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31, Januar 2009:Relikte aus dem Neandertal

Ist die Jagd eine "Nebenform menschlicher Geisteskrankheit", wie Bundespräsident Theodor Heuss einmal sagte - oder schlichtweg notwendig?

"Hegen und schießen", 28. Januar

Die Lust am Töten oder sinnvolle Hege?

(Foto: Foto: Stephan Rumpf)

Ernährungsphysiologie des Rehwildes

"Tierbestände regulieren sich auf natürliche Weise, das ist keine neue Erkenntnis. Die Ergebnisse des Münchner Zoologen Josef Reichholf bestätigen einzig die Grundgesetzmäßigkeiten zur Wachstumsdynamik von Tierpopulationen. Damit lässt sich aber nicht die Überflüssigkeit der Jagd begründen. In nicht bejagten Gebieten und bei fehlenden natürlichen Prädatoren werden Wildtiere maßgeblich durch das vorhandene Lebensraumangebot begrenzt. Bei ungestörter Entwicklung erreichen Populationen schnell eine Kapazitätsgrenze. Die Folgen dieser maximalen Auslastung des Lebensraumes sind geringere Vermehrungsraten, schlechtere körperliche Konstitution, höhere Krankheitsanfälligkeit und vermehrter Stress unter den Wildtieren. Die angeführte Schlussfolgerung, durch die Jagd vermehrt sich das Wild stärker als unter 'natürlichen' Bedingungen, ist gerade unter diesen Gesichtspunkten eine Bestätigung für die Jagd. Denn durch die Reduktion der Populationen auf ein lebensraumangepasstes Maß kehren sich die genannten negativen Folgen um.

Der Einfluss stark überhöhter pflanzenfressender Wildtierbestände auf den Lebensraum Wald ist heute schon enorm. Besonders seltene Bäume werden selektiv verbissen. Geschieht dies über längere Zeiträume, entsteht eine Artenverarmung, die das zukünftige Reaktionsvermögen unsere Wälder gefährden kann. Das Argument des Rostocker Zoologen Ragnar Kinzelbach, dass 'wenn man die Rehe nicht jagen würde, würden sie sich nicht so sehr im Wald aufhalten und dort alles anknabbern', ist falsch. Rehe sind im Gegensatz zum Rothirsch klassische Waldtiere und perfekt auf das Leben im dichten Unterholz angepasst. Das 'Anknabbern' von Knospen ist nicht eine Folge der Bejagung, sondern liegt einzig in der Ernährungsphysiologie des Rehwildes begründet."

Tobias Stichel, Göttingen

Relikte aus der Zeit des Neandertalers

"'Viele Politiker sind passionierte Jäger': Dieser Satz ist der Knackpunkt. Im Politikalltag meistens nicht mit allzu vielen Erfolgserlebnissen gesegnet, finden sie archaische Selbstverwirklichung im Jagdgeschehen. Jagd ist ein ständiger, schwerer Eingriff in das Gleichgewicht der Natur - ein die Umwelt schädigendes, schlimmes Überbleibsel unbewältigter Neandertal-Mentalität, das Bundespräsident Theodor Heuss als eine 'Nebenform menschlicher Geisteskrankheit' bezeichnete. Der seinen Killerinstinkt mittlerweile beherrschende Normalbürger steht verständnislos wie einst der Altbundespräsident vor dieser mit viel Brimborium verbrämten (Jagd-) Lust und Freude am Töten."

Ulrich Dittmann, Kirchheimbolanden