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Mein Deutschland:Neue Regierung, neues Spiel

Nach der Bundestagswahl lecken die Verlierer ihre Wunden und das Personalkarussell dreht sich - typisch deutsch eben.

Am Wahlabend, nach den ersten Hochrechnungen, hatten die türkischen Journalisten schon einen Satz parat, der auf den Erfahrungen der letzten Bundestagswahl basierte: Die Verlierer ziehen die Konsequenz und treten von ihren Parteiämtern zurück. Dieses Verhalten deutscher Politiker war schon immer Ausdruck eines beneidenswerten Demokratieverständnisses, an dem sich türkische Parteivorsitzende ein Beispiel nehmen sollten. Bei einem schlechten Wahlergebnis nämlich geben türkische Politiker den Wählern die Schuld, niemals sich selbst. Nicht umsonst sagt man in der Türkei: "Der Verlierer kann von seiner Niederlage nie genug kriegen."

Deniz Baykal von der türkischen Sozialdemokratie ist auch nach Jahrzehnten politischer Niederlagen noch immer Parteivorsitzender. Steinmeier, der im Finale zumindest die letzten Minuten gut gespielt zu haben glaubte, akzeptierte zwar die Niederlage, erklärte sich aber umgehend zum Fraktionschef der SPD. Mit betretener Miene zwar, aber mit fester Stimme. Und Franz Müntefering sagte zunächst, er werde für den Parteivorsitz weiter zur Verfügung stehen. Erst später, unter Druck, verzichtete er darauf.

Doch auch der Union, die sicher war, so oder so den Pokal zu holen, fehlte die Siegeseuphorie. Hinter Merkels Strahlen war beides versteckt: Sieg und Verlust. Und auch dem sonst so laut brüllenden bayerischen Löwen blieb die Stimme weg. Das Bild Münchens als heimlicher Hauptstadt verblasst immer mehr. Seehofer, dem es an launigen Bemerkungen nie gemangelt hat, war bitterernst. Gewinner sehen anders aus.

Westerwelle muss sich erst noch bewähren Auf dem politischen Parkett taucht jetzt ein neuer Mitspieler auf. In der deutschen Nationalmannschaft muss sich Guido Westerwelle allerdings erst noch bewähren. Als Außenminister wird es für ihn nicht leicht sein, auf der internationalen Bühne den Platz auszufüllen, den zuvor Fischer und Steinmeier besetzt haben. In Deutschland spricht man Deutsch, im Ausland wird er sich auf Englisch einstellen müssen, nicht nur beim Tee. Auf einen Außenminister Westerwelle freuen sich in der Türkei die Europaanhänger ganz besonders.

Denn wenn er zu politischen Gesprächen nach Ankara reist und ohne Ehefrau neben der mit einem Kopftuch umhüllten Gattin des türkischen Außenministers oder des Ministerpräsidenten Erdogan stehen wird, werden die fortschrittlichen Türken darin einen Spiegel für ihr Land sehen: den Beweis, wie weit die Türkei in Fragen der Toleranz und des persönlichen Selbstbestimmungsrechts noch hinter Europa herhinkt.

Vier Auslandskorrespondenten schreiben an dieser Stelle jeden Samstag über Deutschland. Celal Özcan arbeitet für die türkische Zeitung Hürriyet.