Die Welt wandelt sich ständig - Zu Anfang der industriellen Revolution sah es aus, als ob die Kenntnisse über die Zusammenhänge beständig zunähmen. Doch der Prozess des Wissenzuwachses ist wohl komplizierter, wie schon der Terminus „Paradigmenwechsel“ zum Ausdruck brachte. Die bundesdeutsche berufliche Bildungssystems des 20. Jahrhunderts versuchte, mit den Wissenstransformationen begrifflich Schritt zu halten und unterschied zwischen „Ausbildung“, „Fortbildung“ und „Weiterbildung“.
Unter beruflicher Ausbildung wurden und werden auch jetzt noch alle Kenntnisse und Fertigkeiten beschrieben, die in weiterführenden Schulen, in Ausbildungsbetrieben sowie Hochschulen oder Universitäten vermittelt werden. Das Ziel ist klar: Am Ende steht ein Abschluss, Zertifikat, Gesellenbrief, Diplom oder Bachelor-Urkunde. Es beweist, dass diejenigen, die einen bestimmten Ausbildungsweg erfolgreich bewältigt haben, in der Lage sind, einen klar umrissenen Beruf auszuüben, sei es Bäcker, Dachdeckerin, Polizist, Mathematiklehrerin, Verwaltungsbeamter im höherem Dienst oder als Pflegekraft in der Betreuung von älteren oder kranken Menschen. Zusätzliche Kenntnisse innerhalb dieser Berufsbilder wurden ehedem in Fortbildungskursen erworben - die in der Regel vom Arbeitgeber bezahlt wurden. Denn gut qualifiziertes Personal sollte jedem Arbeitgeber, der über den Tellerrand des Jahresabschlusses hinaus sieht, am Herzen liegen.
Als "berufliche Weiterbildung“ galt nur Zusatzwissen, das für einen halbwegs anerkannten Beruf qualifizierte nicht zuletzt, weil dann die Aufwendungen steuerlich abgesetzt werden konnten. Spätestens Mitte der 1990er-Jahre war jedoch klar, dass die „digitale Revolution“ jedem auf Dauer zu schaffen machen wird - ständig muss man sich mit neuer Software, Hardware, Prozessen und Begrifflichkeiten vertraut machen. Ab jetzt war „lebenslang lernen“ in der deutschen Weiterbildungswelt angesagt.
Das deutsche berufliche Bildungssystem reagierte mit der Abschaffung der Unterscheidung von „Fortbildung“ und „Weiterbildung“. Denn der größte Wissenswandel und -zuwachs war ja IT-getrieben - er betraf alle und jede, ob in den alten Berufen wie Metzger und Dachdeckerin oder den neuen wie Systemadministrator und Softwareentwicklerung. Von Nicht-Berufen wie „Influencer“ ganz zu schweigen. Tatsächlich wurde mit der Abschaffung der Differenzierung zwischen Fortbildung und Weiterbildung der Terminus Fortbildung komplett entsorgt. Alles, was nicht Ausbildung ist, heißt seitdem Weiterbildung. Diese begriffliche Reduktion - so scheint es zumindest im Rückblick - ging einher mit der Aufhebung der Meisterpflicht im Jahre 2004, als die Firmengründung in 53 Handwerksberufen vom Erwerb des Meistertitels abgekoppelt wurde. Bis dahin galt der Meisterbrief als „großer Befähigungsnachweis“ (so hieß es in der Handwerksordnung von 1953) zur Führung eines Handwerksbetriebs.
Der Grund für diese Lockerung waren die hohen Arbeitslosenzahlen um die Jahrtausendwende. Die rot-grüne Bundesregierung reagierte mit der berühmten „Agenda 2010“ tatsächlich kamen anschließend mehr Menschen in Lohn und Brot. Über die Kausalitäten und Folgen wurde viel gestritten. Jedenfalls konnten nun Menschen als „Klempner“ in den realen oder virtuellen Gelben Seiten inserieren, die bis dato nur als Heimwerker Erfahrungen mit Wasserleitungen gesammelt hatten.
In einer volatilen Welt mit einem entsprechenden Arbeitsmarkt und mit Berufen, die sich verändern oder verschwinden sowie Jobs, die sich vor 20 Jahren niemand vorstellen konnte, liegt die Verantwortung für das eigene Wissen unweigerlich bei jeder und jedem Einzelnen. Genau wie Immanuel Kant einst meinte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Auf die Berufswelt bezogen heißt das: Beständige Weiterbildung ist zum einen die Pflicht jedes Menschen. Ganz aus der Verantwortung sind Staat und Gesellschaft - zu der auch Arbeitgeber gehören - zum anderen noch nicht: Denn erfolgreiche Wissensvermittlung will organisiert sein. Und sollte es auch, damit jeder Mensch angesichts der immer größer werdenden Informationsflüsse zwischen Fakten und „alternativen Fakten“ unterscheiden kann.