Reisetipps USA Neuengland

Stichworte USA Neuengland

Architektur

Endlose Kiefernwälder haben Neuengland stets im Überfluss mit Holz als Baumaterial versorgt. Bis 1700 dominierten einfache Häuser mit steilen Dächern und kleinen Fenstern, die sogenannten saltboxes. Sie erinnern an die Form damaliger Salzbehälter. Mit zunehmendem Wohlstand wurden sie von größeren Residenzen mit Säulenvorbauten abgelöst, dem Georgian Style. Es folgte der Federal Style mit detailverliebter Formensprache und balustradengesäumten Flachdächern, bis um 1830 das antike Griechenland modern wurde: Strahlend weiße Häuser mit Säulenfronten lösten die vorherrschenden Rot- und Gelbtöne ab.

Danach kamen und gingen die Baustile von der französischen Gotik über den Queen Ann Style bis zum Second Empire, bis im 20. Jh. die Erfindung des Stahlgerüsts neue Horizonte eröffnete. In den 1920er-Jahren wurden in Boston die ersten Hochhäuser gebaut. In anderen Großstädten Neuenglands wie Hartford oder Providence zog man erst dann Bürotürme hoch, als die Postmoderne mit verspielten Formen und Zitaten klassischer Stilelemente aufkam. Ein Blick auf Boston zeigt die Architektur der Zukunft. Das neue Institute of Contemporary Art in Boston ist ein dekorloser, funktionaler Glaskasten im Stil des Neomodernismus.

Greens

Greens sind typisch für Neuengland. Viele Orte haben im Zentrum diesen meist rechteckigen, fein säuberlich begrünten Platz, der von Kirche, Meeting House und Häusern im Kolonialstil gesäumt wird. Oft ziert diese Grünfläche ein Denkmal oder ein Pavillon für Konzerte oder andere öffentliche Veranstaltungen. Allerdings war der Green nicht immer grün. Sein zweiter Name common weist deutlicher auf seinen Ursprung hin. Denn die frühen englischen Siedler bauten ihre Dörfer in der Neuen Welt nach ihrer Erinnerung an das alte England. Dort wurde der sandige Platz von der Allgemeinheit als Viehweide und Versammlungsort benutzt. In Neuengland kam ein weiterer Aspekt hinzu: Ein Dorf, das sich um einen Common gruppierte, war bei Indianerangriffen leichter zu verteidigen. Erst nach 1800 begannen die Stadtväter, den zertrampelten, oft schlammigen Platz zu verschönern und zu einem Markenzeichen Neuenglands zu machen.

Hummer und Heidelbeeren

Neuenglands Tier- und Pflanzenwelt ist Teil jener Vegetationszone, die sich als riesiger Waldgürtel ursprünglich quer über den gesamten nordamerikanischen Kontinent ausgebreitet hat. Darin leben Elche und Schwarzbären, Biber und Stinktiere, Weißwedelhirsche und Waschbären. Im kalten Wasser des Atlantiks findet man neben den begehrten Krustentieren wie Hummer vor allem Seehunde sowie verschiedene Delphin- und Walarten. Über Neuengland führt eine der amerikanischen Vogelfluglinien, weshalb im Frühling und Herbst mehr als 400 Arten, darunter die Kanadagänse, die Landschaft überfliegen. 2000 Blumen- und Farnarten sind in der Region heimisch. Wild blühen Rhododendron, Hartriegel und Kalmie. Heidelbeeren (in Maine) und Preiselbeeren (in Massachusetts) haben sich gar zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Indianer

Die Ureinwohner Neuenglands gehörten überwiegend zur Algonquin-Sprachfamilie und siedelten als halbsesshafte Bauern vor allem im Süden der Region. Heutzutage sieht man so gut wie nichts mehr von den einstigen Herren des Landes. Hauptgrund: der Landhunger der weißen Siedler. Der Anfang vom Ende der Indianer Neuenglands war der Pequotkrieg (1634-37), der ein ganzes Volk eliminierte, während der von beiden Seiten grausam geführte King Philip's War (1675/76) weite Teile Neuenglands verwüstete und mit der kompletten Enteignung und Entrechtung der wenigen überlebenden Ureinwohner endete. Im 19. Jh. erklärte die US-Regierung alle Indianer der Region je nach ihrer Hauttönung für weiß oder schwarz und beendete damit offiziell auch die Existenz der neuenglischen Indianer.

Wie viele Indianer heute noch in Neuengland leben, ist eine Frage der Definition. Neben einigen Tausend offiziell anerkannten Indianern, die in Reservaten leben, gibt es mehrere Zehntausend Menschen, die um ihre staatliche Anerkennung kämpfen. Seit Mitte der 1980er-Jahre die Wampanoag als Stamm anerkannt wurden, Land erhielten und die Genehmigung, das Foxwoods Casino Resort darauf zu bauen, erleben die Indianer Neuenglands eine wunderbare Wiedergeburt. Bis dahin als ausgestorben geltende Stämme tauchen plötzlich wieder auf, Menschen, die eindeutig weiß, schwarz oder hispanisch aussehen, veranstalten Pow Wows und Regentänze. Das Gute: Die tragische Geschichte der Indianer Neuenglands, oft beschönigt und unter den Tisch gekehrt, wird derzeit völlig neu geschrieben.

