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Mein Deutschland:Berliner Stadtschloss

Seit Jahren tobt der Streit über die Wiederauferstehung des Berliner Stadtschlosses.

Ich gehe gerne zu Fuß an den Quais der Seine entlang. Jahrhunderte intakter Architektur ziehen vor meinen Augen vorbei. Und wenn ich am Louvre angekommen bin, scheinen die Jahrhunderte zu verschmelzen: Die Pyramide von Pei steht da unverrückbar, im Schoß des sehr alten Palais.

Ganz anders ist es Unter den Linden in Berlin, wo man an wenigen alten, authentischen Gebäuden vorbeiläuft. Dafür an vielen Plattenbauten, scheußlichen Überbleibseln der DDR, an einigen zeitgenössischen Bauten, die mehr oder weniger gelungen sind.

Ein sonderbares Durcheinander, auch wegen der Fälschungen. Die skandalöseste: Das Adlon, nachgebaut, damit auch Berlin seinen alten Palast hat. Risse sind an die Decken gemalt worden, und man hat meterweise alte Bücher gekauft, um die Wände der Salons zu schmücken.

Und als ob das Adlon nicht reichte, um die große Sehnsucht der Berliner nach ihrer Vorkriegsstadt zu stillen, haben sie beschlossen, ein paar hundert Meter weiter ein barockes Schloss zu bauen, das aus dem Playmobil-Kasten zu kommen scheint.

Seit Jahren tobt der Streit über den Wiederauferstehung des Stadtschlosses. Und seit Jahren beobachten wir Ausländer mit einer Mischung aus Spott, Rührung und Erstaunen die Argumente und Ideen.

Seltsam, wie die Deutschen mit ihrer Geschichte umgehen. Nun ist es einfach, sich als Franzose, Italiener oder Engländer zu mokieren, weder Paris noch Rom sind bombardiert worden, auch London hat sein früheres Aussehen behalten. Nicht nötig also, die verschwundenen Bauten nachzuahmen.

Nicht nötig, im historisierenden Stil wiederaufzubauen. Unsere Hauptstädte spiegeln die Vergangenheit. Anders dagegen Berlin, das zu Kriegsende nur noch ein Haufen Ruinen war. Doch warum klammert man sich an Vergangenes statt Neues zu wagen?

Warum verbeißt man sich darin, eine fade Attrappe wiederaufzubauen? Warum dieses Schloss aus falschen Steinen, vielleicht mit falschen Rissen entlang der Mauern?

Die nicht enden wollende Geschichte des Stadtschlosses hat nun eine absurde Wendung genommen. Weil jeder daran zweifelt (aber kaum jemand wagt, es laut zu sagen), dass das gigantische Vorhaben in diesen Krisenzeiten überhaupt noch zu finanzieren ist - zumal in einer Stadt, die sexy, aber sehr arm ist - hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer einen surrealistischen Vorschlag gemacht: Warum nicht auf die Kuppel verzichten?

Mit dem eingesparten Geld könne man zehn Ortsumgehungen oder acht Kilometer vierspuriger Autobahn bezahlen, beeilte sich der Minister zu versichern, um seinem Argument eine Prise Menschenverstand zu verleihen.

Nein, das ist kein Witz. Das Schloss der Hohenzollern ohne Kuppel - das wäre wie die Tour Eiffel ohne Spitze oder das House of Parliament ohne Big Ben. Ein kastriertes Denkmal, ein kümmerlicher Stummel mitten in der Hauptstadt. Wenn man schon den Geschmack eines zweifelhaften Kitsches hat, ein Schloss zu rekonstruieren - dann bitte ganz und akribisch.

Warum aber nicht ein wenig Mut beweisen und mitten in Berlin eine zeitgemäße Architektur wagen? Ich würde die Briten Norman Foster und David Chipperfield bitten, die ein paar hundert Meter weiter Wunderschönes erschaffen haben, die Sache dringend in die Hand zu nehmen. Sie sollten diesen symbolischen Platz nach ihrem Geschmack gestalten. Die Welt, allen voran die Deutschen, wäre erleichtert.

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Pascale Hugues arbeitet für das französische Nachrichtenmagazin Le Point (Foto: Nelly Rau-Häring).