „Planstadt“ an die sozialistischen Trabantenstädte und Plattenbausiedlungen der DDR denkt, liegt zwar nicht ganz falsch, tangiert aber nur allenfalls die Thematik. De facto ist das Phänomen weltweit zu finden und dessen Geschichte reicht bis in die Antike zurück. „Planstädte entstehen typischerweise zu Zeiten von Reichsgründungen, zum ersten Mal im Hellenismus, dann um die Zeitenwende im Römischen und Chinesischen Reich sowie als fürstliche Gründungen des europäischen Absolutismus und Barock (Residenzstädte) und schließlich in der Neuzeit als New Towns oder sozialistische Städte“ (spektrum.de). Bei Planstädten handelt es sich um Städte oder Stadtteile, die sozusagen auf dem Reißbrett angelegt wurden und eben nicht aus einer alten, Ansiedlung über die Jahrhunderte hinweg organisch gewachsen sind. Planstädte können demnach nur in einer freien Landschaft oder auf einer Fläche nach Komplettabriss vorhandener Bausubstanz - etwa nach verheerenden Kriegen oder Brandkatastrophen - entstehen. Sie sind leicht zu erkennen, denn sie folgen stets einer strengen Ordnung, die als ein Muster auf dem Stadtplan sofort ins Auge fällt. Am häufigsten zu finden sind orthogonale Straßenraster, wie wir sie in Deutschland als Schachbrett-Muster in den Mannheimer Quadraten sehen können. Die Ausrichtung auf ein Schloss ist typisch für die Städte des Absolutismus und des Barock. Später kommt das Prinzip der Achsenbildung zwischen wichtigen Gebäuden und Funktionen der Stadt hinzu, denen sich die Bebauung entsprechend unterordnet. Dadurch ist die Struktur komplexer, aber auch lebendiger. Auslöser dafür können genauso landschaftliche Besonderheiten sein, etwa bergiges Relief oder ein Flusslauf.
Eine Stadt gänzlich neu zu entwerfen und anzulegen, brachte mit sich, dass Stadtplaner und Baumeister begannen, nach der idealen Formeiner Stadt zu suchen. Die Vorstellung, was eine Ideal-stadt ist, wandelte sich selbstverständlich über die Jahrhunderte, denn sie richtet sich nach derjeweils angestrebten Gesellschaftsordnung. „In ideeller Hinsicht liegen den Idealstadt-Entwürfen sozialutopische, aber auch religiös, politisch, ökonomisch oder ökologisch motivierte Programme zugrunde“ (Ria Hänisch auf uni-muenster.de). Wie die Planstädte generell bedienen sich die Idealstadtentwürfe meist geometrischer Grundstrukturen wie Kreis, Quadrat oder Schachbrettraster. Die beiden Stadttypen sind deshalb in der Regel nur schwer voneinander zu unterscheiden, zumal auch im Fall der Planstadt versucht wird, die Form und Art des Gemeinwesens darin abzubilden, um den Aufgaben des alltäglichen Lebens gerecht zu werden. Wann es sich um eine idealisierte Gesellschaftsordnung einer Epoche handelt, erschließt sich im Grunde lediglich aus den theoretischen Grundlagen, die zur Entstehung einer Ideal-stadt geführt haben.




Schon die antiken Philosophen befassten sich mit theoretischen Grundlagen für Idealstädte. Große Denker wie Platon, Aristoteles und Vitruv gehörten dazu. In der Wiedergeburt der Antike, der Renaissance, griffen Visionäre diese Ideen auf. Das berühmteste literarische Werk auf Basis humanistischer Werte lieferte 1516 Thomas Morus mit „Utopia“. Es wurde zur Inspirationsquelle für die Idealstadtentwürfe seit der Renaissance, die sich aber auch mit der Notwendigkeit verbanden, feindlichen Angriffen standhalten zu müssen. So entstand etwa die Festungsstadt Palmanova in Friaul. Ihr Grundriss eines neunzackigen Sterns erwies sich zu Verteidigungszwecken als das Ideal. Erst zweihundert Jahre später sollte Napoleon gelingen, die Stadt einzunehmen. Als eine mustergültige Form einer absolutistischen Idealstadt des 18. Jahrhunderts entstand die markgräfliche Residenzstadt Karlsruhe („Carols Ruhe“). Sie folgt einem Radialplan, ausgehend vom Schloss wie in Versailles. Von da aus strahlen die Hauptachsen aus und bilden das Grundmuster. Das Schlossrondell legte einen halbkreisförmigen Verlauf der Querstraßen bis zu einem geraden Abschluss der spätbarocken Anlage. Mit der Grundsteinlegung 1715 begann der Bau der Fächerstadt.
Einen besonderen Typus der Planstadt stellen die Kolonialstädte der spanischen Conquistadores dar. Bei ihrer Anlage ging es weniger um eine Idealstadt nach humanistischen Aspekten als vielmehr um eine Machtdemonstration, bei der die Kirche mit dem regierenden Fürsten um die Wette protzte. Nicht selten entstanden sie auf den Fundamenten alter Kulturen, fokussiert auf ein Zentrum der Macht, umgeben von Schachbrettmustern der anschließenden Straßenzüge, die bis in die Gegenwart endlos fortgesetzt werden. In den USA bildet allerdings seitdem 19. Jahrhundert jeweils eine Akkumulation von Wolkenkratzern das Zentrum: Das Machtgefüge verschob sich zum Kapital hin.
In Europa führt die britische Idee der "New Town“ die Planstadt vom 19. ins 20. Jahrhundert. Entstanden zur Entlastung von Großstädten bilden sie selbstständige Einheiten, können aber auch den Großstädten angegliedert sein. Eine Sonderform stellt die Gartenstadt dar, die das ländliche Leben der hektischen Großstadt gegenüberstellt, wie es auch in den Münchner Gartenvorstädten in Pasing oder Solln der Fall war. Dass heute wieder zunehmend Planstädte entstehen, liegt vor allem an der Überlastung der Großstädte, die unter dem Zustrom von Einwohnern ächzen. Die Nachverdichtung ist ausgereizt und alle verfügbaren Freiflächen bebaut. Die Hamburger Hafen-City, das Frankfurter Europaviertel und Frankfurt-Riedberg sowie die Münchner Messestadt Riem gehörten zu den größten Projekten der jüngsten Zeit. Aktuell entsteht als Planstadt der neue Münchner Stadtteil Freiham. Natürlich folgt der Entwurf den zeitgemäßen Grundsätzen der idealen Anbindung, kurzen Wege, nötigen Infrastruktur, optimalen Balance zwischen Arbeit und Freizeit, der Klimatisierung, Verkehrsentlastung et cetera. Die Struktur folgt daher keinen streng geometrischen Mustern. Funktionen sind der bestimmende Faktor, der Anforderungen an die Straßenanlage stellt. Ob sie sich bewährt, bleibt abzuwarten.
Erschienen im Tagesspiegel am 07.07.2025