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Mein Deutschland:Sauberkeit im Kleinen

Einst schien mir Deutschland so vertraut zu sein. Aber jetzt fühle ich mich hier fremd, alt und spießig. Das stille Glück, das im Putzen liegt - in der Fremde lernt man das erst richtig schätzen.

Es sind die kleinen Dinge, die die Fremde fremd sein lassen. Frühmorgens, bevor die Sonne aufgegangen ist, macht mir die Bäckersfrau unerbittlich klar, dass ich der deutschen Leitkultur nicht teilhaftig bin. Morgen für Morgen versuche ich, in den Besitz eines dieser dampfenden, goldgelben Croissants zu kommen. "Gipfeli" sagen wir in der Schweiz. "Budekroaßang" hör ich die andern vor mir nuscheln und sehe, wie sie das Gewünschte erhalten. "Butter-Croissant", "Butter-Krossang", "Buderkrosang" flöte ich jeden Morgen neu. Und trete mit einer Dinkelseele, einer Semmel und einem Sechskornbrötchen den Heimweg an.

So rau die Tage in Berlin beginnen, so garstig enden sie oft. Denn abends, im Dunkeln hat man keine Chance. Kunstlicht gibt es nur spärlich - und flutsch steht man drin, in einem dieser cremigen Häufchen. Lange glaubte ich, dass die Berliner einfach zu faul seien, um die Hinterlassenschaften ihrer Hunde aufzunehmen. Aber dann habe ich gesehen, wie ein Hund fröhlich zu einem jungen Mann trabte, der auf dem Trottoir kauerte, sein Geschäft verrichtete und sich dann laut über die Störung durch den schnüffelnden Hund beschwerte.

Dabei gibt es in Berlin öffentliche WC-Häuschen. Auf meinem Arbeitsweg steht so ein Ding: Groß wie ein Campingwagen, futuristisch wie ein Ufo und im Innern jungfräulich wie am ersten Tag. Weil sich nämlich die Berliner die paar Cent Nutzungsgebühr schenken und statt im WC ihr Notdurft zu verrichten, an die Außenwand pinkeln.

Bleibt die Frage, wozu man öffentliche WC-Anlagen braucht, wenn sich alle ungeniert öffentlich erleichtern. Die Antwort schnappte ich neulich in der Straßenbahn auf. Ein Junge und ein Mädchen trafen sich auf dem Weg zur Uni, beide hatten am Wochenende im selben Club gefeiert. Er: "Du warst plötzlich verschwunden. Wo bist du denn hin?" Sie: "Ich wollte pinkeln. Aber die Warteschlange war endlos, und es ging überhaupt nicht voran. Weil die in den Kabinen gepoppt haben." Er: "Total asozial! Das dauert doch viel länger."

Einst schien mir Deutschland so vertraut zu sein. Aber jetzt fühle ich mich hier fremd, alt und spießig. In Zürich liegt nicht nur kein Kot auf der Straße, die Grünanlagen werden sogar mit Rasenstaubsaugern regelmäßig gereinigt. Die sprichwörtliche Schweizer Sauberkeit, das stille Glück, das im Putzen und Pützeln liegt - in der Fremde lernt man das alles erst richtig schätzen. In Berlin sehen die Parks jedes Wochenende wie Müllkippen aus. Es ist wohl eine Frage der Priorität: In Deutschland sind ordentliche Arbeitszeiten für ordentliche Beamte Teil der öffentlichen Ordentlichkeit, weshalb die Berliner Parks nur von Montag bis Donnerstag gereinigt werden. Doch dann merkte ich: So schmutzig Berlin im Großen ist, so peinlich wird auf Sauberkeit im Kleinen geachtet. Erst hier, als ich zum ersten Mal bei einem deutschen Zahnarzt war, lernte ich diese winzigen Zahnzwischenraumbürstchen kennen, mit denen sich die Spalten zwischen den Zähnen säubern lassen. Seither enden meine Tage mit einem deutsch-schweizerischen Putzritual und dem wohligen Gefühl, eines Tages doch noch heimisch zu werden als Schweizer Putzteufel mitten in Berlin.

Vier Auslandskorrespondenten schreiben an dieser Stelle jeden Samstag über Deutschland. Sascha Buchbinder arbeitet für den Schweizer Tagesanzeiger.