Mein Deutschland Homophobie und Patriotismus

In Frankreich wird noch gegen die Homo-Ehe demonstriet, in Deutschland fehlt nur noch das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare.

Eine Kolumne von Pascale Hugues

Was ist nur mit diesen Franzosen los? Habe ich meine Mitbürger schon so lange verlassen, dass ich sie nicht mehr wiedererkenne? Erschrocken musste ich in den vergangenen Wochen beobachten, wie in meinem Land gegen die Homo-Ehe demonstriert wurde. Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich dabei Regimenter an ultra-katholischen Müttern marschieren sehen würde, mit plissierten Schottenröcken bis zu den Knien, Haarreifen und Perlenketten. Ich dachte an Alte, Ewiggestrige, von der Realität völlig Abgekoppelte. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich so viele junge, entspannte, auf den ersten Blick eher sympathische Leute Slogans skandieren sah, die die Abschaffung des Gesetzes zur Homo-Ehe verlangten, das François Hollande im Wahlkampf versprochen hatte.

Sie schwenken die Trikolore, tragen rote phrygische Mützen, Sinnbild der französischen Revolution, und blau-weiß-rote Schärpen. Sie drohen, die Tour de France zu behindern. Sie fühlen sich von einer großen Mission beseelt: nämlich die französischen Werte zu verteidigen, die Familie und ihre Ehre zu retten. Bizarr, sagte ich mir mit demselben Gefühl von Unbehagen, ja Scham im Bauch, wie wenn meine Mitbürger massiv für den Front National stimmen. Woher kommt diese Mischung aus Homophobie und skurrilem Patriotismus? Warum so viel Hass in einem Land, das sich einbildet, Wächter der Menschenrechte zu sein, und den Ruf hat, in sexuellen Fragen sehr entspannt zu sein?

Einige Tage später hat das Bundesverfassungsgericht in Deutschland das Ehegattensplitting auch auf homosexuelle Paare ausgeweitet. Dieses Grundsatzurteil voller Symbole und mit großen Folgen für die Gesellschaft hat das Gericht in Karlsruhe verkündet, ohne dass es dazu homophoben Lärm oder außerordentliche Demonstrationen unter dem schwarz-rot-goldenen Banner zur Rettung des gefährdeten Vaterlandes gegeben hätte. Ironisch ist nur, dass dieses für Frauen so rückwärtsgewandte Ehegattensplitting nun dazu dient, die Rechte homosexueller Paare zu stärken und anzugleichen. In Deutschland fehlt jetzt nur noch das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und die Revolution ist komplett. In Frankreich ist man davon noch weit entfernt.

Pascale Hugues ist Deutschland-Korrespondentin des französischen Magazins Le Point.