Reisetipps Weimar

Auftakt Weimar Was für eine Stadt!

Leises Klavierspiel klingt aus der Musikhochschule Franz Liszt herüber. Jogger traben durch den Park an der Ilm. Vor Goethes Wohnhaus erzählt eine Stadtführerin die Geschichte des großen Dichters. Und auf der Terrasse des Residenz-Cafés, kurz „Resi„, gibt es frisches Schokoladen-Soufflé. Gemütlichkeit im Schatten großer Kultur: Das ist Weimar. Ein Städtchen im Herzen von Thüringen mit kaum mehr als 60000 Einwohnern, das man einfach mögen muss. Auch wenn fast alle Besucher wegen Goethe, Schiller und Anna Amalia kommen: Weimar ist mehr als die Geburtsstätte der Klassik. Es ist ein Idyll - mit weltstädtischem Flair.

Weimar ist wieder in den Blickpunkt des europäischen Kulturinteresses gerückt. Die Stadt hat zu neuer Identität gefunden, hat an Ausstrahlung und Anziehungskraft gewonnen, sich ein neues Image zugelegt. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung ist das thüringische Städtchen wie Phönix aus der Asche auferstanden. Etwa 500 Mio. Euro aus öffentlicher und privater Hand haben den Charme der in Jahrhunderten gewachsenen Stadt in den vergangenen Jahren wieder sichtbar gemacht.

Mancher traute der Kleinstadt nicht allzu viel zu, als sie 1999 mit dem Ehrentitel Kulturstadt Europas betraut wurde. Weimar war abgestempelt als die verstaubte Stadt der Dichter und Denker, als eine Stadt, die ausschließlich Traditionen verhaftet ist. Weimar ist natürlich immer noch die Klassikerstadt, doch heute ist es viel mehr. Das Kulturstadtjahr 1999 hatte Weimar als Herausforderung angesehen, die Stadt gab sich den notwendigen Ruck, und ihr gelang es, die provinzielle Enge abzustreifen und den musealen Staub wegzublasen. In einem gewaltigen Kraftakt wurde auch die Stadtentwicklung vorangetrieben, zahlreiche Straßen und Plätze erhielten neuen Glanz, Gebäude wurden saniert, Fassaden aufpoliert. Weimar präsentiert sich heute den Besuchern als Standort einer modernen, lebendigen Kulturszene. Mehr als je zuvor gelten heute Goethes Worte: „Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes...“.

Die Kultur beschränkt sich nicht mehr nur auf die Klassiker, auf die Museen und das Nationaltheater. Vielfalt und Kreativität sind die Leitmotive für Konzerte und Lesungen, Ausstellungen und Symposien, viele davon mit dem Anspruch der Internationalität. Das Kunstfest Weimar, das jedes Jahr im Sommer stattfindet, steht als ein Beispiel dafür. Mit Originalität und künstlerischen Ambitionen behauptet es sich in Deutschlands Festivallandschaft.

Zu Weimar gehören nicht nur Goethe und Schiller. Weimar ist der Ursprungsort des von Walter Gropius gegründeten Bauhauses, der legendären Avantgarde-Kunstschule des 20. Jhs. Und in Weimar verabschiedete die Deutsche Nationalversammlung am 11. August 1919 die Weimarer Reichsverfassung, die erste demokratische Verfassung in Deutschland. Weimar repräsentiert deutsche Geschichte, gute und böse. Hier waren nicht nur Kultur und Geist zu Hause, sondern auch Unkultur und Barbarei. Die Stadt ist eng mit dem dunkelsten Kapitel in Deutschlands Geschichte verbunden. Nahe Schloss Ettersburg, wo seinerzeit über die Werte der Menschheit diskutiert worden war, errichteten die Nationalsozialisten das Konzentrationslager Buchenwald. Mehr als 60000 Menschen brachten sie in der Nachbarschaft des humanistischen Geistes von Goethe und Schiller um. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete der sowjetische Sicherheitsdienst in Buchenwald ein in der DDR-Geschichtsschreibung nicht erwähntes Speziallager ein. Von den hier internierten Menschen fanden mehr als 7000 den Tod.

Zu den bedeutenden Einrichtungen der Stadt, die auf der Welterbeliste stehen, gehört die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Fast 1 Mio. Bücher, darunter kostbare Handschriften und Drucke, werden hier aufbewahrt. Doch ein verheerendes Feuer vernichtete in der Nacht vom 2. zum 3. September 2004 rund 50000 Unikate aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Bürger Weimars hatten Menschenketten gebildet, um die wertvollen Bücher zu retten. 62000 Exemplare konnten mit zum Teil schweren Wasser- und Brandschäden aus dem Gebäude geborgen werden, 28000 Bände entgingen dem Brand unversehrt. Am 24. Oktober 2007 - dem 268. Geburtstag der namensgebenden Herzogin - wurde die Bibliothek unter großem öffentlichen Interesse wieder eröffnet. Ihr Herzstück ist der Rokokosaal, einer der beeindruckendsten Bibliothekssäle Deutschlands, in dem Architektur, Bildende Kunst und Bücher zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen.

