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Mein Deutschland:Ein unglaublicher Leichtsinn

Nimmt man es in Deutschland mit der Gründlichkeit nicht mehr so genau?

"Und wie sind deine deutschen Kommilitonen?" fragte ich vor kurzem eine vietnamesische Studentin der Italianistik, die die Sprache Leopardis und Ramazzottis an der Universität Siena lernt. "Die wollen immer und genau jede Regel kennen", antwortete sie, leicht perplex, "anstatt mit dem Sprachgefühl zu spielen und zu experimentieren". Sie brachte ein paar Beispiele deutscher Gründlichkeit - diese Mischung von Genauigkeit, Zuverlässigkeit und ein klein wenig Haarspalterei. Der weltbekannte Made in Germany Way of Life eben.

Kerzen und Blumen befinden sich in Duisburg an der Stelle, an der am Samstag, 24. Juli 2010, eine Massenpanik bei der Loveparade ausgebrochen war.  21 Menschen starben.

(Foto: APN)

Nun hat die Welt in den letzten Tagen mit Bestürzung von der Duisburger Tragödie erfahren, und die internationale Presse fragt sich, mit welch unglaublichem Leichtsinn die Verantwortlichen eine Massenveranstaltung wie die Loveparade, die jährlich Millionen exaltierter Jugendlicher anzieht, in einer Stadt zu genehmigen, die nicht mehr als 300 000 Besucher problemlos hätte beherbergen können. Chaotische Verhältnisse sind übrigens auch selbst dort aufgetreten, wo man Events professioneller organisiert hatte, zum Beispiel beim Papstbesuch in Köln vor einigen Jahren, wo Pilger stundenlang auf Busse warten mussten und notgedrungen in Behelfsunterkünften die Nacht verbrachten. Unrühmliche Bekanntheit hat Köln auch erlangt, als das Stadtarchiv wegen schlampigen Arbeiten an der U-Bahn einstürzte.

Nimmt man es in Deutschland mit der Gründlichkeit nicht mehr so genau wie früher? Nein, meine ich. Trotz der schändlichen Nachlässigkeit, die in Duisburg im Spiel war, sind Massenveranstaltungen Ausnahme-Ereignisse, während sich Deutschlands Gründlichkeit am besten im Normalzustand beweist. Hierzulande ist es viel einfacher als in anderen Staaten, sein alltägliches Leben ungestört zu führen, denn Stadtplanung, Bürokratie, Infrastruktur - all das, was der Bürger braucht, um durch den Tag zu kommen - sind gut durchdacht. Busse fahren pünktlich, Grünanlagen sind sauber. Wer in Deutschland die Regeln und Vorschriften der Routine verstanden hat und sie befolgt, dem kann es durchaus gut gehen.

Anders in Italien, wo die Alltäglichkeit voller Hindernisse und Wunder sein kann. Im Ausnahmezustand aber gibt das Land sein Bestes. So war es im Stande, schnell und schmerzlos alle Erdbebenopfer von L'Aquila binnen weniger Tage mit Erfolg einzuquartieren und gerade dort, zwischen den Trümmern, in wenigen Monaten einen G8-Gipfel zu organisieren. Dass die Regierung, wenn der Notstand vorbei ist, die Erdbebenopfer in ihren Zelten zu vergessen scheint, bestätigt, dass Italien nur unter Stress funktioniert.

Daraus ergibt sich die Utopie, von der ich als Bürger zwischen Italien und Deutschland immer träume. Nämlich die eines Staates, der die Stärke beider Länder in sich vereint - deutsche Gründlichkeit mit italienischer Agilität. Wenn dann noch das spanische Fußballgefühl hinzukäme, wären wir im Paradies.

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Alessandro Melazzini arbeitet als Kulturkorrespondent für die italienische Tageszeitung Il Sole 24 Ore.