Indian Summer

Neuengland ist für seine Laubbäume berühmt, deren Blätter sich im September und Oktober von Nord nach Süd verfärben - ein Farbspektakel aus Ahorn, Birke, Eiche, Buche und Hickory, durchmischt mit Kiefern und anderen Nadelhölzern. Inzwischen ist der Indian Summer zum Synonym für Neuengland geworden. Die Gegenden, in denen das Naturschauspiel am schönsten ausfällt, sind die Berkshires in Westmassachusetts und Nordwestconnecticut sowie die Berglandschaften von New Hampshire (White Mountains) und Vermont (Green Mountains). Über den Stand der Blätterfärbung und die besten Stellen können Sie sich ab dem Spätsommer informieren (z.B. beim www.yankeemagazine.com).

Ivy League

An den 250 Colleges und Universitäten Neuenglands sind etwa 800000 Hochschüler eingeschrieben. Nicht nur die Eliteunis der Ivy League (Efeuliga), darunter die traditionsreichen Colleges Harvard, Yale und Dartmouth, locken Lernwillige aus allen Teilen der USA an. Manche Kleinstadt lebt von den Bildungseinrichtungen, die meist privat sind und horrende Studiengebühren verlangen. Allein im Großraum Boston werden die Einnahmen in diesem Bereich auf etwa 2 Mrd. Dollar pro Jahr geschätzt.

Moxie

Was meint der Fernsehkommentator bloß, wenn er sagt, Venus Williams habe auf dem Tennisplatz moxie gezeigt? Neuengländer wissen es: Courage, Optimismus, kurz: Stehaufmännchenqualitäten. Amerikas erste landesweit verkaufte Limonade hieß nicht Coca-Cola, sondern Moxie. Erfunden wurde der braune Sprudel 1884 in Lowell (Massachusetts), zeitweilig ging er häufiger über den Ladentisch als Coca-Cola. Mit kreativen Werbekampagnen bereitete Moxie der modernen PR den Weg. Heute wird es nach langer Talfahrt wieder in den General Stores verkauft. Wer es trinkt, muss tatsächlich moxie haben: Das Zeug schmeckt wie Hustensaft mit Meerrettich.

Politik

In den Neuenglandstaaten wird traditionell demokratisch gewählt. Einige sind besonders liberal: Vermont betrieb als erster US-Bundesstaat eine grüne Umweltpolitik, Connecticut erlaubt die Abtreibung. 2004 durften in Massachusetts die ersten gleich geschlechtlichen Paare heiraten. Eine Spezialität Neuenglands sind die town meetings: Dort entscheiden die Bürger wie vor 200 Jahren selbst über kommunale Angelegenheiten.

Puritanismus

Da die Puritaner in England wegen ihrer Kritik an der Church of England unterdrückt wurden, zog die Aussicht auf unbesiedeltes Land viele von ihnen nach Amerika, wo sie ihre eigene dogmatische Wertewelt aus Gottesfurcht und bußfertiger Moral aufbauen konnten. Staat und Kirche bildeten eine Einheit, Bildungseifer und ein gottgefälliges Streben nach Reichtum gehörten zu den Grundprinzipien. So wichtig die eigene Glaubensfreiheit den Puritanern war, so radikal war ihre Intoleranz gegenüber Andersgläubigen: Quäkern, Katholiken oder Juden. Sie reichte bis zu Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung. Die Grundwerte puritanischer Lebensweise - der Glaube an die göttliche Vorsehung und Auserwähltheit sowie der Glaube, dass jeder seines Glückes Schmied sei - haben sich bis heute gehalten, besonders innerhalb der alten Oberschicht, der WASPs (White Anglo-Saxon Protestants). Die Einwanderung katholischer Immigranten seit den 1840er-Jahren beendete die politische und kulturelle Vorherrschaft der WASPs. Heute sind mehr als die Hälfte der Einwohner Neuenglands katholisch.

Wirtschaft

Der Tourismus blüht nicht nur im Indian Summer, im Sommer kommen Wasserfreunde, Wanderer, Radfahrer und Kanuten, selbst im Winter zieht Neuengland Gäste in die schneesicheren Skigebiete von Vermont und New Hampshire. Dagegen sind Landwirtschaft und Fischerei, Neuenglands traditionelle Erwerbszweige, rückläufig. Nur Vermont verfügt noch über eine leistungsfähige Milchindustrie, während Maine mit dem Hummerfang gute Umsätze macht. Die Industrie lebte viele Jahre von großen Rüstungsaufträgen - auch ein rückläufiger Posten. Zugleich hatten sich Großbanken und Versicherungsunternehmen im jahrelang boomenden Immobilienmarkt verspekuliert.