Lange Zeit döste Weimar vor sich hin. Erst als sich Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1775 das schmucke Residenzstädtchen an der Ilm zum Wohnort wählte, war es mit der Ruhe vorbei. Christoph Martin Wieland - die Herzogin hatte ihn als Prinzenerzieher hierher geholt - war schon drei Jahre in der Stadt. Nach Goethe kam Johann Gottfried Herder, als Letzter des klassischen Quartetts fand Friedrich Schiller den Weg nach Weimar. Was wäre wohl aus der Residenzstadt geworden, hätten sich die vier hier nicht niedergelassen und wohl gefühlt, hätte es nicht die aufgeschlossene Herzogin Anna Amalia und den kunstsinnigen Herzog Carl August gegeben? Weimar wäre heute eine Provinzstadt wie viele andere. So aber ist es ein Muss in jedem deutschen Reiseführer. Und sogar in jenen, die Europa im Großen abhandeln, fehlt die kleine Stadt im Freistaat Thüringen nicht. Denn hier konzentrieren sich auf engstem Raum deutsche und europäische Kulturgeschichte wie sonst nur in großen Metropolen.

Goethe war bereits zu Lebzeiten eine Art Denkmal, nicht wenige kamen nur seinetwegen in die Stadt. Zu Weimar gehören aber auch Jean Paul, Johann Sebastian Bach und Richard Strauss. Weimar ist ferner die Stadt von Franz Liszt, der Kapellmeister in außerordentlichen Diensten war, von Max Liebermann, der einen Teil seiner Ausbildung in Weimar erhielt, von Marlene Dietrich, die hier Geigen- und Klavierunterricht nahm, und von Friedrich Nietzsche, dem großen, umstrittenen Philosophen der Moderne. Weimar ist ebenso eine Stadt der Kunstschätze. Beispielsweise befindet sich im Schlossmuseum eine der größten Cranach-Sammlungen der Welt, ferner sind dort Gemälde von Albrecht Dürer, Johann Friedrich August Tischbein und Caspar David Friedrich zu sehen. Mit dem Neuen Museum besitzt die Stadt das erste Museum in den neuen Bundesländern, das der zeitgenössischen Kunst gewidmet ist. Und auch in der Museumslandschaft geht Weimar ungewohnte Wege. Im jungen Weimar Haus führen Sie Bühnenspezialeffekte, Wachsfiguren und Multimediapräsentationen auf unterhaltsame Weise durch die Geschichte Thüringens und Weimars.

Dieselbe Elle wie an Weltmetropolen sollten Sie jedoch nicht an Weimar anlegen: Kurz nach 18 Uhr, wenn die Geschäfte geschlossen haben und die Rostbratwurststände auf dem Markt keinen Duft mehr verbreiten, werden im Städtchen die Bürgersteige hochgeklappt. Die Einheimischen eilen nach Hause und die Touristen sitzen in den Hotels beim Abendessen. Dank der Universität ist die Stadt dennoch alles andere als verschlafen.

Die rund 6000 Studenten der Bauhaus-Universität und der Musikhochschule prägen den Ort mit nur 64500 Einwohnern. In der warmen Jahreszeit treibt es angehende Architekten und Musiker bis zur Dämmerung auf die Wiesen der Parkanlagen - zum Lesen, Fußball und Gitarre spielen. Danach zieht man in die Clubs und Kneipen, um zu diskutieren und zu feiern. Die Studenten veranstalten Performances, es gibt zahlreiche Partys. Auch die Gäste aus den feinen Hotels wie Elephant und Russischer Hof finden es schick, nach dem Theater- oder Konzertbesuch ein Bier oder ein Gläschen Wein an der Seite der Szenegänger zu trinken. Weit laufen muss keiner, denn alles liegt dicht beieinander, die Museen gleichermaßen wie die Kneipen - rund 600 mal 500 m misst die Altstadtfläche.

Bestandteil des jungen Weimar ist auch das ACC, das Autonome Cultur Centrum am Burgplatz. Als es junge Leute gründeten, wurden sie in der damals noch konservativen Stadt beargwöhnt. Denn mit seinem unkonventionellen Programm erregte das ACC Aufsehen. Es bietet Musik, Theater und Lesungen, zwei Galerien zeigen zeitgenössische Kunst, das Lokal wird zu den besten Szenerestaurants Deutschlands gezählt. Mittlerweile gehört das ACC zu Weimar wie Goethes Wohnhaus. Die Worte, die der Dichterfürst 1828 unter einen Stich seines Hauses geschrieben hatte, könnten auch hier zu lesen sein: „Warum stehen sie davor? Ist nicht Thüre da und Tor? Kämen sie getrost herein, Würden wohl empfangen sein.“