Reisetipps St. Petersburg

Stadtspaziergänge St. Petersburg

Von der Mördergrube in den Kulturhimmel

Dieser etwa zweistündige Spaziergang durch die malerischsten Winkel von St. Petersburg verläuft entlang an Kanälen und kleinen Nebenstraßen, wo die Zeit sichtlich langsamer läuft. Auf den Spuren von Dostojewskis Mörderfigur Raskolnikow führt er zu den Stellen berühmter Bluttaten - um schließlich im Umfeld des Mariinski-Theaters die Orte neuer kultureller und architektonischer Höhenflüge zu erreichen.

An der westlichen Ecke des Heumarktes (Apraxin Dwor, Metrostation Sennaja Pl./Sadowaja) öffnet sich dieser belebte Platz mit seinen Kaufhäusern und Kioskgalerien zum Kanal Gribojedowa, dem romantischsten und krummsten aller Petersburger Wasserläufe. Über einen Fußgängersteg geht es auf das andere Ufer und gegenüber bei Haus 65/67 in den verwinkelten Innenhof. Ein Durchgang führt hier auf die kleine Uliza Kasnatschejskaja - und schon sind Sie in Dostojewskis Welt. Der Stoljarny Pereulok 7 war eine der 20 Eckhaus-Adressen, an denen der ruhelose Schriftsteller wohnte. Seinen berühmtesten Romanhelden, den Mörder Raskolnikow aus „Verbrechen und Strafe“, ließ er gegenüber in der Uliza Grashdanskaja 19 ein Dachzimmer beziehen. Daran erinnert heute ein Denkmal auf der Straßenecke. Direkt neben dem Denkmal befindet sich ein Memento für den wohl schlimmsten Tag in der Petersburger Geschichte: „Gedenke des hohen Wassers am 7. November 1824“ steht auf Deutsch auf einer in die Wand eingelassenen Steintafel. Eine Linie in Halshöhe markiert das stärkste Hochwasser der Stadtgeschichte, das Hunderten Menschen das Leben kostete.

Von hier legte Raskolnikow mit der Axt im Mantel genau 730 Schritte zurück, um in einem Haus am Katharinenkanal (so hieß damals der Kanal Gribojedowa) die alte Wucherin zu erschlagen. Folgt man seinem Weg, passiert man den Ort einer realen Gewalttat, die vielen Petersburgern mit Schrecken in Erinnerung ist: Am 20. Nov. 1998 wurde die populäre Reformpolitikerin Irina Starowojtowa in ihrem Wohnhaus am Kanal Gribojedowa 91 erschossen. Eine Gedenktafel erinnert an sie.

Über die romantische, kleine Bank-Brücke führt der Weg auf die andere Kanalseite. Das Haus Nr. 104 (zugleich Srednaja Podjatscheskaja 15) ist jener Ort, wo Raskolnikow seinen Mordplan ausführte. Der Hinterhof und die Treppe, die zur Wohnung der Wucherin führten, sind aber nicht mehr frei zugänglich - die Dostojewski-Pilger wurden den heutigen Bewohnern doch etwas zu viel.

Folgen Sie dem Kanal weiter, dann gelangen Sie zur bildhübschen Nikolaus-Marine-Kirche. Die barocke Kirche ist zweistöckig, allerdings ist die obere Kirche zurzeit unzugänglich. Typisch für den orthodoxen Kirchenbau ist der frei stehende Glockenturm.

An der Kreuzung des Krjukow-Kanals mit dem Kanal Gribojedowa erreicht man einen Punkt, der Petersburgs Beinamen „Venedig des Nordens“ rechtfertigt wie kein anderer. Wenn Sie auf der Pikalow-Brücke stehen, können Sie sieben weitere Brücken sehen!

Wer sich für den morbiden Charme eines alten Kleine-Leute-Quartiers begeistern kann, sollte von hier aus eine Runde durch den angrenzenden Stadtteil Kolomna ziehen. Wer jedoch nach Höherem strebt, geht besser den Krjukow-Kanal entlang auf das weltberühmte Mariinski-Theater zu. Auf der linken Kanalseite ist die Baustelle, wo die zweite Bühne des Opern- und Balletthauses entstehen soll. Die Pläne für das von einer goldenen Netzkuppel überspannte Theater entwarf der Franzose Dominique Perrault, der damit 2003 Russlands ersten internationalen Architektenwettbewerb gewann.

