bedeckt München

05. Mai 2009:Glauben und Grippe

Religion oder Ethik und die Pandemie als Biowaffe: SZ-Leser dikutieren zum Berliner Volksentschied und der Schweinegrippe.

Ethik, Religion, Pflicht oder Wahl

Nach dem Berliner Volksentscheid: SZ-Leser diskutieren zu den Themen Ethik und Religion.

(Foto: Foto: ddp)

"Zu der freien Wahlmöglichkeit steht dem Bürger eine weitere zur Verfügung: Das Amtsgericht darf in eine Kirchenaus-trittsbescheinigung hineinschreiben, dass der Austritt ausschließlich 'mit bürgerlicher Wirkung' erfolgt. Das bedeutet, dass der Kirchenaustritt nicht mit einem Ausscheiden aus der Glaubensgemeinschaft verbunden ist, sondern daß nur die Pflicht zur Zahlung der Kirchensteuer erlischt (OLG Schleswig 2 W 104/70)."

Hermann F. Kramer München

Bericht zum Berliner Volksentscheid

"Das Ergebnis des Berliner Volksentscheides ist die ermutigende Bestätigung der notwendigen Entwicklung von einer trennenden zur vereinenden Ethik."

Rudolf Kuhr Schöngeising

Des Pudels religiöser Kern

"Das tut mir ja nun wirklich leid, geehrte Forum-Reaktion, da habe ich doch kürzlich erst meinen Sermon zu einem Thema angeliefert, das ich nun schon wieder ansprechen muß. Friedensangebot: Ich möchte ja nur, daß Sie meine Einlassungen an das Ressort des Herrn Speicher weiterleiten. Denn seine Argumentationsvehikel zur 'Pro Reli'-Abstimmung (die wir nun, dem Schöpfer sei's gedankt, mit gutem Ergebnis hinter uns gebracht haben), gehen mir doch ein wenig auf den Geist.

Zitat: 'Pro Reli' will trennen, pro Ethik will verbinden - das ist des Pudels Kern', sagt Petra Pau, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei. (...) Das ist eine klare schlüssige Haltung. Bemerkenswert daran ist aber, daß solcher Vorrang der Gemeinschaftsbildung traditionell eine konservative Leidenschaft ist. Der Konservative des Kaiserreichs und der Weimarer Republik fürchtete in Demokratie und Liberalismus den Triumph von Selbstsucht, Zerfahrenheit, Dekomposition. Das fürchtete er aus Angst vor der Moderne und ihren Unübersichtlichkeiten; darin liegt seine Nähe zur Lage des Jahres 2009. Denn auch der Ethik-Unterricht verdankt sich einer Angsterfahrung, er kam in Gang nach dem sogenannten Ehrenmord an Hatan Sürücü 2005. Und alle weiteren Überlegungen einschließlich der Hoffnungen auf ein gemeinsames Lernen im Ethik-Unterricht zielen auf die Schwierigkeiten mit den islamischen Schülern.

Da haben Sie ja wohl konsequent Hemd und Hosen vertauscht, sehr geehrter Herr Speicher. Gerade das in der konservativen deutschen Bildungpolitik eisern verankerte Klassensystem aus Kaiser Willis Zeiten verhindert gemeinsames Lernen - sprich: Bildungserlebnis. Dazu gehört u.a. auch die Erkenntnis, daß andere Menschen nicht dümmer oder klüger sondern auf anderen Gebieten begabt sind. Das herauszufinden ist übrigens die erste Pflicht einer verantwortungsvollen Lehrerin resp. eines Lehrers. Gemeinschaftsbildung als konservative Leidenschaft können wir also abhaken, nicht wahr?

So, und dann kommen Sie im Jahr 2005/09 an und machen die Wurzeln des 'Ethik-Unterrichts an der 'Angsterfahrung' anläßlich des Ehrenmordes an Hatan Sürücü fest, (nein, nein, der war nicht 'sogenannt', der war sehr real, werter Herr Speicher). Ach ja, die Schwierigkeiten mit den islamischen Schülern dürfen natürlich auch nicht fehlen. Doch zurück zu den Wurzeln. Die Wurzeln des Ethik-Unterrichts gründen tatsächlich in der Eingemeindung der politisch wie wirtschaftlich bankrotten DDR (ohne " "). Warum wohl konnte sich dieses Lehrfach in Berlin und Brandenburg etablieren?

