Reisetipps Tokio

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Drängelkodex

Wer als Tokio-Neuling zum ersten Mal versucht, in den Stoßzeiten mit der Bahn zu fahren, dem bleibt mit Sicherheit die Luft weg. Nicht nur, weil er hilflos eingepfercht kaum noch durchatmen kann, sondern auch angesichts der unglaublichen Rücksichtslosigkeit, deren fassungsloser Zeuge er wird. Die japanische Höflichkeit ist zwar sprichwörtlich, aber deutlich anders. Ihre Regeln, geprägt vom Geist des Konfuzianismus, haben sich in einer Zeit herausgebildet, als die Gesellschaft noch streng vertikal gegliedert war, als jeder noch wusste, wer über oder unter ihm stand.

Formal und ritualisiert sind die Umgangsformen, selten spontan. Es gibt zwar einen Kodex für den Neigungswinkel, in dem sich wer, wann, wem gegenüber zu verbeugen hat, welche Anredeform zu wählen und welcher Abstand zu wahren ist. Aber das alte Japan kannte weder Fahrstühle noch Bahnen oder Busse, in denen man in beklemmender Enge anonym aufeinander trifft. Und so fehlt es dann auch an entsprechenden Vorschriften.

Statt nun den gesunden Menschenverstand walten zu lassen, reagiert man mit Abschottung: Das Gedränge und Geschiebe gilt als eine Art Naturgewalt. Man liefert sich ihr bis zu einem gewissen Grad aus oder leistet Gegenwehr.

Am besten bahnen Sie sich daher Ihren Weg durch japanische Menschenmassen, indem Sie den Kopf senken oder mit glasigem Blick in eine unbestimmte Ferne schauen und den Entgegenkommenden die Ausweichinitiative überlassen. Das hilft zwar nicht immer, senkt aber die Kollisionsquote ganz erheblich.

Noh und Co

In Tokio haben Sie Gelegenheit, alle klassischen Theaterformen kennen zu lernen: Noh, Bunraku und Kabuki. Das Noh-Theater entstand im 13. Jh. und war zunächst dem Adel vorbehalten. Alle Figuren, auch die Frauenrollen, werden von Männern dargestellt. Maske, Gestik und Bewegung sind bis zur Abstraktion stilisiert. Die mehrere Stunden dauernde Abfolge von Stücken wird durch Kyōgen, burleske Einlagen, aufgelockert, in denen Volkes Stimme zu Worte kommt.

Bunraku ist ein Puppentheater mit fast lebensgroßen Marionetten. Den Gang der Handlung erläutern - wie im Noh-Theater - ein Orchester und ein oder mehrere Erzähler. Das volkstümliche, effektvolle Kabuki schließlich stammt aus dem 17. Jh. Es beinhaltet Gesang, Pantomime und Tanz. Die ebenfalls nur männlichen Darsteller sind oft ausdrucksstark geschminkt. Hauptinstrument ist die Shamisen, eine Art Banjo.

Pachinko

Unbeschreiblich ist der Lärm, der aus den poppigbunten Hallen quillt. Doch es sind nicht emsige Fließbandarbeiter die, artig aufgereiht, Knöpfe an merkwürdigen Automaten betätigen, sondern Hausfrauen, Angestellte, Studenten oder gar Firmenchefs, die hier „Entspannung“ suchen. Die Apparate ähneln aufrecht stehenden Flipperkästen. Durch ihr Nägellabyrinth schnellen Stahlkugeln hoch und runter. Die Wartezeit bis zum Gewinn verkündenden Scheppern lässt sich mit einem Blick auf den Minifernseher über dem Spielkasten verkürzen. Geldgewinne sind verboten, stattdessen winken Schokolade oder Zigarettenstangen, die man dann freilich irgendwo in der Nähe gegen Bares eintauschen kann.

Sumo

Nicht nur die modernen Baseballheroen bringen die Tokioter in Emotionswallungen, auch Gladiatoren einer Jahrhunderte alten Sportart lösen dreimal im Jahr bei ihren zweiwöchigen Turnieren Begeisterung aus. Sumo ist Japans Nationalsport. Schauplatz der Giganten-Ringkämpfe im Januar, Mai und September (Beginn: zweiter Sonntag) ist die Kokugikan-Halle im Viertel Ryogoku. An Karten für die guten Plätze ganz vorn ist schwer zu kommen, aber auch von den billigeren Rängen, die umgerechnet ca. 13 bis 23 Euro kosten, aus lässt sich das Geschehen gut verfolgen (www.sumo.or.jp). Denn die massigen Ringer, die fast alle an die 190 cm groß sind und um die 160 kg wiegen, sind tatsächlich kaum zu übersehen.

Die Chancen beim Kartenkauf sind am Wochenanfang (Montag bis Mittwoch) am größten. Erhältlich sind die Tageskarten an den Schaltern vorm Haupteingang. Wer sich gegen 10 Uhr eine sichert, kann die Zeit bis zum Turnierbeginn nebenan im Edo-Tokyo Museum überbrücken. Am Nachmittag geht es dann in die Halle, und dort erst einmal ins Sumo-Museum. Da sich die Besitzer der teuren Plätze meist erst gegen 4 Uhr einfinden, kurz vor den Kämpfen der stärksten Matadore, wagen sich die etwas forscheren Ausländer bis dahin ganz weit nach vorn an den Ring. Kommt der Platzeigner, verbeugt man sich nett, sagt „Sumimasen“ - Entschuldigung - und zieht sich die Schuhe wieder an, die man zuvor fein säuberlich vor den Platz gestellt hat.

Trendsetter

Irgendwann in den 1980er-Jahren fiel es plötzlich allen auf: Der Tokioter Nachwuchs kreiert und diktiert so ziemlich alle Jugendtrends und Modeerscheinungen in Japan. Beispiele gibt es massenhaft, die wenigsten sind von Dauer. Allen ist gemeinsam: Die ältere Generation ist total schockiert und zweifelt am Fortbestand der Nation. Gleichzeitig tritt ein Expertenheer in den Medien zur Analyse an. Haarefärben etwa ist in - schon seit ein paar Jahren. Klar, sagen die Profideuter, die Kids haben ihre japanische Identität verloren. Davon kann jedoch nicht die Rede sein. Es ist einfach wie überall: Spaß ist angesagt!

In einer traditionell gleichgeschalteten Gruppengesellschaft wie der japanischen fällt es nur stärker auf, wenn der Nachwuchs sich Freiräume erobert oder tradierte Verhaltensweisen neu definiert. Auswüchse wie enkō, Schülerinnenprostitution, die vor allem vom extremen Materialismus der Trendsetter gespeist werden, bieten jedoch zu Recht Anlass zur Besorgnis.