Über den Theaterplatz und die Glinka-Straße gehen Sie nun weiter zur Moika, einem weiteren Petersburger Wasserlauf. Links sieht man eine Ecke von Neu-Holland: Die Ziegelbauten auf der dreieckigen Insel dienten einst als Lager für Schiffsholz. Nun soll hier ebenfalls ein ambitioniertes Bauprojekt verwirklicht werden: Die Pläne für ein Geschäfts- und Kulturzentrum mit einem Festivalpalast im Zentrum zeichnete Sir Norman Foster, der Schöpfer der Berliner Reichstagskuppel.

Der Weg führt nun nach rechts, auf die Isaakskathedrale zu und am noblen Jussupow-Palais (Nab. reki Moiki 94) vorbei - wo eine weitere berühmte Bluttat der russischen Geschichte geschah: Hier wurde 1916 Rasputin ermordet, der als umstrittener Geistheiler bei der Zarenfamilie in hohem Ansehen stand.

Nun ist schnell der Isaaksplatz erreicht, wo Sie vom Hotel Angleterre mit den Trolleybus-Linien 5 und 22 zum Newski Prospekt zurückfahren können.

Erholung vom Citygewühl: die grünen Inseln

Sprechen die Petersburger von „den Inseln“ (ostrowa), meinen sie drei üppig grüne Eilande im nördlichen Newa-Delta. Auf diesem Archipel kann man in 2,5 Stunden gemütlich von einer Metro-station zur anderen wandern - ohne viel Autoverkehr zu sehen.

Die Kreuzinsel, die größte des Insel-trios, ist bequem über die gleichnamige Metrostation Krestowski Ostrow zu erreichen. Doch noble Wohnanlagen, ein Rummelplatz und die Baustelle der neuen Fußballarena vergällen hier etwas das Frischlufterlebnis.

Nur 250 m nördlich der Metrostation führt eine Fußgängerbrücke auf die stille Jelagin-Insel, auf Amtsrussisch „ZPKiO im. Kirowa“ - der Kirow-Erholungs- und Freizeitpark. Das Kassenhäuschen (Eintritt: 30 Rbl) ist nur am Wochenende von 11 bis 19 Uhr besetzt, ansonsten ist der Zugang von 6 bis 23 Uhr frei. Nach der Brücke geht es links am Ufer entlang. Diese Insel vermag zu verzaubern: schattige, gewundene Kieswege, Sommercafés, neun miteinander verbundene Teiche im Innern, Skulpturen zwischen den Bäumen …

Nach etwa 1 km haben Sie den Westzipfel erreicht: Zwei steinerne Löwen rahmen den Blick ein, der von hier auf die Ostsee hinausgeht. Vor allem an Sommerabenden ist dies ein wunderbarer Platz.

Entlang des anderen, nördlichen Inselufers führt der Weg nun bis zu einer weiteren Zugangsbrücke, dort schwenken Sie kurz ins Inselinnere ab. Hier gibt es Gastronomie, einige Jahrmarktsvergnügen, einen Bootsverleih und ein Wildgehege. Hält man sich nun links, taucht der Jelagin-Palast aus dem dichten Grün auf: Carlo Rossi schuf 1818-26 für den Zarenhof dieses klassizistische Ensemble eines stilvollen Landsitzes, das sich dezent um eine große Wiese gruppiert. Der für Petersburger Verhältnisse kleine Palast mit seinen Festsälen, alten Interieuren und Sonderausstellungen ist als Museum zugänglich (Mi-So 10-18 Uhr | Eintritt 160 Rbl).

Die nahe „Erste Jelagin-Brücke“ führt nun auf die Steininsel hinüber, wo gleich das Kamenoostrowski-Theater zu sehen ist, das trotz der Optik eines griechischen Tempels aus Holz gebaut ist. Links vom Theater beginnt ein Weg durch den Park, von dem man, sofern Bäume und Bauzäune es erlauben, mehrere Villen von Anfang des 20. Jhs. sieht: Sie werden gegenwärtig alle renoviert. Unübersehbar ist dann die Jugendstil-Traumvilla eines Fabrikanten von 1904: Unter ihrem Zuckerhutdach hat sich heute das dänische Generalkonsulat eingerichtet. Auch heute ist die von alten Bäumen bestandene Steininsel wieder ein elitäres Wohngebiet, wovon einige Neubauten sowie die an den massiven Gartenmauern erkennbaren Staatsdatschen zeugen.

