bedeckt München

Sprachlabor (109):Liebe Mitgliederinnen!

SZ-Redakteur Hermann Unterstöger sind Spitzfindigkeiten herzlich willkommen.

DIE MITGLIEDERIN kommt normalerweise nur in feminismuskritischen Satiren vor, doch weiß unser Leser H. auch von Organisationen zu berichten, die ihre Mitglieder allen Ernstes mit "Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen" ansprechen. Ungeachtet seiner von Witzbolden oft anspielungsreich verwendeten Wortbestandteile ist das Mitglied ein Neutrum, weswegen es sich verbietet, davon nach dem Muster Lehrer/Lehrerin eine weibliche Form abzuleiten: Mitgliederin geht so wenig wie Kinderin . Mit den von Herrn H. in einem Bildtext entdeckten "Mitgliederinnen" verhält es sich genauso, doch könnte es, da die Damen auf dem Bild einem Kollektiv namens Fräuleinwunder AG angehören, auch als winzigkleiner Scherz gedacht gewesen sein.

Erich-Kaestner Realschule plus in Ransbach-Baumbach als 'Starke Schule' ausgezeichnet

Ein Blick durch denTürspalt in einen Klassenraum der Erich-Kästner-Realschule.

(Foto: dapd)

AUCH SPITZFINDIGKEITEN sind uns willkommen, so etwa die Verwunderung unseres Lesers M. darüber, dass ein verurteilter "Nazi-Mörder" in einem italienischen Supermarkt Prosecco habe einkaufen können. "Wie viele Nazis", fragte er, "hat der Prosecco-Käufer ermordet?" Das bringt uns zur Lehre von den Komposita, näherhin zu dem, was uns deren Bestimmungswort sagen will. Beispiel: Beim Regenmantel gibt es den Zweck an (ein Mantel gegen den Regen), beim Ledermantel hingegen das Material (ein Mantel aus Leder). Auf die Mörder angewandt, kann das Bestimmungswort Folgendes verraten: den bevorzugten Schauplatz (Taximörder), das Werkzeug (Mistgabelmörder), die liebste Zeit (Novembermörder), die Art und Weise (Meuchelmörder), das oder die Opfer (Vater-, Kindsmörder) oder die Qualifikation (Serienmörder). Auf die organisatorische Zugehörigkeit verweisen Komposita wie SS-, Mafia- und Nazi-Mörder. Zu letzteren gehört unser Prosecco-Käufer, wobei wir bei unser doch lieber Gänsefüßchen in die Luft zeichnen.

WENN EIN GEBILDE wie Jugoslawien zerfällt, kann nur Unordnung herauskommen, und genau das passierte jetzt, Jahre nach der Auflösung, von neuem, diesmal allerdings nicht auf dem Balkan, sondern in einem Bericht über Boris Becker in seiner Rolle als Retter einer maroden Schule in Berlin-Friedrichshain. Darin war auch die Rede von der Bosnierin Asima und dem Albaner Bemir, die insgeheim auf dem Schulflur herumknutschen. Warum sie das tun? Weil "Asimas Vater keinen Bosnier für seine Tochter will". Herr M., der das gelesen und volkszugehörigkeitstechnisch überdacht hat, kommt zu dem Ergebnis: "Na, dann ist doch alles in Butter."

© SZ vom 18./19.06.2011/ib
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema