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Diskussion um Kirchensteuer:Wer glaubt, muss zahlen

Die Kirchensteuer ist umstritten. Auch viele Gläubige wollen sie nicht mehr zahlen. Ohne Geld kann aber die Kirche ihrer sozialen Verantwortung nicht mehr gerecht werden, sagen SZ-Leser.

Zum Streit um die Kirchensteuer ("Geld und Seelenheil", 18. September):

''Die Idee, aus der Kirche auszutreten (kirchensteuerwirksam) und dazu gehören zu wollen ("innerlich", dem Geist oder dem Herzen nach) ist abstrus. Soziale Verantwortung, die Unterstützung von Menschen in Notsituationen und die Verkündigung sind Kernsätze des christlichen Glaubens. Und sie kosten Geld. Wer sich dem entziehen möchte, stimmt mit der Kirche schon im Grundsatz nicht mehr überein. Er ist sogar in einem sehr "innerlichen" Sinn kein Mitglied mehr.

Es kann also nur um das "Wie" der Beitragzahlung gehen. Aber was bietet sich als Alternative an? Die Waldenser in Italien leben von Mitgliedsbeiträgen. "Wir reden nur noch über Geld" klagt eine waldensische Pfarrerin. Das kann nicht im Sinne des christlichen Glaubens sein. Nur wer Kirche als eine Art konsumistisch-kapitalistische Veranstaltung (miss-)versteht, kann das bejahen. Er verhält sich nicht mehr als "Christ", der selbst Teil der Kirche ist und selbst Verantwortung für seine Kirche trägt, sondern als "Kunde" der von seinem "Dienstleister" spirituell gefüttert und unterhalten werden will.

Er möchte nicht mitgestalten - wozu es in vielen Kirchen viele kreative und politische Möglichkeiten gibt - sondern abstrafen, wenn etwas nicht zu seiner Zufriedenheit ausfällt. Es geht um Macht im Kleinen. Der Mitgliedsbeitrag in dieser Form ist nicht mehr eine Art der Mitverantwortung oder Mitgestaltung, sondern ein Kaufpreis, der ihm Anspruch auf einen Gegenwert sichern soll.

Es geht nicht mehr um das Wort Gottes, sondern um den "König Kunde", der in seiner religiösen Boutique gut bedient werden will. Eine durchaus populäre, aber glaubensferne Sicht. "We love to entertain you!" - Nein, das ist nicht Aufgabe einer Pfarrerin oder eines Pfarrers.

Ohne Kirchensteuer liegt die Entstehung einer Art "Eigenkirchenwesen" nahe. Im günstigeren Fall ist es eine Eigenkirche der Wenigen, wo sich 200 oder 1000 Christen einen Prediger "halten" können, der sie in allem bestätigt, was sie hören möchten. Im schlimmeren Fall eignet sich ein Unternehmer oder ein Konzern eine komplette Gemeinde an, die nach Millionen zählt.

Hier würden Amerika oder etwa Brasilien lehrreiche Beispiele bieten. In Brasilien genügen drei Personen zur Bildung einer religiösen Gemeinschaft mit steuerlichen Vorteilen. Konzerne gründen Glaubensgemeinschaften zu ihren Zwecken und unterhalten eigene religiöse Sender. Sie strahlen Nachrichten aus, die die Konzernstrategie in religiöser Maske flankieren und die Menschen mit Werten und Erwartungen ausstatten, die sie zu fleißigen Konsumenten und fatalistisch-demütigen Arbeitskräften machen.

Der Kirchensteuer kann man gewiss Nachteile nachsagen. Aber gibt es eine Alternative? Wer nichts oder wenig hat, muss auch nichts zahlen. Wer etwas hat, zahlt etwas. Wer reich ist, muss solidarisch einen höheren Beitrag leisten. Das ist sicher nicht Zeitgeist, nicht Geist des Kapitalismus. Aber christlicher Geist ist das allemal!''

Felix Groß Höcheschwand

Es geht nicht nur um Heil, sondern auch um Wohl

''Es war Dietrich Bonhoeffer, prominenter Vertreter der Bekennenden Kirche und deutscher Widerstandskämpfer, der - nachdem er das freikirchliche Modell in den USA kennen gelernt hatte - dafür plädierte, das Modell auch bei uns einzuführen, um die Kirche vor dem Nationalsozialismus zu retten.

Nicht übersehen konnte er, dass einmal wieder ein anderes Verhältnis von Kirche und Staat herrschen könnte. Viele Christen aus der früheren DDR sehnen sich auch nach der Unabhängigkeit vom Staat zurück. Sie übersehen dabei allerdings, dass sie jetzt in einem toleranten Saat leben, dessen integraler Bestandteil die Kirchen sind. Dieses Verhältnis von Kirche und Staat ist in unserm Land eine historische Gegebenheit, die nicht ohne Schaden für beide Seiten aufzuheben ist.

Die aktuellen Tendenzen gehen in Richtung auf die freikirchliche Gestalt der Kirchen. Davor allerdings sollten die Kirchen sich nicht fürchten. Bis die Bereitschaft ihrer Mitglieder wächst, die Kirchen selbst zu erhalten, werden diese vermutlich eine lange Durststrecke durchlaufen müssen, aber finanziell schlechter wird es ihnen dann wohl kaum gehen, eher besser.

Was es aber kosten wird, die volkskirchlichen Strukturen aufzugeben, das werden all die distanzierten Christen spüren, die treu ihre undankbaren Kirchen erhalten, aber zu gegebener Zeit sich auf sie verlassen können. Wenn sie dann mit ihrer Entscheidung, die Kirche in Anspruch zu nehmen alleine da stehen, werden sie merken welche schöne Selbstverständlichkeit sie aufgegeben haben.

Es geht nicht ums Geld und auch nicht allein ums Seelenheil der Menschen, sondern um deren Wohl.''

Helmut Brendel Celle