Mein Deutschland:Wenn die Einreise zum Albtraum wird

Kein anderes Land in Europa hält sich so verbissen an die Formalitäten.

Celal Özcan

Der konservative türkische Ministerpräsident Recep Tayyip ist den Konservativen in Deutschland ein Dorn im Auge. Schon vor seinem Besuch in Deutschland wurden die Messer gewetzt. In seiner Rede am Montag in Düsseldorf verwendete Erdogan die Reizwörter, die auf der Gegenseite die bekannten Reflexe auslösen: Integration und Assimilation, Priorität der türkischen Sprache. Es ist fast schon ein Ritual, jedenfalls ein ermüdender Automatismus - auf beiden Seiten.

Pass-Kontrolle am Flughafen

Pass-Kontrolle am Flughafen in Frankfurt am Main.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Doch die Menschen fügen sich nicht den Wünschen und Verlautbarungen von Politikern, sie haben andere Sorgen. Der "muttersprachliche Ergänzungsunterricht" für die türkischen Schüler stößt kaum auf Interesse. Während die Frage, ob zuerst Deutsch oder Türkisch, die Gemüter erhitzte, fand ein anderes Thema kaum Beachtung: die Visumspflicht, die Erdogan gleichfalls angesprochen hatte. "Geschäftsleute aus Brasilien, Uruguay und Paraguay brauchen kein Visum für Deutschland", sagte Erdogan. Die Türken, mit denen die EU seit Jahren Gespräche über eine Mitgliedschaft führt, aber schon. Doch die Visumspflicht verstößt gegen das Assoziierungsabkommen, wie schon der Europäische Gerichtshof in seiner Entscheidung vom 19. Februar 2009 befand, und geht zu Lasten der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei. Deutsche Unternehmer können ohne Visum in die boomende Türkei einreisen, während türkische Unternehmer nicht einmal mit einem Schengenvisum zur Messe nach Deutschland können, wenn das Visum für ein anderes Schengenland gilt.

Die Bemühung um eine Einreise nach Deutschland wird so für viele türkische Staatsbürger zum Albtraum. Vergangenes Wochenende wollte ein junger Türke für vier Tage seine Frau besuchen, die in München ein Praktikum absolviert. Mit einem französischem Schengenvisum in der Tasche wurde er am Münchener Flughafen stundenlang vernommen, anschließend wurde das Visum ungültig gestempelt, und er wurde am selben Tag nach Istanbul zurückgeschickt. Er hatte Hin- und Rückflug gebucht, musste aber noch einmal 325 Euro für den vorzeitigen Rückflug zahlen. Doch damit nicht genug. Wegen "Erschleichung" eines Visums muss er mit einer Strafe rechnen. Kein anderes Land in Europa hält sich so verbissen an die Formalitäten.

Ein großer türkischer Unternehmer, der von New York über München nach Istanbul unterwegs war, musste mit seiner Frau die Nacht auf einer Bank im Münchener Flughafen verbringen, weil seine Maschine in New York mit Verspätung gestartet war, so dass er den Anschlussflug nach Istanbul verpasste. Er wollte ins Hotel, durfte aber den Transitbereich nicht verlassen. Das Visaproblem führt zu großem Imageverlust Deutschlands in der Türkei, der schwer zu reparieren ist.

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Celal Özcan arbeitet für die türkische Zeitung Hürriyet.

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