Gründe kann es viele geben, warum der Weg, den man beruflich vielleicht vor vielen Jahrzehnten eingeschlagen hat, nicht mehr zu einem passt. Vielleicht ist es an der Zeit, das Hamsterrad zu stoppen – aber wie? Möglicherweise innerhalb eines neuen Berufsfelds mit dazugehöriger Ausbildung in einer Zukunftsbranche wie IT oder Digitaltechnik, oder einem sinnhaften Beruf im sozialen Bereich oder einem Handwerk?
Wer nun denkt, Ausbildungen seien nur etwas für junge Menschen, liegt falsch. Obwohl die meisten Auszubildenden bei Beginn ihres Vertrags 16 bis 20 Jahre alt sind, so die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung, gibt es keine gesetzliche Altersgrenze. Es ist also durchaus möglich, auch noch mit 30 plus oder älter eine Ausbildung zu starten. Oft sind es eher die sozialen Normen, die Angst machen und einen Neuanfang verhindern. Oder ein Lebensstandard, der gehalten werden soll. Denn Ausbildungen sind ja bekanntlich nicht besonders üppig vergütet. Dazu kommt die Frage: Werde ich wegen des Alters überhaupt im Bewerberverfahren genommen?
Die gute Nachricht lautet: Ja! In Deutschland herrscht seit Jahren ein Azubi-Mangel. Unternehmen freuen sich daher über jede Bewerbung und sind bereit, ältere Bewerberinnen und Bewerber einzustellen. Allgemein werden ältere Bewerber bei Arbeitgebern immer beliebter, wissen oft besser, was sie können, was sie wollen und wie sie in schwierigen Situationen richtig reagieren. Somit sind die Aussichten auf dem Ausbildungs- und späteren Arbeitsmarkt gar nicht so schlecht, wie man vielleicht denken mag.
Die größte Hürde bei einem beruflichen Neustart mit einer Ausbildung dürften aber tatsächlich die Finanzen sein: Denn, ob ein Bewerber für eine Ausbildung schon einen ersten Abschluss und Berufserfahrung mitbringt oder nicht, hat auf die Ausbildungsvergütung keinerlei Einfluss. Schwierig, wenn es unter 1000 Euro im Monat sind und man Wohnung oder Auto bezahlen und vielleicht auch noch Familie versorgen muss.
Abstriche beim Geld sind also unausweichlich, allerdings nur für einen überschaubaren Zeitraum – der mit (vorher bewusst) Erspartem überbrückt werden könnte. Unter Umständen kommt auch ein Nebenjob infrage oder der Partner oder Familie greifen für die Zeit einer Ausbildung unter die Arme. Eine weitere Möglichkeit könnte ein vergünstigter Bildungskredit sein. Außerdem gibt es staatliche Fördermöglichkeiten für eine Zweitausbildung. Es lohnt sich daher, einen Beratungstermin bei der Arbeitsagentur zu vereinbaren und gegebenenfalls einen Bildungsgutschein sowie Hilfen zum Lebensunterhalt zu beantragen.
Chancen auf dem Arbeitsmarkt überprüfen
Wenn der Sachbearbeiter beziehungsweise die Sachbearbeiterin die zweite Ausbildung befürwortet, stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Auch das Finanzamt kann für finanzielle Entlastung im Rahmen der Zweitausbildung sorgen, Ausgaben können als Werbungskosten von der Steuer abgesetzt werden. Die einen wissen vielleicht schon, was es sein soll – ein lang gehegter (Kindheits-)Traum wie Köchin, ein Handwerksberuf oder etwas im digitalen Bereich. Für alle, die noch keine fixe Idee haben, gilt: Wenn keine gesundheitlichen Einschränkungen vorliegen, ist prinzipiell jede Ausbildung selbst mit 30 plus noch möglich.
Wer nochmal neu durchstarten will, sollte bewusst eine Ausbildung wählen, die exzellente Zukunftsaussichten bietet. Das können Pflegeberufe sein, die wegen ihrer abwechslungsreichen und vor allem sinnhaften Tätigkeit eine Option sein können. Bewerberinnen und Bewerbern sollte jedoch bewusst sein, dass die (Alten-)Pflege körperlich sehr anstrengend ist. Auch in der neuen digitalen Welt finden sich spannende Optionen, beispielsweise Kauffrau/ Kaufmann im E-Commerce, eine Branche mit rasantem Wachstum und sehr guten Zukunftsperspektiven. Weitere Berufsfelder, in denen dringend Fachpersonal gesucht wird, sind neben dem Gesundheits- und Pflegebereich die Gastronomie, die Logistik, der Bereich Soziales sowie IT und Technik. Und auch das Handwerk hat immer noch „goldenen Boden“: Gleich in mehreren Ausbildungsberufen werden händeringend Azubis gesucht, zum Beispiel als Klempner, Heizungs- und Sanitärinstallateure sowie Klimatechniker – „männlich/weiblich/divers“. Viele Betriebe brauchen auch dringend einen Nachfolger. Wer den entsprechenden Abschluss erwirbt, kann schon wenige Jahre nach der Ausbildung möglicherweise seinen eigenen Betrieb führen. Letztlich gibt es aber kein richtig oder falsch: Jeder Bewerber und jede Bewerberin muss den Beruf finden, der am besten zu ihm oder ihr passt – und dafür ist es auch mit 30, 40 oder 50 plus noch nicht zu spät.
Barbara Brubacher