Laufen Sie weiter in Ostrichtung am Kanal entlang, dann stoßen Sie nach etwa 1 km zwangsläufig auf den stark befahrenen Kamenoostrowski Prospekt. Schwenkt man hier nach links und überquert die Uschakowski-Brücke über die Große Newka, ist nach 200 m auch schon die Metrostation Tschjornaja Retschka erreicht.

Die Metro: Stalins letzte Kathedralen

Diese etwa zwei Stunden dauernde Tour verlangt geradezu nach schlechtem Wetter - findet sie doch im tiefsten U-Bahn-Netz der Welt bis zu 100 m unter der Erde statt. Neben Petersburgs schönsten Metrostationen erschließt diese Route auch Pflichtpunkte für Eisenbahn-Nostalgiker.

Starten kann man an jeder beliebigen Metrostation, doch historisch interessant wird es erst am Ploschtschad Wosstanija. Hier war für die erste Leningrader Metrolinie, die 1955 in Betrieb genommen wurde, Endstation. Zehn Jahre nach Kriegsende wurde diese Station wie eine Ruhmeshalle gestaltet: Eichenlaubgirlanden schmücken die Gewölbedecke, und der Sowjetstern ist das häufigste Schmuckelement. Derartiger „Stalin-Barock“ findet sich aber nicht in allen Stationen, sondern nur in jenen, die schon vor dem Tod Stalins 1953 weit gediehen waren. Denn begonnen hatte man mit dem Metrobau nach Moskauer Vorbild schon 1941. Doch dann sorgte der Zweite Weltkrieg für eine Unterbrechung.

Zwei Stationen weiter ist die stilvolle Station Puschkinskaja erreicht - den Namen rechtfertigt das Puschkin-Denkmal auf dem Bahnsteig. Hier lohnt sich ein Aufstieg zur Oberfläche: Direkt neben dem Ausgang steht der 1904 fertiggestellte Witebsker Bahnhof, eine einmalige Schmuckschatulle des Jugendstils. Sein Wartesaal erscheint mit Kerzenleuchtern, Spiegeln und Marmorboden mehr wie ein nobler Festsaal, die Paradetreppe wäre eines Zarenschlosses würdig. Der Bahnhof ist fast ideal saniert, doch nicht modernisiert: Die Züge fahren im Obergeschoss ab, aber weder Lift noch Rolltreppen helfen beim Kofferschleppen! Und in der altmodischen Halle über den Gleisen hängt wegen der kohlebeheizten Schlafwagenwaggons Qualm in der Luft - wie im Dampflokzeitalter.

Die nächste sehenswerte Station ist Baltijskaja - vor allem ihr eindrucksvoll detailliertes Marmormosaik, das Revolutionäre und die „Aurora“ zeigt. Eisenbahnfans sollten wieder hinauf an die frische Luft, nicht wegen des hiesigen Baltischen Bahnhofs, sondern vielmehr wegen des stillgelegten (und in eine Shoppingmall verwandelten) Warschauer Bahnhofs, nur fünf Gehminuten nach rechts entfernt. Denn auf dessen alten Gleisen wurde ein großes Open-Air-Eisenbahnmuseum eingerichtet (tgl. 10-18, im Winter Mi-So 11-17.30 Uhr | Eintritt 150 Rbl).

Auf der roten Metrolinie folgen nun wahre unterirdische Kathedralen des Kommunismus: In den Stationen Narwskaja und Kirowski Sawod wird das werktätige Volk verherrlicht - sei es in Form von Reliefs im antiken Stil, sei es in Form einer mittelalterlichen Wappenhalle, wo Schilder und Helme Berg- und Maschinenbau, Öl- und Stahlindustrie repräsentieren. Abschluss und Höhepunkt ist die einstige Endstation Awtowo: Ihre Stuckdecke wird von zum Teil mit Glaskacheln verkleideten, mächtigen Säulen getragen. Das Licht kommt aus riesigen Kronleuchtern - und mitten durch diese pompöse Marmorpracht rauschen profane Metrozüge.