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Diskussion um neues Schulfach:Der lange Arm der Wirtschaft

Die Forderung nach einem Schulfach Wirtschaft löst bei SZ-Lesern heftigen Widerspruch aus. Sie kritisieren den unkritischen Umgang mit Lernmaterial von Sponsoren.

Die Forderung nach einem Schulfach Wirtschaft ("Humboldt würde sich für Wirtschaft entscheiden", 19./20. September) erregt Widerspruch:

"Wer wissen will, was das Schulfach Wirtschaft wirklich bringen soll, muss die Konzepte der Lobbyisten lesen. Sie propagieren den Mainstream der Volkswirtschaftslehre, sonst fast nichts. Auch soll das neue Fach für die Akzeptanz von Markt und Marktwirtschaft sorgen. Alternativen? Brauchen Schüler nicht! Kapitalismus? Kein Begriff, den man kennen muss! Erpressbarkeit der Demokratie durch die Finanzkonzerne? Kein Thema! Emotionen, Herdenverhalten und Manipulation? Menschen handeln ökonomisch rational! Betriebswirtschaftslehre, Konsumentenforschung? Die reine Volkswirtschaftslehre reicht!

Die konventionelle Volkswirtschaftslehre und ihre Politikberatung haben die Finanz- und Wirtschaftskrise mit verursacht. Deshalb erlebt auch die Volkswirtschaftslehre derzeit eine tiefe Krise. Unbeeindruckt davon soll das Schulfach Wirtschaft vor allem traditionelles volkswirtschaftliches Wissen vermitteln. Dafür kämpfen konservative Stiftungen, Wirtschaftsverbände, vor allem die Finanzindustrie und das Oldenburger Institut für ökonomische Bildung (IÖB) seit Jahren. Sie wollen ein Fach Volkswirtschaftslehre, das sie aber "ökonomische Bildung" nennen. Dies wird kein Fach der ökonomischen Aufklärung und der kritischen Analyse von Krisen, Krisenverursachern und Krisenprofiteuren.

Mehr Wissen über Wirtschaft heißt weniger Wissen über Demokratie. Die niedersächsische CDU-FDP-Regierung hat gezeigt, wie das geht: Schließung der Landeszentrale für politische Bildung, Förderung des IÖB aus den eingesparten Mitteln, Kürzung des Politikunterrichts zugunsten der Volkswirtschaftslehre. Weniger Politik, mehr Wirtschaft auf den Stundenplan, dieses Muster greift bundesweit. Seit Jahren bauen Kultusminister und Schulen den Wirtschaftsunterricht massiv aus, trotz Schulzeitverkürzung. Zusätzlich überschwemmen Wirtschaftsverbände, Unternehmen und wirtschaftsnahe Bildungsinstitute die Schulen mit Lernmaterial und Praxisprojekten aller Art. Die Wahrheit ist: Das Thema Wirtschaft ist an den Schulen so präsent wie nie zuvor. Andere Lern- und Lebensbereiche dagegen bleiben völlig marginal: Humboldt würde sich für Technik entscheiden!"

Prof. Dr. Reinhold Hedtke Bielefeld

Kulturelles Grundwissen statt Konto und Kredite

"Immer mehr Menschen in Deutschland seien gezwungen, ihre Altersvorsorge selbst in die Hand zu nehmen, so der Chef des Deutschen Aktieninstituts. Dies gehe nach seiner Auffassung in erster Linie über Wertpapiersparen. Deshalb sei es wichtig, schon in der Schule Grundwissen über Geldanlagen zu vermitteln. Sowohl die Autorin als auch der Chef des Deutschen Aktieninstituts scheinen dabei zu vergessen, dass gerade jetzt, mitten in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit 80 Jahren, kapitalfinanzierte Rentenstrategien den Anteilseignern schmerzhafte Verluste beschert haben.

Nicht umsonst arbeitet so mancher 70-Jähriger in den USA noch bei McDonald's, weil sich die Versprechungen seiner Renteninvestmentfonds nicht erfüllt haben. In Deutschland wurden die Rentner gerade deswegen von den horrenden Verlusten an den internationalen Aktienmärkten verschont, weil ihre Renten glücklicherweise im Umlageverfahren finanziert werden, das sich seit 1889 als weitgehend krisenresistent erwiesen hat. Aufgabe der Schule ist es deshalb nicht nur, Schülern finanzielle Grundkompetenzen beizubringen (der Unterschied zwischen Kredit- und Debitkarten oder wie man ein Konto eröffnet, dürfte Schülern relativ schnell zu vermitteln sein), sondern ganz in Humboldtscher Bildungstradition gilt es, den Schülern auch ein kulturelles Grundwissen zu vermitteln, das ihnen nicht nur die Orientierung sondern auch die Gestaltung der Welt ermöglichen soll - also Wissen, das ihnen hilft, eine solche Wirtschaftskrise zu vermeiden."

Matthias Maier Schwalmstadt

Wenig entwickeltes Bewusstsein

"Es gibt im Bereich Wirtschaft tatsächlich ein festes Grundwissen. Allerdings ist es vom Umfang her recht gering, es verdichtet sich in den Sprichwörtern "Wer den Pfenning nicht ehrt, ist des Talers nicht wert" und "Ohne Fleiß kein Preis". Der Rest ist Ideologie und ethisch umstritten. Dass man beim Händewaschen während des Einseifens das Wasser abstellt, zum Bäcker um die Ecke nicht das Auto nimmt und zwei Stunden Arbeit mehr Ertrag bringen als eine, das zu lernen ist gut und wichtig.

Aber zu lernen, wie man andere übervorteilt, Konkurrenten beseitigt, Steuerschlupflöcher findet und mehr haben zu wollen als man braucht, halte ich für fraglich. Im Übrigen ist eine ökonomische Lebensorientierung, die nichts anderes kennt als Bereicherung und Konsum, der Ausdruck eines wenig entwickelten Bewusstseins. Die Schule sollte selbstbewusst einen anspruchsvollen Bildungsbegriff vertreten, bei dem Wirtschaft nicht Zweck, sondern Mittel ist."

Friedhelm Buchenhorst Grafing

Der falsche Bruder

"Der Artikel ist mit dem Foto eines Humboldt-Denkmals bebildert worden, es handelt sich dabei allerdings nicht um Wilhelm, sondern um seinen Bruder Alexander von Humboldt, wie man auch am Globus unter seinem Stuhl erkennen kann. Der Naturforscher und "Vermesser der Welt" hält zudem eine Pflanze in der rechten Hand, die er vielleicht von seiner Expedition nach Hispanoamerika (1799-1804) mitgebracht hatte.

Wilhelm von Humboldt wird dagegen auf seinem Sockel, der sich etwa 40 Meter weiter links befindet, mit einem großen Folianten in der Hand abgebildet. Das entspricht seinem Ruhm als Geisteswissenschaftler und Bildungsreformer. Beide sind Namenspatrone der Berliner Humboldt-Universität. Ob Alexander sich für die Wirtschaft in der Schule entschieden hätte, möchte ich bezweifeln. Er hätte heutzutage bestimmt Mikrobiologie oder Astrophysik studiert."

Otto Danwerth Hamburg