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Sprachlabor (286):Hartnäckige Leser

Schulunterricht

Zwei Schülerinnen schreiben in Laichingen (Baden-Württemberg) am Albert-Schweitzer-Gymnasium im Deutschunterricht der 5.Klasse in ihre Hefte.

(Foto: dpa)

Manche Leser weisen uns immer wieder mit Sachkunde auf sprachliche Fehler hin. So auch Leser K., ein ehemaliger Schulmann, der sich mit seinem Einwand zum Wort "seit" nicht nur an uns, sondern auch an ein Ministerium und den BR gewendet hat.

Von Hermann Unterstöger

SACHKUNDE paart sich bei unserem Leser K., einem pensionierten Schulmann, mit nicht alltäglicher Hartnäckigkeit. So zum Beispiel hat er mit der Frage, welches Tempus der Konjunktion seit zu folgen hat, bereits den Bayerischen Rundfunk, das nordrhein-westfälische Schulministerium, den Sprachdidaktiker Granzow-Emden und die Schriftstellerin Juli Zeh befasst. Die SZ ist mit dem Satz "Sie ist verheiratet, seit sie sechzehn ist" nun auch in diesen Kreis geraten. Er galt Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen, die auf diese Weise, so K., "zur dauerhaft Sechzehnjährigen" wurde. Korrekt gewesen wäre: ". . . seit sie sechzehn war".

Die zeitlichen Konjunktionen können Gleich-, Vor- und Nachzeitigkeit ausdrücken. Hier je ein Beispiel dafür: Während sie tanzte, verlor sie einen Schuh; seit sie den Schuh verloren hatte, tanzte sie noch wilder; sie tanzte, bis einer ihrer Schuhe davonflog. Konjunktionen wie nachdem, als, wenn, sobald oder seit zeigen an, dass zwei Ereignisse zeitlich aufeinander folgen. Eisenberg formuliert das in seiner Grammatik so: "Im Unterschied zu bis liegt bei seit der relevante Zeitpunkt immer vor der Sprechzeit."

Woher kommt es, dass sich in der Alltagssprache diese Tempuslaxheit etablieren konnte? Möglicherweise daher, dass seit und noch deutlicher seitdem ein fortdauerndes Geschehen bezeichnen, etwa so: Seit er verheiratet ist, meidet er alle Kneipen. Die Sprachauskunft der Universität Vechta erinnert indessen daran, dass mit der Formulierung seit ich 14 bin zwar ein Zeitpunkt gemeint ist, nämlich der Tag, an dem die sprechende Person 14 wurde. Die Formulierung sei als Ellipse (Auslassung) zu deuten und würde vollständig so lauten: seit ich 14 geworden bin. Das Präsens von 14 sein könne aber nur verwendet werden, "solange das Alter tatsächlich zutreffend ist, also nur so lange, wie die sprechende Person noch nicht 15 ist".

Bei Schillers Schwägerin ist dieser Zeitpunkt längst überschritten: Seit Caroline 16 war, sind 236 Jahre vergangen.

© SZ vom 24.01.2015

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