Ich denke, Frau Pau hat die Unterschiede zwischen Ethik- und den verschiedenen Religionsunterrichtsversionen auf den Punkt gebracht. Auch die Patorin Constanze Kraft (SZ v. 24.4.09) hat das klar definiert. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Nur noch eine Frage zum Schluß: Der Ethik-Unterricht ist ab dem siebten Schuljahr Pflicht. Der von den Kirchen gewünschte Religionsfachunterricht soll mit dem ersten Schuljahr verpflichtend beginnen. Warum wohl? Meinen Sie nicht auch, daß das Elternhaus noch am ehesten - wenn überhaupt - in der Lage ist, dem neuen Menschenkind das Geheimnis der Schöpfung in seinen Grundzügen nahezubringen?

Und wenn nicht, dann ist der mit dem siebten Schuljahr beginnende Ethik-Unterricht dazu geeignet, das gestörte Verhältnis zu Menschen mit anderen religiösen Überzeugungen wieder auf eine kreative Diskussionsebene zu stellen."

Dieter J Baumgart Mourèze

Säkularisation im Journalismus

"Liebe SZ, ich freue mich jedes mal, wenn die SZ sich zu den Themen Religion und Theologie äußert, auch wenn ich jedes mal darunter leide, wie wenig sach- und fachkundig die Zunft der der Journalisten ist. Aber das scheint eine Folge der allgemeinen Säkularisation zu sein. Kirchlich geprägte und theologisch fachkundige Leute gibt es offenbar nur in der jeweiligen kirchlichen Fachpresse z.B.im Evangelischen Pressedienst o.ä. Leider hat der Kommentator Tanjev Schultz es versäumt, zum Bereich Religionspädagogik so zu recherchieren, wie es Ihr Zunftgenossen bei anderen Themen selbstverständlich tun.

Aber im Themenbereich Religion, Theologie oder gar Religionspädagogik meint oder allgemein beim Thema Kirchen meinen viele Ihres Fachs, es genügten Ihre allgemeinen Kenntnisse. Die aber spiegeln genau das Problem, um das es in Berlin geht. Der Informationsstand zum Thema Kirche, Religion und Religionspädagogik beschränkt sich auf die allgegenwärtigen Vorurteile dem Gegenstand gegenüber. Der in den Bundesländern übliche Religionsunterricht hat kaum Spuren von Informiertheit hinterlassen. Verzeihen Sie mir die Journalistenschelte, aber der Kenntnisstand in Ihrer Zunft ist so erschreckend niedrig wie die Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften vor allem im Land Brandenburg.

Die Folgen der DDR-Diktatur sind dort erschreckend. Die Uninformiertheit um nicht zu sagen Ahnungslosigkeit zum Thema macht deutlich, worum es den Kirchen in Berlin geht. Es ist dringend notwendig, den Informationsstand über Kirche und Theologie und auch zum Thema Religionsunterricht zu heben. Das kann kein Ethikunterricht. Der spiegelt nur, was an ideologischen Prägungen von 40 Jahren DDR übrig geblieben ist. Obwohl im Land Friedrichs des Großen die Säkularisation älter ist. Der Geist der Aufklärung hat dort tiefe Wurzeln. In dieses Horn hat die DDR dort nur kräftiger geblasen. Wo bodenständige Religiosität lebendig geblieben ist wie z.B. im Dresdner Land das hat die DDR-Ideologie auch weniger ausgerichet.

Dort herrscht nach wie vor ein fröhliches weltliches Christentum, wenn auch mit den der Zeit entsprechenden Einschränkungen. Das hat aber nichts mit dem Religionsunterricht zu tun, der auch dort zu DDR-Zeiten in der Regie der Kirchen geblieben ist. Da war er im kirchlichen Bereich und hinter Kirchenmauern Einübung religiöse Praxis. Nach Übereinkunft mit dem Staat, die im Konkordat getroffen wurde, kann der Religionsunterricht als Schulfach dies nicht leisten. Beten lernen sollen die Schüler dort nicht.

Das wäre eine unzulässige Vereinnahmung, das wäre Zwang. Aber die Schüler über Kirche, Glauben und Religiosität ordentlich zu informieren, das ist in alle Freiheit Aufgabe des Religionsunterricht an den Schulen. Das kann im Ethikunterricht nicht geschehen, weil den Lehrern die Sachkenntnis fehlt, wenn sie das Fach Religion nicht studiert haben. Dass engagierte Lehrer hier die Grenze zwischen Information über Religion und Einübung in christliche Frömmigkeit überschreiten, ist nicht im Sinne des Erfinders, funktioniert aber nur, wenn die Schüler sich anstecken lassen. Das sollte aber Aufgabe kirchlicher Angebote sein."

Helmut Brendel Celle